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Was ist gutes Leben? Was ist gutes Leben? 

Orthodoxes Sozialethos: Angebot zur Debatte über das rechte Leben

Die orthodoxen Kirchen kennen keine amtliche Soziallehre, haben aber ein gleichsam gelebtes Sozialethos herausgebildet. Dieses hat das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel erstmals in einem Dokument auf den Punkt gebracht, das nun auch auf Deutsch vorliegt – und erhellende Einblicke ermöglicht. Ein Interview.

Gudrun Sailer – Vatikanstadt

Wie lebt man als Christin und Christ in der Welt von heute so, dass es zur Selbstheiligung und zur Heiligung der Welt beiträgt? Antworten auf diese Grundfrage im christlich-orthodoxen Lebensvollzug will ein Dokument geben, das unter Federführung des Ökumenischen Patriarchates von Konstantinopel im März 2020 in 14 Sprachen erschienen ist und nun auch auf Deutsch vorliegt. Daran mitgearbeitet hat der deutsche griechisch-orthodoxe Priester P. Stefanos Athanasiou, der an der Universität Fribourg in der Schweiz orthodoxe Theologie lehrt. Wir sprachen mit ihm.  

Radio Vatikan: P. Stefanos, Sie haben dieses schriftlich zusammengefasste Sozialethos als Sensation bezeichnet, weil bisher die orthodoxe Kirche sich nicht mit solchen Themen befasst hat. Warum tut sie es jetzt?

Stefanos Athanasiou: Die orthodoxe Kirche möchte betonen, und in besonderer Weise das Ökumenische Patriarchat, dass die sozialen Veränderungen, die wir uns herbeiwünschen, nicht einfach so kommen können, nur weil wir dokumentierend auf sie hinweisen, sondern sie möchte betonen, dass diese Veränderung durch das spirituelle Leben stattfinden kann. Sie verlangt also von den Gläubigen, am spirituellen Leben teilzunehmen, sodass die Verwandlung, die wir uns herbeiwünschen, durch das geistliche Leben entsteht. Das ist der Hauptpunkt. Man sieht, dass sich die orthodoxe Kirche schwergetan hat, systematisch über Sozialkonzepte nachzudenken. Als im Jahr 2000 die Russisch-Orthodoxe Kirche eine Sozialkonzeption zusammengestellt und veröffentlicht hat, haben die anderen autokephalen orthodoxen Kirchen mit einem vorsichtigen Auge darauf geschaut, weil man nicht daran glaubt, dass einfach nur im Dokumentieren und Aufzeigen eine Veränderung stattfinden kann. Die Veränderung findet statt durch das spirituelle Leben, durch die Liturgie, durch das Gebet. Durch diese Art können Christinnen und Christen der Welt zeigen, wie man ein ethisches Leben führt in Jesus Christus.

„Es soll zum Dialog führen zwischen den orthodoxen Gläubigen weltweit“

Radio Vatikan: Das Dokument wird sehr konkret, damit es ein Leitfaden für orthodoxe Gläubige in ihrem Lebensvollzug sein kann. Abtreibung und Euthanasie finden sich darin abgelehnt, aber etwa anders als die katholische Kirche erhebt die orthodoxe keine Einwände gegen Verhütungsmittel oder gegen künstliche Befruchtung, sofern keine Embryonen dabei zu Schaden kommen. Und eine regelrechte Forderung wird erhoben mit Blick auf Menschen, die Suizid begehen: Für sie fordert das orthodoxe Sozialethik-Dokument ein kirchliches Begräbnis. Inwiefern verstehen sich solche Aussagen letzten Endes dann doch als Fortentwicklung orthodoxer Lehren, obwohl dieses Dokument nicht lehren, sondern eher begleiten will?

Stefanos Athanasiou: Mit einer Lehre wird ausgedrückt: das ist der Glaube der Kirche. Das Dokument ist in dem Sinn keine Lehre. Sondern eine Kommission hat das zusammengestellt auf Einladung des Ökumenischen Patriarchates. Es wurde 2020 im März öffentlich für die gesamte Orthodoxie gemacht und es soll zum Dialog führen zwischen den orthodoxen Gläubigen weltweit. Denn über diese verschiedenen Thematiken gibt es auch verschiedene Ansichten bei Theologinnen und Theologen. Das ist in den anderen Kirchen nicht anders, es gibt Diskussionen und verschiedene Perspektiven über schwere ethische Themen. Und hier sieht man, es entsteht ein neuer Dialog der - wie ich das nenne - West-Orthodoxie, der vielen westlichen orthodoxen Theologinnen und Theologen, und jener Theologinnen und Theologen, die vor allem in den orthodoxen Heimatländern leben und wirken.

Radio Vatikan: Und eine dieser Thematiken ist das kirchliche  Begräbnis von Personen, die Suizid begangen haben.

Stefanos Athanasiou: Da ist es traditionell wahrhaftig so, dass man diese Menschen nicht kirchlich beisetzt, weil man sagt, dass jemand, der sich das Leben genommen hat, dieses Geschenk des Lebens nicht angenommen hat. Jetzt ruft das Dokument auf zu sagen, nein, wir müssen diese Tradition ändern, denn die Wissenschaft hat heute bewiesen, dass viele dieser Menschen psychisch krank waren oder auch andere Gründe bestanden. Da soll die pastorale Liebe der Kirche zum Ausdruck kommen, dass man auch diese Menschen beisetzt und für sie besonders betet. Es ist ein Aufruf und soll zur Diskussion führen. Ich bin gespannt, wie das innerhalb der Orthodoxie diskutiert werden wird.

Hier zum Hören:

Radio Vatikan: Neu in diesem Dokument ist auch ein „dritter Lebensweg“, dass also auch Menschen akzeptiert sind, die weder als Mönch oder Nonne noch in einer Familie leben. Welche Erkenntnis spricht daraus?

Stefanos Athanasiou: Ja, die orthodoxe Kirche kannte zumindest offiziell die längste Zeit nur zwei Lebensformen. Das Verheiratetsein oder das mönchische Leben. In dem Sinn greift die Orthodoxie einen Punkt auf zu sagen, ja, in der Realität leben mittlerweile auch viele Menschen, die weder verheiratet noch im Kloster eingeschrieben sind. Hier wird das Hinschauen propagiert: man muss die Realität wahrnehmen und sich pastoral damit beschäftigen. Das möchte das Dokument damit betonen. 

„Wenn die Orthodoxie vom Diakonat der Frau spricht, stellt sie das nicht gleich mit dem liturgischen Diakonat“

Radio Vatikan: Thema Frauen - das orthodoxe Sozialethos-Dokument regt die Wiederbelebung des Frauendiakonats an. Warum?

Stefanos Athanasiou: Das ist eine Diskussion, die vor allem im Westen geführt wird, und weil die Orthodoxie mittlerweile auch im Westen ist, kommen solche Diskussionen in die orthodoxen Heimatländer. Abgesehen davon wissen wir auch, es ist wissenschaftlich und traditionell bewiesen, dass wir am Anfang des Christentums das Frauendiakonat kannten. Auch heute haben verschiedene orthodoxe Kirchen das Frauendiakonat auf gewisse Art schon eingeführt. Zum Beispiel die orthodoxe Kirche von Griechenland, das war damals ein einmaliges Ereignis, das sich nicht wiederholt hat, der ehemalige Erzbischof von Athen hat einer Frau das Diakonat gespendet. Die orthodoxe Kirche von Alexandria macht das auch. Was ich betonen möchte, damit es da keine Missverständnisse gibt: wenn die Orthodoxie vom Diakonat der Frau spricht, stellt sie das nicht gleich mit dem liturgischen Diakonat, das wir kennen, von der Eucharistiefeier, in der der Diakon dient. Das Diakonat der Frau wird in der Orthodoxie ähnlich verstanden wie das, was in der katholischen Kirche jede Pastoralassistentin macht. Dass sie die Kommunion spenden kann, zum Beispiel – das darf in der Orthodoxie nur der Priester oder eben in gewissen Fällen auch der Diakon, aber kein Laie. In dem Sinn sollen der Frau mehr Rechte gegeben werden, etwa der Besuch in Krankenhäusern, um dort die Kommunion zu spenden. In dem Fall sprechen wir hier von einem eher pastoralen Diakonat und keinem liturgisch-eucharistischen Diakonat.

„Der Nationalismus ist ein großes Problem der Orthodoxie heute“

Radio Vatikan: Das orthodoxe Sozialethos-Dokument verurteilt Nationalismus. Wer orthodoxer Christ ist, kann nicht Nationalist sein. Nun ist die Orthodoxie national verfasst. Inwiefern ist ein so klares Wort gegen Nationalismus in der Orthodoxie als Selbstkritik zu verstehen?

Stefanos Athanasiou: Auf jeden Fall – es ist eine große Selbstkritik. Und das ist das Schöne an diesem Dokument, dass man von dieser Selbstkritik nicht schweigt, sondern die eigenen Probleme aufzeigt. Der Nationalismus ist ein großes Problem der Orthodoxie heute. Es ist aber nicht ein neues Phänomen, dass sich ein Dokument damit beschäftigt. Wir hatten schon Ende des 19. Jahrhunderts dazu eine Synode in Konstantinopel, die den Nationalismus als Häresie verurteilt hat. Heute, auf dieser Tradition basierend, zeigt man wieder auf, dass der Nationalismus als ein Krebsgeschwür gesehen wird. Er wird der eigentlichen Intention des Christseins der Orthodoxie nicht gerecht und ist nicht vereinbar mit der orthodoxen Theologie und Selbstauffassung. 

Radio Vatikan: Warum veröffentlicht nicht die Gesamtorthodoxie ein solches wertvolles Dokument für die Gesellschaft?

Stefanos Athanasiou: Wir sehen ja, dass im Jahr 2000 die russisch-orthodoxe Kirche ein Dokument verfasst hat, nun das Ökumenische Patriarchat. Die panorthodoxe Synode von Kreta hat hier viele Gedanken aufgegriffen, die auch in diesem Dokument stehen. Nun geht es um die Rezeption. Das Ökumenische Patriarchat als eine autokephale Kirche hat für sich die Verantwortung gesehen, das zu rezipieren und einen Dialog anzuregen. Nun muss jede autokephale orthodoxe Kirche an diesem Dialog teilnehmen: Alle sind aufgerufen, sich mit solchen Themen zu beschäftigen und Vorschläge für die Weltorthodoxie einzubringen, damit ein Dialog entstehen kann. Sodass zum Schluss ein einziges, gemeinsames Dokument verfasst wird.

Für das Leben der Welt. Auf dem Weg zu einem Sozialethos der Orthodoxen Kirchen. Übersetzt und herausgegeben von Barbara Hallensleben. Aschendorff, Münster 2020.

Gut zu lesen: das neue orthodoxe Sozialwort.
Gut zu lesen: das neue orthodoxe Sozialwort.

(vatican news)

 

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01. Februar 2021, 08:59