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Mädchen in Pakistan Mädchen in Pakistan  (ANSA)

Pakistan: Nur seriöse Kritik hilft bedrängten Christen

Bei Berichten über Schikanen gegen Christen in Pakistan ist seriöse, auf Fakten basierende Kritik angezeigt, nur so lässt sich der christlichen Minderheit in dem mehrheitlich muslimischen Land wirklich helfen. Darauf verweist der katholische Theologe Elmar Kuhn, Generalsekretär der in Wien ansässigen Menschenrechtsorganisation „Christen in Not".

Anlass ist der Fall einer 14 Jahre alten pakistanischen Christin, die von einem Muslim entführt, geheiratet und zwangskonvertiert wurde. Der Gerichtsprozess ist im Gang, „Christen in Not" begleitet ihn aus der Nähe und vertraut auf eine glückliche Lösung am Höchstgericht, wie auch in vielen vergleichbaren Fällen. Islamfeindliche Darstellungen des Falls würden nur unnötig Öl ins Feuer gießen und Fundamentalisten ihr Werk erleichtern, sagte Elmar Kuhn im Gespräch mit uns.

Die erste gerichtliche Instanz in Pakistan hatte die Ehe mit der minderjährigen Maira Shahbaz für ungültig erklärt. Die zweite jedoch hatte dem Entführer des Mädchens Recht gegeben, und zwar diesmal auf Grundlage des islamischen Eherechts – das aber in staatlichen Gerichten Pakistans nicht gilt, erklärte Kuhn.

Hier zum Hören:

Elmar Kuhn: „Diesen Fehler greifen wir nun in der nächsten Instanz auf. Wir sind sehr zuversichtlich, dass das Mädchen aus den Fängen ihres Entführers und islamischen Ehemanns herausgeholt wird. Das dauert noch ein paar Wochen, aber dann ist der Fall mit ziemlicher Sicherheit gut abgeschlossen. Wir brauchen dazu vor allem eines: Ruhe und ja keine fundamentalistische Islamisten, die gegen das Rechtssystem jetzt auf die Straße gehen und diesen Fall erschweren.”

„Unsere Hoffnung beruht darauf, dass wir in den höheren Instanzen rational, mit Argumenten, auf der Basis der Gesetze Recht bekommen“

Was macht Sie so zuversichtlich, dass dem Mädchen Gerechtigkeit widerfahren wird?

Elmar Kuhn: „Unsere Zuversicht ist ein funktionerierndes Rechtssystem im demokratischen Pakistan. Das Problem ist, je weiter man aufs Land kommt und je weiter die unteren Ränge der Justiz betroffen sind, geraten wir immer mehr in Strukturen, die bei uns im Mittelalter auch üblich waren: mit Landlords, die das Sagen haben, und Imamen, die Recht sprechen. Dort ist dann das geschriebene Recht oft im Nachteil, und es wird Stammesrecht oder islamisches Scharia-Recht angewandt. Unsere Hoffnung beruht darauf, dass wir in den höheren Instanzen rational, mit Argumenten, auf der Basis der Gesetze Recht bekommen, und das haben wir in vielen ähnlichen Fällen bereits erlebt.”

Nicht alle ähnlich gelagerten Fälle sind wirklich Entführungen, das sagte etwa der christliche pakistanische Menschenrechtsaktivist Paul Bhatti. Stimmen Sie dem aus Ihrer Erfahrung her zu?

Elmar Kuhn: „Christen in Not als ökumenische Menschenrechtsorganisation kann Paul Bhatti da ganz zustimmen. In etlichen Fällen ist es ganz klar, dass christliche oder hinduistische Mädchen sich in einem Muslim verliebt oder eine Chance auf bessere Lebensumstände durch eine Heirat gesuchen haben. Dort müssen wir differenzieren, wo wirklich Hilfe notwendig ist.”

Alle erinnern wir uns an den international stark wahrgenommenen Fall der pakistanischen Katholikin Asia Bibi, die wegen angeblicher Blasphemie zum Tod verurteilt und nach Jahren freigelassen wurde, die pakistanischen Behörden haben ihr geheim die Ausreise ermöglicht, sie ist mit ihrer Familie in Sicherheit. Radikale Muslime forderten aber öffentlich ihren Tod und wollten sie lynchen. Wie ist in Pakistan die öffentliche Stimmung gegenüber Christen heute?

Elmar Kuhn: „Das war das Problem des Falls, dass es zu einem solchen Aufsehen kam. Und weil es Gruppierungen sich auf die Fahnen geschrieben haben, den Tod Asia Bibis möglich zu machen. Das hat lange eine Lösung verhindert.”

„Zuerst aber immer eine Lösung im Dialog versuchen“

Da sind wir dann als Christen im Westen in einer Zwickmühle. Einerseits wissen wir, dass Brüder und Schwestern in vielen Ländern der Welt unsere Solidarität brauchen, wenn sie verfolgt werden. Andererseits sagen Sie, falsch geäußerte Solidarität wirkt kontraproduktiv. Wie können wir damit umgehen?

Elmar Kuhn: „Wir sehen dieses Problem und gehen differenziert damit um. Keine Keile zwischen Christen und Muslime treiben, unbedingt die positiven Entwicklungen wahrnehmen und berichten, aber mit aller Schärfe die negativen Entwicklungen brandmarken und an die Öffentlichkeit bringen, wo es keine andere Lösung gibt. Zuerst aber immer eine Lösung im Dialog versuchen, und auf dem Rechtsweg. Nur wenn das scheitert, dann brandmarken. Und als Christen Christen helfen, die in Not sind.

Was hilft Christen in Pakistan wirklich?

Elmar Kuhn: „In Pakistan gibt es zwei Gesellschaften. Pakistan hat eine moderne, demokratische Gesellschaft in den Städten, wo Christen auch unbeschadet gleiche Rechte und Möglichkeiten haben, sie könne vielleicht nicht Direktoren werden, aber doch Verantwortungsposten wahrnehmen. Aber auf dem Land herrscht ein Feudalsystem wie im europäischen Mittelalter. Der muslimische Landlord bestimmt und hält vor allem Hinduisten und Christen als billige Lohnsklaven in seiner Ahängigkkeit. Hier kann nur eine Bodenreform eine Änderung schaffen und eine Bildungsoffensive, mit der die Kinder dieser Tagelöhner eine Chance haben abzuwandern und in den Städten die gleichen Chancen zu haben wie muslimische Kinder.”

(vatican news - gs)  

11 August 2020, 12:52