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Kirchenführer nahe der Kreuzung der Springfield Road und der Shankill Road in Nordirland Kirchenführer nahe der Kreuzung der Springfield Road und der Shankill Road in Nordirland  (AFP or licensors)

Nordirland: Anhaltende Spannungen am Jahrestag des Friedensabkommens

Am Jahrestag der Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens sieht sich Nordirland mit der schlimmsten Gewalt seit Jahren konfrontiert. Kirchenführer, Politiker und die Polizei rufen zu Ruhe und Dialog auf.

Mario Galgano und Lydia O´Kane - Vatikanstadt

Am 10. April 1998 wurde mit der Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens eine neue Ära des friedlichen Zusammenlebens in Nordirland eingeleitet. Nach dreißig Jahren der Gewalt, die als „The Troubles“ bekannt wurden, kam es zu einem Frieden, der bis zur Brexit-Debatte einigermaßen stabil war.

Zum Nachhören - welche Sorgen ein nordirischer Bischof derzeit hat

Das Wahrzeichen des Abkommens

Das Abkommen wurde von den Wählern auf der irischen Insel in zwei Referenden nur einen Monat nach seiner Unterzeichnung einstimmig angenommen und ebnete den Weg für das heutige dezentrale Regierungssystem Nordirlands. Es führte auch zur Schaffung einer Reihe von Institutionen zwischen Nordirland und der Republik Irland sowie zwischen der Republik Irland und dem Vereinigten Königreich.

Junge Randalierer in Nordirland
Junge Randalierer in Nordirland

Welle der Gewalt

Das Karfreitagsabkommen bleibt ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte Nordirlands, aber die Gewalt, die sich in den letzten zwölf Tagen in Belfast und anderswo entfaltete, habe wieder einmal die Fragilität dieses Friedens offenbart. Darauf weist Bischof Donal McKeown hin, der dreißig Jahre lang den Konflikt in Nordirland miterlebt hat und jetzt Bischof von Derry ist. Er sagt im Gespräch mit Radio Vatikan, dass er Traurigkeit über die letzten Ereignisse und Mitgefühl mit den Betroffenen empfinde.

Der irische Kirchenmann weist darauf hin, dass es immer die ärmeren Gebiete seien, die unter der Situation litten. Das sei auch früher so gewesen. Aber er stellt auch die Frage, wer von den Randalen auf den Straßen profitiere. „Es gibt immer jemanden, der sich darüber freut, der sich aber nicht die Hände schmutzig machen will... Indem sie junge Leute von zwölf, 14 und 16 Jahren dazu benutzen, zu schreien und zu brüllen, damit an die Regierung in London oder Dublin eine Botschaft geht.“

Die eigentlichen Drahtzieher der Unruhen agierten also im Hintergrund, so der Vorwurf des Bischofs.

Er erinnert an die dunkelsten Tage Nordirlands, als über 3.500 Menschen starben. Immerhin hätten in den vergangenen 23 Jahren die jungen Menschen in Nordirland das Glück gehabt, „dank dieses bahnbrechenden Abkommens in einem friedlichen Umfeld aufzuwachsen“.

Wenn es die Mächtigen und Starken wollen

Jetzt brächen wieder Unruhen auf, klagt Bischof McKeown: „In den letzten Nächten sind auf den Straßen dieser Stadt vor allem Teenager, manche erst dreizehn Jahre alt, an den Unruhen beteiligt. So geht das nicht. Es wird nur dann Frieden geben, wenn die Mächtigen und Starken wollen, dass es Frieden gibt“, betont der Bischof.

Eine weitere Frage, die gestellt werden müsse sei, „wie wir als zivilgesellschaftliche und kirchliche Führer diesen Gemeinden helfen, auf die Beine zu kommen und mit den Problemen, die sie haben, so umzugehen, dass ihre jungen Leute in die Zukunft blicken können und nicht nur in die Vergangenheit zurückgeschleppt werden.“

Elemente des Abkommens

Das Karfreitagsabkommen basierte auf drei „Strängen“, die als wesentlich für die Zukunft Nordirlands angesehen wurden. Der erste war der interne Strang, der sich auf die Zusammenarbeit der lokalen Parteien konzentrierte; ein weiterer war der Nord-Süd-Strang, der die Rolle der irischen Regierung beinhaltete. Das dritte Element war der Ost-West-Strang zwischen der britischen und der irischen Regierung.

Mit Blick auf diese drei Schlüsselbereiche des Abkommens sagt Bischof McKeown, es liege an den Politikern im nordirischen Parlament, mit gutem Beispiel voranzugehen und ein Modell guter Beziehungen zu etablieren. Er weist auch darauf hin, dass viele Menschen besonders in den Gebieten der „Loyalisten“ und der Arbeiterklasse fänden, dass der britische Ost-West-Dimension Einhalt geboten werden müsse.

„Nordirland wurde vergessen; man hat diejenigen vergessen, die für den Brexit stimmen sollten und die sich nun dadurch verraten fühlen“, so der Bischof unumwunden. Er betont auch, dass es keinen Sinn habe, von 16-Jährigen vor Ort zu verlangen, dass sie Vorbilder für gutes Benehmen sein sollten, wenn die Politiker kein echtes Interesse an Nordirland zeigen würden, „das alle diese Stränge des Karfreitagsabkommens umfasst“, fügt Bischof McKeown an.

Aufgeheizte Stimmung in Nordirland
Aufgeheizte Stimmung in Nordirland

Die Gesellschaft und ihre Auswirkungen

Angesprochen auf die Szenen randalierender Jugendlicher auf den Straßen von Belfast zeigt sich Bischof McKeown äußerst besorgt, er betont aber zugleich, dass es oftmals einfach eine Kopie sei von dem, was die Jugendlichen in Filmen, Computerspielen und politischen Diskursen sehen würden. „Sie übernehmen nur das, was bei Gewaltszenen üblich ist - und zwar, den schrecklichen Feind zu zerschlagen und der eigenen Wut Luft zu machen“, erläutert der nordirische Bischof.

„Wenn das die Denkweise ist, die so vielen jungen Menschen vor Augen geführt wird, warum um alles in der Welt sollten sie dann nicht denken, dass das die Art und Weise ist, wie wir im wirklichen Leben vor Ort handeln? Deshalb ist es Teil unserer Aufgabe als Kirchen, die Mächtigen hier herauszufordern, anstatt nur die Kleinen und die Armen zu verurteilen, die natürlich in die Irre geführt wurden, denen aber sehr schlechte Vorbilder gegeben wurden, wie man Probleme löst.“

Erinnerungen an „The Troubles“

Für viele Menschen in Nordirland seien die Erinnerungen an Anschläge und Morde noch immer lebendig. Nachdem in den letzten 20 Jahren ein relativer Friede herrschte, wolle die Mehrheit in Nordirland jetzt nicht in die Tage der Kugeln und Bomben zurückkehren. Bischof McKeown räumt ein, dass die gegenwärtigen Unruhen sehr schmerzhafte Erinnerungen an dreißig Jahre Gewalt, Brutalität und Verlust wachrufen:

„Es sind die Armen, die Gebiete der Arbeiterklasse und der Arbeitslosen, die immer am meisten leiden in Bezug auf den Verlust von Leben und die Zeit im Gefängnis“, sagt er.

In diesem Sinne betont der Bischof, dass aus kirchlicher Sicht unangenehme Fragen gestellt werden müssten, „um sicherzustellen, dass es nicht wieder die ärmeren Gebiete sind, die weiter benachteiligt werden.“

Angesichts der anhaltenden Spannungen reagierten die Kirchenführer am Freitag auf die jüngsten Gewalttaten, indem sie einen ökumenischen Gottesdienst abhielten und nahe der Kreuzung zwischen der Springfield Road und der Shankill Road spazierengingen, an den Schauplätzen der tagelangen Unruhen. Damit setzten sie ein Zeichen, „dass die Liebe viel stärker ist als der Hass“, hebt Bischof McKeown hervor.

(vatican news)

12 April 2021, 11:13