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Friedhof in der Nordprovinz Marib Friedhof in der Nordprovinz Marib 

Im Jemen gehen die Lichter aus

Was ist die „schlimmste humanitäre Katastrophe“ in der Welt von heute? Nach Ansicht der Vereinten Nationen ist es der Krieg im Jemen. Achtzig Prozent der Bevölkerung – das sind über 24 Millionen Menschen – brauchen humanitäre Hilfe; 66 Prozent sind völlig darauf angewiesen.

Die sechs Kriegsjahre haben über vier Millionen Menschen, darunter mehr als die Hälfte Kinder, zu Flüchtlingen gemacht. Mangelernährung, Armut und die Corona-Pandemie verdüstern das Bild weiter.

In Genf findet an diesem Montag eine von der UNO organisierte Geberkonferenz statt; es bleibt abzuwarten, ob die Staatengemeinschaft großzügiger auftreten wird als letztes Jahr, als nur die Hälfte der für humanitäre Hilfe nötigen Gelder aufzutreiben waren.

„Die Lage bewegt sich weiter am Rand einer Katastrophe“, sagt uns in einem Interview der Schweizer Kapuziner Paul Hinder. Er ist Bischofsvikar für das südliche Arabien, mit Sitz in Abu Dhabi in den Emiraten.

Nach einem Luftangriff auf die Hafenstadt Hodeida - Aufnahme vom Sonntag
Nach einem Luftangriff auf die Hafenstadt Hodeida - Aufnahme vom Sonntag

Etwa 400.000 Kindern droht der Hungertod

„Da ist das Problem des Hungers, der Gesundheit, vor allem aber das Problem des Kriegs und der Unsicherheit mit allen Konsequenzen, die sich denken lassen. Dazu kommt eine Trockenheit, die für die Bauern schlimm ist. Das ist ein Zusammenspiel negativer Elemente, die die Lage im Jemen bestimmen.“

Man könnte auch noch den gestiegenen Ölpreis zu den negativen Elementen hinzuzählen. Oder die katastrophale Infrastruktur, die dazu führt, dass eine Reise zum nächsten Krankenhaus für viele Jemeniten mehrere Tage in Anspruch nimmt.

Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass dieses Jahr 2,3 Millionen Kinder unter fünf Jahren im Jemen unter akuter Mangelernährung leiden werden. Etwa 400.000 Kindern droht der Hungertod.

Die 13-jährige Ahmadiya Juaidi leidet an Mangelernährung - wie viele Kinder im Jemen
Die 13-jährige Ahmadiya Juaidi leidet an Mangelernährung - wie viele Kinder im Jemen

„Das ist eine triste Realität, aus der man schwer herauskommt. Solange es keinen Waffenstillstand gibt und die Konfliktparteien sich nicht an einen Tisch setzen, haben humanitäre Organisationen, die dem Jemen helfen wollen, keinen Zugang. Das wird katastrophal für die Kinder – aber nicht nur für sie.“

Zum Nachhören: Interview mit Bischof Paul Hinder zur katastrophalen Lage im Jemen

Houthi-Milizen haben ihre Offensive verstärkt

Von Waffenstillstand und Dialog ist derzeit im Jemen nichts zu sehen. Das blutige Geschehen im Land ist nicht nur ein interner Bürgerkrieg, sondern auch ein Stellvertreter-Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. Die Saudis versuchen, durch Luftschläge eine international anerkannte Regierung wieder ans Ruder in Sana‘a zu bringen.

Bis vor kurzem hatten sie dafür die Unterstützung der USA – doch die hat ihnen der neue Präsident Joe Biden jetzt aufgekündigt. Das gibt wiederum den vom Iran unterstützten Houthi-Milizen Auftrieb, die ihre Offensive verstärkt haben. Hinder glaubt nicht an einen baldigen Frieden.

Houthi-Rebellen am Sonntag in der Hauptstadt Sana'a
Houthi-Rebellen am Sonntag in der Hauptstadt Sana'a

„Ich sehe bei denen, die so eine Entscheidung treffen könnten, nicht den Willen dazu. Da bin ich ein bisschen skeptisch… Keiner der Akteure traut dem anderen, und so lässt sich doch keine gemeinsame Basis finden… Ohne Waffenstillstand und politische Lösung wird der Krieg einfach weitergehen – innerhalb des Jemen und leider auch mit dem Einfluss von draußen.“

„Von außen ist es fast unmöglich, irgendetwas für das Land zu tun“

Welche Hilfen bräuchte der Jemen jetzt am dringendsten?, fragen wir Bischof Hinder. Seine Antwort: „Schwer zu sagen, denn die Bedürfnisse variieren je nach Region im Jemen. Natürlich sind Nahrungsmittel oder Hilfen im Gesundheitswesen besonders dringend – man darf aber auch nicht den Schulbereich vergessen. Seit Kriegsbeginn ist das Schulwesen teilweise zum Erliegen gekommen, und das hat katastrophale Folgen für die Zukunft.“

Bischof Paul Hinder (Foto: Kempis)
Bischof Paul Hinder (Foto: Kempis)

Die katholische Kirche ist im Jemen so gut wie inexistent, berichtet der Bischof. Sie besteht – das ist bei ihm in Abu Dhabi nicht anders – fast ausschließlich aus Gastarbeitern von außen. Auch ein paar Mutter-Teresa-Schwestern arbeiteten noch in der Hauptstadt.

„Das ist eine sehr traurige Lage, und von außen ist es fast unmöglich, irgendetwas für das Land zu tun. Ich bin in Kontakt mit einigen internationalen Organismen oder auch mit der Caritas Polen, die ein Büro im Jemen hat… Aber die Möglichkeiten sind gering. Es ist wirklich eine traurige Lage… zum Heulen. Zwar bleibt uns die Hoffnung, aber manchmal fragen auch wir Gott: Warum, Herr? Warum?“

(vatican news – sk)
 

01 März 2021, 10:13