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Innerhalb weniger Stunden sind am Wochenende allein in Lampedusa 433 Migranten an Land gegangen - viele überleben die gefährliche Überfahrt allerdings nicht Innerhalb weniger Stunden sind am Wochenende allein in Lampedusa 433 Migranten an Land gegangen - viele überleben die gefährliche Überfahrt allerdings nicht  (ANSA)

NGO-Kaplan: Im Mittelmeer wird weiterhin gestorben

In aller Stille wird im Mittelmeer weiter gestorben, während die Welt mit anderen Problemen beschäftigt zu sein scheint. Mindestens 13 Tote gab es jüngst nahe der tunesischen Küste, während möglicherweise 43 Migranten auf dem offenen Meer bei Malta verschollen sind. Mattia Ferrari ist Kaplan der NGO Mediterranea. Gegenüber Radio Vatikan sagt er unumwunden: „Libysche Lager sind die Hölle.“

Das Drama des Migrantensterbens im Mittelmeer geht weiter. Erst an diesem Sonntag ging vor der Küste von Tunesien, auf der Höhe von Sfax, wieder ein kleines Boot unter, das mit Migranten überfüllt war. Bislang wurden 13 leblose Körper geborgen, darunter ein erst sechs Monate alter Säugling sowie weitere zwei Kinder und sieben Frauen – den Aussagen Überlebender zufolge transportierte das Boot 29 Menschen aus der Subsahara-Region, einige von ihnen werden nach wie vor vermisst.

43 Migranten wohl ertrunken

Ein ähnliches Schicksal scheint 43 Migranten ereilt zu haben, die vor der Küste Maltas verschollen sind. Seit 24 Stunden hat die NGO AlarmPhone keine Nachricht von einem Boot, das in den durch Malta überwachten Gewässern in einen Sturm geraten war. AlarmPhone stellt Booten in Seenot eine Notrufnummer zur Verfügung, um deren Hilfegesuch an die kompetenten Stellen weiterzuleiten und Rettungsaktionen zu dokumentieren.

Rückführungen in unsicheres Gebiet

Unterdessen hat die internationale Organisation für Migration darauf hingewiesen, dass allein in den vergangenen drei Tagen 390 Rückführungen nach Libyen erfolgt sind. Dabei handelt es sich um Migranten, die von der libyschen Küstenwache aufgegriffen und in das Land zurückgebracht wurden, das für die IOM keinen „sicheren Hafen“ darstellt. Eine dramatische Situation, wie der Priester Mattia Ferrari unterstreicht. Er fungiert als Kaplan für die NGO Mediterranea und war auch schon selbst an Rettungseinsätzen für Migranten auf dem Mittelmeer beteiligt.

„Folter, Vergewaltigung, Menschen, die verschwinden - schreckliche Dinge, die täglich geschehen“

„Die Situation ist nach wie vor absolut tragisch. Das Hauptproblem der Migrationsströme ist das, dass es keine legalen Zugangsmöglichkeiten gibt. Und das bedeutet, dass es für die Menschen, die migrieren müssen, nur die Routen über das Mittelmeer gibt, die wir nur allzu gut kennen.“

Auch in Libyen bleibe die Situation dramatisch, meint Ferrari. Allein in der vergangenen Woche seien drei Nigerianer bei lebendigem Leib verbrannt, berichtet der Priester von den Grausamkeiten, denen die Migranten in unmenschlichen Lagern ausgesetzt sind. „In Libyen verschwinden auch nach wie vor Menschen. Wir sind in Kontakt mit Familienangehörigen von Migranten, die sich in Libyen in Luft aufzulösen scheinen. Und das passiert leider, weil sie aus der Hölle auszubrechen versuchen, wie uns die Migranten selbst sagen, wenn wir sie aufgreifen. Die Lager in Libyen sind die Hölle, und das ist nicht hinnehmbar im Jahr 2020. Folter, Vergewaltigung, Menschen, die verschwinden - schreckliche Dinge, die täglich geschehen.“

„Diese Zurückweisungen stellen eine schwere Menschenrechtsverletzung dar“

Derzeit seien die Zurückweisungen auf offenem Meer durch die libysche Küstenwache intensiviert worden - und zwar im Rahmen von Projekten, die mit Geldern der Europäischen Union finanziert werden, betont der Priester. Selbst der europäische Grenzschutz Frontex koordiniere sich mit den Libyern, die die Migranten anschließend wieder in genau das Elend zurückbrächten, aus dem sie mühsam geflohen seien, klagt Ferrari.

„Diese Zurückweisungen stellen eine schwere Menschenrechtsverletzung dar, wie der Heilige Vater sagt, und sind nicht akzeptabel. Auf der anderen Seite kommt es immer wieder zu diesen Schiffbrüchen wie dem an der tunesischen Küste. Gestern haben wir den ganzen Tag an dem Fall der 43 Menschen gearbeitet, die im Hoheitsgebiet Maltas in Seenot geraten waren. Wir warten noch auf eine Bestätigung, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass diese 43 Menschen ertrunken sind. Daran ist die Tatenlosigkeit schuld. Auch weil die Schiffe und die Zivilgesellschaft, also die Schiffe der NGOs, fast alle unter fadenscheinigen Gründen blockiert werden.“

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter live

Er selbst sehe es als „Ehre“ an, als Kaplan der NGO tätig zu sein, vertraut uns der Priester an. Dabei stehe er ehrenamtlichen Helfern jeder Couleur zur Seite, die selbst aus völlig unterschiedlichen Kulturkreisen kämen und das gemeinsame Ziel verfolgten, dem Nächsten auch unter Einsatz ihres eigenen Lebens zu helfen. „Es sind außergewöhnliche Menschen, die mich wirklich evangelisieren - in dem Sinn, dass sie ständig zeigen, wie lebendig und wahr das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist. Sie laden dazu ein, die Globalisierung der Gleichgültigkeit zu besiegen, unser Herz diesem Gefühl des innigen Mitgefühls und der Liebe für die Menschen zu öffnen, die leiden und für die Freiheit kämpfen.“

Doch gleichzeitig ergreife er natürlich auch die Gelegenheit, die Helfer selbst in ihrer Beziehung zur Kirche zu unterstützen und gemeinsam, geschwisterlich, denselben Weg zu beschreiten. „In einem Moment, der so voller Schatten ist, gibt es auch diese Lichter, die die Hoffnung darstellen, dass wirklich eine neue Welt entstehen könnte.“

(vatican news - cs)

14 Oktober 2020, 11:39