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Der türkische Präsident Erdogan besuchte am 19. Juli 2020 die Hagia Sophia Der türkische Präsident Erdogan besuchte am 19. Juli 2020 die Hagia Sophia 

Ägypten: Großmufti kritisiert Umwandlung der Hagia Sophia

Der ägyptische Großmufti, Scheich Shawki Ibrahim Allam, hat sich kritisch zu der von den türkischen Behörden angeordneten Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee geäußert. Das berichtet die katholische Nachrichtenagentur „Fides“ mit Blick auf ein TV-Interview des Journalisten Hamdi Rizk mit dem Mufti.

Der Großmufti erklärte, es sei illegal, eine Kirche in eine Moschee umzuwandeln. In der Geschichte Ägyptens sei keine christliche Kirche je in einen muslimischen Gebetsort umgewandelt worden, so die Aussage des islamischen Rechtsgutachters. Diese steht allerdings in Widerspruch zu historischen Untersuchungen, die zu anderen Ergebnissen gekommen sind.

Vom islamischen Rechtsdenken her gebe es auch keine Einwände gegen den Bau von Kirchen mit Geldern von Muslimen, etwa aus Steuern, stellte Allam fest. Der Großmufti bezeichnete Ägypten in seinen Ausführungen als jenes Land mit muslimischer Mehrheit, „in dem die meisten öffentlichen Mittel für den Bau christlicher Kirchen verwendet werden“. Das sei als Ausdruck eines starken sozialen Zusammenhalts zwischen Muslimen und Christen zu werten.

Der Großmufti erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass es der Prophet Mohammed bei seinen militärischen Kampagnen auf der Arabischen Halbinsel ausdrücklich untersagt habe, die (damals dort noch reichlich vorhandenen) Kirchen zu zerstören oder Mönche zu töten.

Nutzung der Hagia Sophia als Simultaneum

Unterdessen mehren sich die Stimmen, die für die Hagia Sophia ein „Simultaneum” – eine Nutzung als Kirche und als Moschee, wie es etwa in den letzten Jahrhunderten des 1. Jahrtausends mit der Johanneskathedrale in Damaskus (heute Omayyadenmoschee) der Fall war – als einzige Lösung sehen, berichtet Pro Oriente. So stellte der serbisch-orthodoxe Patriarch Irinej am 14. Juli in einer Erklärung wörtlich fest: „Nach unserer Auffassung besteht die einzige gerechte Lösung – wenn man die Museums-Entscheidung Atatürks ändern will – darin, die Möglichkeit zum Gottesdienst in der Hagia Sophia nicht nur den Muslimen, sondern auch den Christen zu geben. Die Kirche ist groß genug, um allen Platz zur Anbetung ohne Behinderung der anderen zu bieten. Eine solche Lösung würde kein Novum in der modernen Welt sein. Nicht nur in Jerusalem und auf dem Sinai – heiligen Stätten für die Gläubigen beider Religionen -, sondern auch anderswo, sogar in Serbien und einigen Regionen, wo das serbische Volk lebt, stehen Kirche und Moschee oft nebeneinander und bezeugen die geschichtliche Symbiose, Toleranz und das Vertrauen zwischen den Nachbarn”.

Die Bedeutung der Hagia Sophia liege nicht nur in ihrem künstlerischen und kulturellen Wert, unterstrich Patriarch Irinej. Vor allem sei die Hagia Sophia für alle Christen, Orthodoxe und andere, ein bedeutendes Heiligtum, „Zeuge und Quelle authentischer Spiritualität”. Zweifellos sei sie Jahrhunderte hindurch auch für muslimische Gläubige Ort des Gebets und der Inspiration gewesen. Daher sei es nicht verwunderlich, dass Atatürk, der Schöpfer der modernen Türkei, als Zeuge der historischen Koexistenz von Muslimen und Christen, eine Kompromisslösung gefunden habe, um die Kirche in ein Museum umzuwandeln, das für alle offen ist.

Die Rückumwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee sei daher nicht nur eine historische Ungerechtigkeit, sondern auch ein unnotwendiger politischer Schachzug, der dem internationalen Image der Türkei und den Beziehungen und dem Vertrauen zwischen Christen und Muslimen in der Welt schade. Es sei zu hoffen, so der Patriarch, dass alle verstehen, wie sehr es für die Zukunft nicht einer künstlich angestachelten Konfrontation zwischen den beiden größten Weltreligionen – Christentum und Islam – bedarf, sondern des Friedens zwischen den Gläubigen, “aber nicht nur des Friedens oder der Toleranz, sondern auch des gegenseitigen Respekts, des Dialogs und der Zusammenarbeit in allen Bereichen, die dem Wohl der Völker dienen”.

Heiliger Synod der orthodoxen Kirche von Zypern

Am 16. Juli äußerte sich der Heilige Synod der orthodoxen Kirche von Zypern unter dem Vorsitz von Erzbischof Chrysostomos II. ähnlich wie der serbische Patriarch. Die Mitglieder des Heiligen Synods plädierten – „im Geist des Vorschlags von Patriarch Irinej” – dafür, dass dem Ökumenischen Patriarchen „als dem eigentlichen Eigentümer” des Bauwerks ermöglicht wird, die Göttliche Liturgie in einem bestimmten Bereich der Hagia Sophia zu feiern, während der muslimische Gottesdienst in einem anderen Bereich des Sakralbaus stattfinden könnte.

Der Heilige Synod brachte – auch im Hinblick auf die Gefühle von „Zorn und Empörung” im zypriotischen Volk – seine tiefe Sorge über die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee zum Ausdruck. Zugleich erinnerten die Bischöfe an die Plünderung der meisten christlichen Heiligtümer im 1974 von türkischen Truppen besetzten Nordteil der Insel. Es sei bedauerlich, dass die ökonomischen und militärischen Interessen des Westens jede Maßnahme gegen jene Kräfte verhindern, „die den christlichen Glauben und die Werte seiner Kultur beleidigen”. In der türkischen Führung sei man offensichtlich entschlossen, eine Kehrtwende gegen Europa durchzuführen und die Vision eines neuen Osmanischen Reiches verwirklichen zu wollen. Diese Haltung werde zu einer „tiefen Kluft zwischen Christentum und Islam führen”.

Stimmen aus Österreich

Am 17. Juli erschienen in zwei Wiener Zeitungen Kommentare im Sinn eines „Simultaneums”. Kadinal Christoph Schönborn schrieb in der Tageszeitung „Heute”, nachdem er kurz die Geschichte des „unvergleichlichen Juwels im Herzen von Istanbul”, der „ehemals größten Kirche der Christenheit”, Revue passieren ließ: „Politik und Religion haben immer wieder um Gotteshäuser gestritten und gekämpft. Muslime wünschen sich, dass die ehemalige große Moschee von Cordoba in Spanien, heute eine Kirche, wieder eine Moschee wird. Die Kirche St. Leopold in Wien II. wurde an der Stelle einer Synagoge errichtet, nach der Vertreibung der Juden aus Wien im Jahr 1670. Blutig verlief 1992 die Zerstörung der Moschee in Ayodhya in Indien durch Hindus. Die Liste lässt sich leider verlängern. Ein Traum wäre es, wenn die Hagia Sophia ein Zentrum der Begegnung der Religionen würde. Es wäre für alle ein Sieg und ein Segen”.

Der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), Ümit Vural, stellte im „Standard” fest, er begrüße es einerseits, dass „dieses außergewöhnliche Gotteshaus wieder für seinen ursprünglichen Zweck genutzt werden soll: das Gebet”. Nichtsdestotrotz sei leider auch Kritik angebracht, sowohl an der Art, wie die Diskussion geführt wird, als auch an der Art und Weise, wie dieses Museum wieder zur Moschee wurde. Während die Kritik an der Umwidmung genau jene antitürkischen und antimuslimischen Ressentiments bediene, die überwunden werden sollten, werde „die Umwidmung eines Museums, das uns allen gehört, in ein Gotteshaus, das einer Religion gehört, der Geschichte der Hagia Sophia nicht gerecht”. Dieses Gotteshaus sei zuvor beides gewesen, Kirche und Moschee. Wörtlich knüpft Vural daran die Folgerung: „Es sollte im Sinne eines Zusammenwachsens unserer Kulturkreise , um Ausgrenzung und Konflikte zu vermeiden, eine gemeinsame Nutzung möglich sein”. Nur auf diese Art könne die Hagia Sophia ihrem Namen gerecht werden und die Weisheit verbreiten, „dass wir unsere religiösen Konflikte hinter uns lassen müssen. Wir können keine Moscheen mehr in Kathedralen umwandeln und keine Kathedralen mehr in Moscheen”. Kirchen, Synagogen und Moscheen seien alle Gotteshäuser, „wir glauben alle an den einzig wahren Gott”.

(poi - cs)

20 Juli 2020, 16:04