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Bartholomaios I. Bartholomaios I. 

Sozialwort des Ökumenischen Patriarchates jetzt auch auf Deutsch

Das im vergangenen Jahr veröffentlichte Sozialwort des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel liegt jetzt unter dem Titel „Für das Leben der Welt. Auf dem Weg zu einem Sozialethos der Orthodoxen Kirche“ auch auf Deutsch vor.


Das Dokument wurde weitgehend in der orthodoxen Diaspora in Nordamerika erarbeitet und 2020 von der Heiligen Synode des Ökumenischen Patriarchats verabschiedet. Es geht konkret auf Herausforderungen der Gegenwart ein und ist geleitet von einer klaren Option für die Armen, wie der Ökumene-Dienst der deutschen katholischen Nachrichtenagentur (KNA) in seiner aktuellen Ausgabe berichtet.

Breites Themenspektrum

In dem Dokument werden Themen wie Umwelt, Sexualität und Familie, Missbrauch, Bioethik, aber auch Ökumene und Religionsfreiheit aus orthodoxer Sicht behandelt. Unterschiede zur katholischen Lehre gibt es etwa im Bereich des Zugangs von Wiederverheirateten zu den Sakramenten, zur Geburtenkontrolle und künstlichen Befruchtung. Im Hinblick auf geistliche Ämter für Frauen zeigt sich das Dokument überraschend offen.

Patriarch Bartholomaios I. betont im Geleitwort zur deutschen Ausgabe, der Text biete keine Gesamtdarstellung der Soziallehre der Orthodoxen Kirche. „Er ist eine gute Vorlage für einen ernsthaften Dialog über das christliche Sozialethos und seine Gegenwärtigkeit - mit den anderen Kirchen und den Religionen, mit der Welt von heute, den Institutionen, den Politikern, mit den sozialen, humanistischen und ökologischen Bewegungen, mit den Menschenrechten, mit der Jugend und mit allen interessierten Individuen und Gruppen.“ Das Dokument könne auch dazu beitragen, Vorurteile über die Orthodoxe Kirche, über ihre Spiritualität und ihren Weltbezug zu überwinden.



Heiße Eisen der aktuellen Moraldebatte

Nach den orthodoxen Postulaten einer ganzheitlichen Pflege der Umwelt, worüber heute gesamtchristlicher Konsens herrscht, wendet sich das Dokument ausführlich den heißen Eisen der aktuellen Moraldebatte zu. Gleich eingangs der Pädophilie: Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen müssten sofort den zivilen Behörden und nicht nur dem zuständigen Bischof angezeigt werden, heißt es.

Auch die orthodoxe Kirche verteidigt das Ideal vorehelicher Enthaltsamkeit. Sie weist aber darauf hin, wie schwer dies angesichts des heutigen Missbrauchs der Sexualität als „Konsumierungsstrategie und Konsumgut“ geworden ist. In der Jugendpastoral solle daher nicht mit Verboten gearbeitet, sondern die Vision vom Körper als Tempel des Heiligen Geistes herausgestellt werden.

Konfessions- und auch religionsverbindende Ehen werden aus orthodoxer Sicht gebilligt, wenn auch nicht empfohlen. Kirchlich geschlossene Ehen sollen auf Lebenszeit dauern, doch ist bis zu zweimal ihre Auflösung möglich. Auf keinen Fall dürfen Geschiedene und Wiederverheiratete von den Sakramenten ausgeschlossen werden. Hier unterscheidet sich die römisch-katholische Lehre deutlich. Selbiges gilt auch für „künstliche“ Mittel zur Geburtenregelung. Diese werden ausdrücklich zugelassen. Dasselbe gilt für künstliche Befruchtung, doch dürfen dabei keine schon befruchteten Eizellen vernichtet werden.

Themen Abtreibung, Religionsfreiheit, Diakonat

Ganz klar ist die Orthodoxie hingegen in ihrer Ablehnung jeder Form und Begründung von Abtreibung, die „eugenische“ nicht ausgenommen: Jedes noch so missgestaltete, kranke oder geistig behinderte Kind sei zum Leben auf Gott hin berufen, heißt es.

Ausführlich beschäftigt sich das Dokument auch mit Religionsfreiheit in allen ihren Aspekten: etwa mit Gewissens- und Glaubensfreiheit persönlich und in Gemeinschaft, das Recht auf privaten wie öffentlichen Gottesdienst und die religiöse Erziehung der Jugend durch die Kirche selbst.

Zur Frage der Frauen in der Kirche findet sich in dem Dokument Zustimmung zum Frauendiakonat. „Die Kirche muss weiterhin darüber nachdenken, wie Frauen am besten am Aufbau des Leibes Christi teilhaben können, und das schließt auch die Erneuerung des Frauendiakonats mit ein“, heißt es wörtlich.

Patriarch Bartholomaios betont in seinem Vorwort ausdrücklich, dass der Text „kein Nachtrag, keine Ergänzung und keine Antwort“ zu einem ähnlichen Dokument des Moskauer Patriarchats sei, „der seinen Wert und seine eigene Rezeptionsgeschichte hat“. Übersetzt wurde das Dokument, das im Aschendorff Verlag erschienen ist, von der in Fribourg (Schweiz) lehrenden Ökumenikerin Barbara Hallensleben.

(kap/kna – pr)

28 Januar 2021, 12:40