Suche

Vatican News
Szene nach einem Anschlag in Kabul Szene nach einem Anschlag in Kabul 

Afghanistan: Das Land in der Dauerkrise

Seit Jahrzehnten leidet Afghanistan unter gewaltsamen Konflikten. Der harte Winter und die Corona-Pandemie verschärfen die ohnehin angespannte Lage momentan noch weiter. Die Caritas-Referentin Vera Jeschke ist vor Ort.

DOMRADIO.DE: Wie erleben Sie den Alltag in Afghanistan?

Vera Jeschke (Caritas International): Der Alltag in Afghanistan ist natürlich schwer für die Menschen hier, die ja nicht nur unter der Armut und dem Mangel leben, sondern auch unter einer sehr schwierigen Sicherheitslage. Ich bin jetzt aktuell in Kabul. Hier gibt es jeden Tag mehrere Anschläge. Im ganzen Land werden uns jede Woche etwa 800 gewaltsame Auseinandersetzungen, Konflikte, Anschläge gemeldet. Das ist natürlich etwas, was vor allem die lokale Bevölkerung betrifft.

Die Menschen leiden unter vielen Dingen. Darunter, dass es keinen Frieden gibt, dass es keine Perspektive gibt, dass die Arbeitsplätze weniger werden, dass Covid-19 natürlich hier im Land vorhanden ist und seine Konsequenzen zeigt. Es ist insgesamt eine sehr schwierige Situation, aber wir sind vor Ort und wir können humanitäre Hilfe leisten. Das ist doch eigentlich ein guter Startmoment.

„Vierzig Jahre Konflikt und Krieg“

DOMRADIO.DE: Was für Projekte unterstützen Sie derzeit in Afghanistan?

Jeschke: Als Caritas International sind wir das Not- und Katastrophen-Hilfswerk der katholischen Kirche und leisten entsprechende Hilfe. Aber Afghanistan gehört zu den sogenannten Langzeitkrisen. Hier gibt es nach wie vor Schockmomente, wo die Menschen zum Beispiel durch Überschwemmungen ihre Lebensgrundlage verlieren. Aber dieses Land ist natürlich von 40 Jahren Konflikt und Krieg geprägt. Auch der Klimawandel spielt eine Rolle. Wir sind ja sehr hoch hier auf 2.000 bis 3.000 Metern in einer kargen Gebirgslandschaft. Dadurch sind die Menschen den Folgen noch viel stärker ausgesetzt als in anderen Weltregionen.

Afghanische Mädchen beim Taekwondo. Unter den Taliban war Sport für Mädchen verboten.
Afghanische Mädchen beim Taekwondo. Unter den Taliban war Sport für Mädchen verboten.

Wir leisten jetzt ganz aktuell Winterhilfe. Das haben wir gerade abgeschlossen. Wir haben Decken an Menschen verteilt, die unter sehr prekären Verhältnissen leben. Wir haben sehr viel Bargeld verteilt, was einerseits hilft, die Grundbedürfnisse zu stillen, also sich selber Nahrungsmittelzu kaufen und das, was die Familie braucht, aber natürlich auch in den städtischen Ballungsgebieten Mietzahlungen leisten zu können.

Wir haben in den ländlichen Gebieten, zum Beispiel im zentralen Hochland von Afghanistan, auch Tierfutter verteilt oder Saatgut für Tierfutter, sodass die Menschen dann nicht nur ihre Tiere über den Winter bringen, sondern auch im Frühjahr bessere Startchancen haben.

„Wir können im Prinzip nicht weiter als bis zur übernächsten Ecke schauen“

DOMRADIO.DE: Unterstützen Sie auch Projekte, die mittelfristiger angelegt sind?

Jeschke: Das machen wir natürlich auch. Das ist natürlich schwierig in so einem Kontext wie Afghanistan, wo wir im Prinzip nicht weiter als bis zur übernächsten Ecke schauen können, was die Perspektiven betrifft. Das einzige, was wir wissen, ist, dass die Menschen hier unter extremer Not leiden und sich die Auswirkungen jeder Hilfe, auch wenn sie langfristig geplant ist, oft nur sehr kurzfristig halten lassen.

Wir haben des weiteren zum Beispiel Projekte der Mutter- und Kind-Gesundheit, die wir schon lange finanzieren und durchgehend unterstützen. Kinder wachsen ständig nach. Junge Mütter sind ständig in Not oder brauchen medizinische Unterstützung, auch Gesundheitsaufklärung. Sie brauchen einfach Unterstützung im Umgang mit ihren Kindern. Vor allem wenn sie in Flüchtlingslagern leben, wie zum Beispiel hier in Kabul.

Afghanische Frauen bei einer Friedensdemonstration in Herat
Afghanische Frauen bei einer Friedensdemonstration in Herat

Rund um Kabul gibt es mehrere Dutzend von diesen informellen Flüchtlingslagern mit extrem schwierigen hygienischen Bedingungen, also keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Im Winter gibt es Matsch oder Schnee, im Sommer extreme Hitze mit hygienischen Umständen, wo die Abwässer zum Teil auf die Straßen hinauslaufen und die Menschen sowie die Kinder dort mit Plastik-Sandalen herumlaufen. Das sind schon sehr, sehr schwierige Bedingungen.

Wir fördern aber auch - und das ist auch ein langfristiges Engagement von uns - ein Projekt für Drogenabhängige hier in Kabul. Die Menschen werden durch die Armut, durch große Abhängigkeit in die Drogen getrieben. Manchmal werden sie von ihren Arbeitgebern mit Drogen versorgt, damit sie keine Schmerzen verspüren und bei ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen immer weiter gehen können. Diese Menschen landen schlussendlich als Obdachlose auf der Straße. So ein Projekt haben wir, wo wir diese Menschen versuchen, aus der Sucht zu führen, diese schwere Not, in der sie sich befinden, etwas zu lindern und ihnen Perspektiven aufzuzeigen, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

„Corona-Pandemie ist weit weg vom Alltag der Menschen“

DOMRADIO.DE: Wie wirkt sich denn die Corona-Pandemie aus? 

Jeschke: Das ist sehr weit weg vom Alltag der Menschen. Hier in unserem Büro achten wir auf Abstand, Hygiene, Händewaschen, Masken und Lüften. Aber das ist wie so eine Art Oase in einer ganz anderen Welt. Man sieht im Straßenbild natürlich auch Menschen die Maske tragen, aber die meisten Menschen tun das nicht.

Und Abstand kann kulturell in der afghanischen Gesellschaft eigentlich gar nicht richtig gehalten werden. Die Großfamilien leben in Verbünden zusammen. Wohnraum ist knapp. Da kann es keinen Abstand geben. Es gibt hier auch Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation vom letzten Juli. Da ging man davon aus, dass möglicherweise 30 Prozent der Bevölkerung die Infektion bereits irgendwie mitgemacht haben. Es gibt noch mal weitere Schätzungen von Ende des Jahres, dass es vielleicht schon bis zu 50 Prozent der Bevölkerung sind. Das kann niemand wissen.

Es gibt extrem geringe Test-Kapazitäten. Bis zum Jahresende 2020 waren noch nicht einmal 200 Tests gemacht worden bei einer Bevölkerung von etwa 36 Millionen Menschen. Das heißt, alles, was wir an Zahlen kennen, ist so vage, dass man eigentlich nicht wirklich eine Zahl nennen möchte.

(domradio.de – gs)

19 Februar 2021, 11:28