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Protest gegen das Regime am Donnerstag in Minsk Protest gegen das Regime am Donnerstag in Minsk  (AFP or licensors)

Weißrussland: „Jetzt hilft nur noch beten“

Nach der Präsidentschaftswahl in Weißrussland (Belarus) spitzt sich die Lage zu. Polizei und Militär gehen gegen Demonstranten vor. Den Kirchen könnte jetzt eine wichtige Rolle zukommen, sagt der Geschäftsführer des katholischen deutschen Hilfswerks Renovabis, Markus Ingenlath.

Einschätzen lasse sich die Lage in Weißrussland aus der Ferne nur schwer, so Ingenlath im Gespräch mit dem Kölner Domradio.

„Das Regime versucht ja, alle Internet-Verbindungen im Land und aus dem Land heraus zu unterbrechen. Journalisten sind ohnehin nicht zugelassen, auch keine externen. Wir sind also angewiesen auf das, was an spärlichen Informationen über die verbliebenen funktionierenden Internetleitungen und meistens auch über die unmittelbaren Nachbarländer an Nachrichten und Bildern herauskommt.“

Lässt sich der Diktator auf einen Dialog ein?

Auch das wirkliche Ergebnis der Präsidentenwahlen lasse sich kaum einschätzen, weil es diesmal weder OSZE-Wahlbeobachter noch Nachwahl-Umfragen gab. „Wir haben aus einigen Ergebnissen aus Wahlbezirken in großen Städten, die den Weg in die Veröffentlichung gefunden haben, ein überraschend starkes Ergebnis für die Opposition feststellen können. Aber wir wissen natürlich überhaupt nicht, ob sich das in die Fläche der ländlichen Gebiete hochrechnen lässt.“

Die katholische Kirche in Weißrussland hat sich bislang in politischen Fragen eher zurückgehalten. Jetzt schlägt der Minsker Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz einen runden Tisch vor, um die Spirale der Gewalt zu durchbrechen. Aber wird Präsident Lukaschenka – der Mann, der in diesen Tagen vor allem auf Polizeigewalt setzt – auf so einen Dialog eingehen?

„Ich nehme an, dass der Minsker Erzbischof nicht im Alleingang handelt“

Ingenlath: „Ich nehme an, dass der Minsker Metropolit und Erzbischof nicht im Alleingang handelt. Wir haben so etwas ähnliches aus dem Mund des orthodoxen Metropoliten gehört, was natürlich noch wesentlich mehr Gewicht hätte. Die Katholiken sind nur etwa zehn Prozent der Gläubigen im Land. Heute folgt nun ein Aufruf zum ökumenischen Gebet seitens katholischer und orthodoxer Kirche, was auch ganz selten ist. Hier müsste meines Erachtens Lukaschenko jetzt direkt Stellung beziehen. Er hat ansonsten die orthodoxe Kirche auch, wie sein Amtskollege in Moskau, zur Selbstinszenierung an Feiertagen gerne genutzt. Wenn es jetzt nachdrückliche Versuche der orthodoxen Kirche und der anderen Kirche gäbe, eine Vermittlung einzuführen, könnte er sich nicht so einfach entziehen.“

Zum Nachhören

Außerdem sei wichtig, wie sich die EU jetzt verhalten werde. „Wird sie sich dazu aufraffen können, die Sanktionen wieder zu verschärfen? Und dass sie ihm vielleicht auch alle Möglichkeiten aufzeigt, wie er zurücktreten kann. Angeblich ist Lukaschenkos Familie schon in einen Golfstaat ausgereist. Der Diktator muss meines Erachtens auch dazu gebracht werden, das Gefühl zu haben, dass es jetzt der richtige Zeitpunkt zum Abflug ist.“

Die Menschen in Belarus und ihre Anliegen nicht vergessen

Was kann ein Hilfswerk wie Renovabis jetzt überhaupt aus der Ferne für die Menschen in Weißrussland tun? Ingenlath sagt dazu: „Mich persönlich hat der Aufruf ‚Betet für uns‘, der uns von den Projekpartnern erreicht hat, sehr berührt. Nach dem Motto: Das Regime zeigt uns jetzt sein wahres Gesicht. Jetzt hilft nur noch Beten. Wir hier in Deutschland leben in Frieden, Freiheit, Rechtsstaat und können unsere Meinung selbst in Demonstrationen zeigen – selbst gegen die Maskenpflicht. Dort geht es um elementare Menschen- und Bürgerrechte. Deswegen wird Renovabis alles tun: Erstens, dass es denen, von denen es Informationen erhält, klar den Schutz zusichert. Dann wird aber Renovabis auch zum Gebet aufrufen für einen friedlichen Ausgang des Geschehens und Vermeidung von weiterem Blutvergießen.“

Und schließlich will Renavobias natürlich weiter informieren, „so dass die Menschen in Belarus und ihre Anliegen hier nicht vergessen werden“.

„Minsk liegt von Berlin aus genauso weit weg wie Paris“

„Minsk liegt von Berlin aus genauso weit weg wie Paris – nur im Osten. Da müssen wir einfach das Gefühl geben, dass wir hier in Deutschland an der Seite der Menschen stehen und wir uns als Renavobis auch nicht aus der Förderung von Projekten verabschieden.“

Der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt hat derweil zur Solidarität mit den Bürgern von Weißrussland aufgerufen. Die derzeitige Lage in dem Staat habe viel Ähnlichkeit mit der Situation 1989 in der DDR, als der Betrug bei den Kommunalwahlen aufgedeckt wurde, erklärte Ipolt am Donnerstag. Der Bischof von Deutschlands östlichstem Bistum ist auch stellvertretender Vorsitzender der Weltkirche-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz.

(domradio/vatican news – sk)
 

14 August 2020, 10:19