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Andreas Wenzel bei einem Hilfseinsatz in Mosambik Andreas Wenzel bei einem Hilfseinsatz in Mosambik 

Flüchtlinge in Mosambik: „Wir haben unser eigenes Mittelmeer“

Mosambik kommt nicht zur Ruhe. Insbesondere im Norden des Landes treiben marodierende Terrorgruppen, die sich dem so genannten Islamischen Staat verpflichtet sehen, weiterhin ihr Unwesen. Die Menschen versuchen verzweifelt, nur mit ihrer Kleidung am Leib und kaum seetauglichen Booten ausgerüstet, sicherere Gegenden im Süden zu erreichen. Der Deutsche Andreas Wenzel, der seit 2000 in Mosambik für verschiedene Caritas-Organisationen tätig war und dort derzeitig als Berater humanitärer Organisationen fungiert, bringt es im Gespräch mit Radio Vatikan auf den Punkt: „Wir haben hier unser eigenes Mittelmeer.“

Christine Seuss - Vatikanstadt

Erst vor knapp zwei Wochen kam es in Mosambik wieder zu einem Massaker an Zivilisten, das an Grausamkeit kaum zu überbieten war. In der Provinz Muidumbe im Norden des Landes hatten die skrupellosen Terroristen mehrere Dörfer attackiert und etwa 50 junge Männer auf einem Sportplatz zusammengetrieben, verstümmelt und getötet. Frauen und Kinder wurden verschleppt. Da die Angreifer die Telefonleitungen gekappt hatten, wurde der Terrorakt erst in den vergangenen Tagen publik. Der französische Präsident Emmanuel Macron reagierte mit einem betroffenen Tweet auf die Nachricht, die Vereinten Nationen fordern eine Untersuchung der Vorfälle.

EIn ähnlicher Vorfall hat sich im August 2019 in dem Dorf Aldeia da Paz ereignet, das von den Terroristen nahezu vollständig zerstört worden ist
EIn ähnlicher Vorfall hat sich im August 2019 in dem Dorf Aldeia da Paz ereignet, das von den Terroristen nahezu vollständig zerstört worden ist

Denn derartige Gräueltaten sind leider mittlerweile nicht mehr nur isolierte Vorkommnisse. Bei den Tätern handelt es sich um eine islamistische Terrororganisation, die unter verschiedenen Namen auftritt, bekannt ist sie vor allem unter der Bezeichnung Al-Shabaab oder Ansar Al-Sunna. Seit etwa 2017 treibt sie in der Region ihr Unwesen.

„Eine humanitäre Katastrophe, die von den Medien unbeachtet abläuft“

Und das, was sich dort abspielt, ist in der Tat eine „humanitäre Katastrophe, die von den Medien unbeachtet abläuft“, klagt am Mikrofon von Radio Vatikan Andreas Wenzel. Er lebt seit 2000 in Mosambik, wo er lange Jahre in Diensten der Caritas stand. Mittlerweile ist er als Berater für humanitäre Organisationen in der südlichen Stadt Beira tätig.

Zum Nachhören

„Man kann diese Katastrophe durchaus betiteln mit:  ,Wir haben hier unser eigenes Mittelmeer'“, meint Wenzel. „Die Menschen, die in dieser Gegend wohnen und die am Meer aufgewachsen sind, versuchen jetzt mit ihren kleinen Booten, zum Teil Einbäumen und Paddelbooten, über den Indischen Ozean immer weiter nach Süden zu gelangen, um sich dem Zugriff der Al-Shabaab-Milizen zu entziehen und einfach ihr Leben zu retten. Denn Opfer zu werden ist in einigen Gegenden relativ klar vorhersehbar. Im Distrikt Muidumbo [in dem sich auch die jüngsten Attacken ereignet haben, Anm.] sind von elf Dörfern mittlerweile neun in der Hand der Milizen, es ist also nur eine Frage der Zeit, wann auch die anderen beiden eingenommen werden. Es ist also eine sehr sehr heikle Situation und die humanitäre Situation ist sehr brenzlig.“

Muslime werden durch muslimische Terroristen angegriffen

Mosambik liegt im Südosten Afrikas und entwickelt sich über 2.800 Kilometer am Indischen Ozean entlang. Die Hauptstadt Maputo liegt im äußersten Süden. Das Land ist relativ dünn besiedelt, etwa 30 Millionen Einwohner leben auf einer Fläche, die dem Doppelten von Deutschland entspricht. Capo Delgado, eine der besonders betroffenen Provinzen mit der Diözese Pemba, liegt im Norden, nahe der Grenze zu Tansania. Es handelt sich um eine der Regionen, die am reichsten an Bodenschätzen und natürlichen Ressourcen sind, erst kürzlich wurde ein weiteres enormes Erdgasvorkommen entdeckt. Doch die Erträge dieser Reichtümer kommen bei der lokalen Bevölkerung kaum an. Andreas Wenzel kennt die Gegend aus seiner langjährigen Tätigkeit bei der Caritas gut.

„Der Küstenstreifen ist sicherlich zu 90 Prozent muslimisch orientiert. Ich war in den 2000er-Jahren oft in Capo Delgado und habe diesen Islam als einen unglaublich friedlichen erlebt. Die Menschen dort haben sehr friedlich mit den Christen zusammengelebt. Jetzt werden diese Leute von dieser islamistischen Miliz selbst bedroht, entführt, misshandelt, getötet... Es ist also ein Krieg, der keine religiösen Hintergründe hat, es geht nicht um Christen gegen Muslime, sondern es sind hauptsächlich Muslime gegen andere Muslime. Und das Ziel ist es, eine Destabilisierung der Provinz Capo Delgado zu erreichen.“

„Es ist also ein Krieg, der keine religiösen Hintergründe hat“

Die Angreifer kommen in der Regel in den frühen Morgenstunden und verbreiten systematisch Angst und Schrecken. Schätzungen zufolge sind mittlerweile zwischen 300.000 und 400.000 Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht. Die Regierung scheint mit den planmäßigen Attacken überfordert, während die Menschen in einem der ärmsten Länder der Welt auch von Naturkatastrophen nicht verschont bleiben.

„2019 gab es einen riesigen Wirbelsturm, bei dem über 700.000 Menschen viel verloren haben, wenn nicht alles. Und deshalb sind wir auch als Caritas hier aktiv gewesen und weiterhin aktiv. Neben dieser Herausforderung durch die Naturkatastrophen, die das Land immer wieder sehr stark treffen und die Menschen, die sowieso schon arm sind, weiter an den Rand ihrer Existenz bringen, gibt es eben auch die politischen und militärischen Konflikte im Land, die die Lebenssituation der Mosambikanerinnen und Mosambikaner sehr erschweren.“

Ein Nothilfeplan der Caritas ist in Arbeit

Was die extreme Notlage der Flüchtlinge betrifft, die aus dem Norden nach Süden flüchten, so geht es für die humanitären Organisationen also zunächst einmal darum, die erste Nothilfe in Form von Nahrung und notdürftigen Unterkünften - teils auch nur in Form von Plastikplanen, unter denen die Menschen Unterschlupf finden - sicherzustellen, erläutert Wenzel.

„Die Caritas kann nur dann mit ihrer Arbeit einen Unterschied machen, wenn sie auch die Mittel dafür hat. Deshalb schauen wir auch gerade, was wir an Nothilfeplänen auf die Beine stellen können, um der entsprechenden Notlage gerecht zu werden. Diesen Plan werden wir in den kommenden Wochen dann auch weltweit lancieren, in der Hoffnung, dass die Nothilfeaktivitäten finanziert werden.“

„Wir sehen, dass alle Zeichen auf Dunkelrot stehen“

Dabei habe die Caritas wie keine andere Organisation den bedeutsamen Vorteil, dass sie bis in den allerletzten Winkel des Landes organisiert ist und die reale Situation der Menschen vor Ort, in den einzelnen Gemeinden, wirklich kenne, betont Wenzel. Dabei bleibe die katholische Organisation den einzelnen Akteuren gegenüber neutral und mache vor allem keinen Unterschied zwischen Christen oder Anhängern anderer Religionen, erinnert der langjährige Caritas-Mitarbeiter an ein Grundprinzip der Organisation. Doch auch die Caritas könne momentan nur mit dem Nötigsten aushelfen, in einer Situation, deren Entwicklungen schwer abschätzbar seien, gibt der erfahrene humanitäre Helfer zu bedenken.

„Wir sehen aber, es stehen alle Zeichen auf Dunkelrot, dass also der Terror weiterhin Fuß fasst kann und auch die lokale Armee dem nichts entgegensetzen kann, so dass damit dann Gebietsverluste einhergehen und andererseits entsprechende Flüchtlingsbewegungen einsetzen. Das wird sicherlich für die nächsten Monate, wenn nicht Jahre, ein sehr großes Problem darstellen, dem wir uns couragiert entgegenstellen und gemeinsam mit vielen anderen Akteuren sehen müssen, wie wir eine Antwort auf die humanitäre Katastrophe finden können.“

(vatican news)

 

17 November 2020, 12:01