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Jesuit zur US-Wahl: „Regierungsauftrag der Zusammenarbeit“

In den USA stellt sich während des Kopf-an-Kopf-Rennens zwischen Donald Trump und Joe Biden die Frage nach dem bevorstehenden Regierungsstil. Dem Land stehen Kompromisse ins Haus, prognostiziert der Jesuit Godehard Brüntrup im Interview mit dem Kölner Domradio.


Er sei „eigentlich mit dem Ergebnis, wie es sich jetzt abzeichnet, ganz zufrieden“, so der Jesuitenpater und USA-Kenner am Donnerstag.


„Ich habe schon erwartet, dass es sehr knapp wird. Für Amerika ist das eine gute Sache, dass sich keine Seite voll durchgesetzt hat. Wahrscheinlich wird Biden, wie es jetzt aussieht, knapp vorne liegen. Die Republikaner behalten den Senat. Das Land muss sich also auf Kompromisse, auf Gemeinsamkeiten einstellen. Von daher liegt eine große Chance in diesem Ergebnis.“


Brüntrup sieht die USA zum jetzigen Zeitpunkt als sehr gespalten. Gleichwohl hätten „die Wähler jetzt einen Auftrag gegeben, zusammenzuarbeiten“, unterstreicht er:


„Wenn wir mal davon ausgehen, dass Biden das Rennen knapp macht - noch wissen wir das nicht, es gibt immer noch eine geringe Möglichkeit, dass Trump es rein mathematisch schaffen könnte. Aber, wenn Biden es schafft, dann hat er keine Mehrheiten, mit denen er einfach durchregieren kann. Er muss Kompromisse mit den Republikanern suchen, weil sie, so wie es aussieht, den Senat behalten. Man kann eigentlich sagen, dass das Land dieser vollkommenen radikalen Zerrissenheit etwas entgegenstellt, und zwar einen Regierungsauftrag der Zusammenarbeit.“


Trump-Wähler sehen sich als Verlierer der Globalisierung

Zur Inszenierung des Amtsinhabers gehört auch, dass sich Trump vorzeitig zum Sieger erklärt hat und es Jubel und Applaus seitens der Republikaner gab. Wer verbirgt sich hinter den Trump-Wählern? Laut Brüntrup handele es sich bei diesen Wählern vor allem um „Menschen niedriger Einkommensstufen“. Das verbinde sie über ethnische Gruppen hinweg:


„Das sind Menschen, die sich als Verlierer der Globalisierung betrachten, die um ihre Jobs fürchten und die das Gefühl haben, dass ihre guten Jobs ins Ausland gehen, wo billiger produziert wird. Trump hat mehr Wähler anderer Hautfarben gewonnen als jeder andere republikanische Präsidentschaftskandidat in den letzten 60 Jahren. Besonders viele Hispanics, aber auch bei den Schwarzen hat sich, glaube ich, der Anteil fast verdreifacht. Das sind vor allem Menschen, die Zukunftschancen und sichere Arbeitsplätze wollen. Also Menschen, die eher am unteren Ende der gesellschaftlichen Skala stehen.“


In der medialen Berichterstattung kommen solche Aspekte etwas zu kurz, findet der Jesuit – sowohl in der deutschsprachigen als auch in den USA:


„Ich glaube, dass die deutsche Berichtserstattung ähnlich wie die amerikanische Presse ist. Wenn man die Journalisten fragen würde, "sind Sie eher Demokrat oder Republikaner?", würden wahrscheinlich 99 Prozent unserer Journalisten und Journalistinnen sagen, dass sie mit den Demokraten sympathisieren. Und dementsprechend ist auch die Berichterstattung etwas einseitig. Wenn bei uns alle Journalisten und Journalistinnen mit der SPD sympathisieren würden, wäre die Berichterstattung entsprechend einseitig. Das ist hier der Fall, würde ich sagen.“


(domradio – pr)
 

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05. November 2020, 16:26