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Das Camp Moria auf Lesbos Das Camp Moria auf Lesbos  (AFP or licensors)

Griechenland: „Ich richte einen dringenden Appell an Europa: Wacht auf!"

Als Maßnahme gegen die Ausbreitung des Coronavirus haben am Sonntag rund 400 Migranten das überfüllte Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos verlassen können. Dem Ordensmann Maurice Joyeux vom Jesuitenflüchtlingsdienst reicht das noch lange nicht.

Gudrun Sailer - Vatikanstadt

Der Pater appelliert an die Staatengemeinschaft, einen humanitären Korridor einzurichten, auf dem die in ihrer Würde eingeschränkt lebenden Geflüchteten aus Moria das Camp verlassen können. Am Sonntag war Joyeux Zeuge, wie griechische Bürger, aufgestachelt von rechtsnationalen Extremisten, die Busse mit den Flüchtlingen an Bord auf der Straße Richtung Thessaloniki blockierten.

„Der humanitäre Korridor ist jetzt noch wichtiger als vorher, wenn wir den Aufstieg der Rechtsnationalen begrenzen wollen“, sagte Joyeux. „Wir beobachten das ja auch von Brüssel aus, wie viel Leid das den Flüchtlingen verursacht, die ihre Würde, ihre Freiheit, ihre Rechte haben. Es ist dringend mit diesem humanitären Korridor, den eine gemeinsame europäische Kraftanstrengung verwirklichen könnte. Es ist doch nicht normal, dass Leute aus einem Camp, das die Hölle ist wie Moria, wo 20.000 Leute dicht gedrängt vegetieren, sich dann in Bussen auf einer blockierten Straße wiederfinden, verachtet wie räudige Hunde. Ich richte einen dringenden Appell an Europa: Wacht auf! Wir dürfen in dieser Geschichte den Faden nicht verlieren."

„Wir erleben das wie ein Wunder, dass es keine Fälle in dem Lager mit seinen 20.000 Menschen gibt“

Sicher sei, dass die Corona-Pandemie Angst und Anspannung auf den griechischen Inseln verstärkt, beobachtet der französische Jesuit. Wer aus einem Camp komme, werde „angesehen wie ein Pestkranker, einer, der eine Seuche überträgt“. Dabei sei zur Stunde kein einziger Fall von COVID-19 oder auch nur einer Ansteckung mit dem Virus im Lager Moria nachgewiesen. „Wir erleben das wie ein Wunder, dass es keine Fälle in dem Lager mit seinen 20.000 Menschen gibt“, so der Ordensmann.

Hier zum Hören:

„Es ist eine schwierige Zeit, die wir durchlaufen im Moria-Camp. Die Leute werden immer noch hier festgehalten und können nicht hinaus zum Hafen. Die Anspannung ist groß, auch weil die armseligen Lebensbedingungen vorerst kein Ende haben." Sofia Kouvelaki, die Leiterin der griechischen NGO „Home Project" zur Unterstützung unbegleiteter Flüchtlingskinder und Jugendlicher, berichtet von Rattenbissen, verdorbenem Essen und von Vergewaltigungen auf den verdreckten Toiletten. Das Virus sei für viele die letzte Sorge in Moria. Joyeux sagt es klar: „Wir denken, es ist Zeit, das Lager zu evakuieren." Das Herausholen von nur wenigen hundert Menschen durch die griechische Regierung wegen COVID-19 ist in den Augen des Jesuiten ein bloßes „Herumflicken“.

Zugehen auf Pfingsten: 50 Tage zum Aufstieg aus der Hölle

Pater Joyeux, der dieser Tage auch mal um 3.000 Euro Windeln, Damenbinden, Salben zur Behandlung von Flohbissen und Schulhefte einkauft, sieht den geistlichen Horizont dieser Lage im Zugehen auf Pfingsten. „Wir sind als Christen in diesen 50 Tagen nach dem Abstieg in die Hölle dabei, aus dieser Hölle herauszukommen", sagt er. „Aber der Aufstieg ist langsam. Pfingsten soll für diese Flüchtlinge etwas öffnen.“ Die 400 Menschen aus Moria, die am Sonntag in Hotels bei Thessaloniki gebracht werden konnten, seien ein Schritt auf die Zukunft hin.

„Wir hoffen, das wird ein Schritt hin zu einem Europa, das sich mehr bewusst ist über die Chance, Männer und Frauen aufzunehmen, die Freiheit suchen und die versuchen, wirtschaftlich zu leben und nicht einfach zu überleben, die versuchen, aufgenommen zu werden. Sie haben so gar nichts von Eroberern. Sie brauchen alle Hilfe. Und sie brauchen es, dass sie ihre Kompetenzen, ihre Menschlichkeit, ihre Zerbrechlichkeit einbringen können.“

Schulunterricht nur informell möglich 

Aus diesem Grund kämpft der Jesuitenflüchtlingsdienst in Griechenland um die Wiederaufnahme eines Schulbetriebs in den Camps. Unterstützung kommt dabei von Spenderinnen: Der Catholic Women’s Council bezahlt den Bau einer Schule in Moria. Unterricht ist aber offenbar nur informell möglich; Griechenland als Betreiber der heillos überlaufenen Flüchtlingslager scheint nicht an der dauerhaften Einrichtung eines Schulbetriebs für die Kinder und Jugendlichen in den Camps interessiert.

In diesen 50 Tagen zwischen Ostern und Pfingsten, fordert Pater Joyeux noch, müsse man in Griechenland und in Europa auf einen neuen Horizont zugehen, auf eine Strategie, die nicht länger das Wegsperren und Isolieren wegen des Coronavirus im Blick habe.

„Das wird langsam sein, aber diese Langsamkeit wird uns vielleicht Geduld lehren, diese Kunst, Seite an Seite mit allen anderen zu gehen, sodass niemand zurückbleibt. Und soweit wie möglich mit einer starken Resistenz gegen alle Ängste, alle Geister, alle Manipulationen durch politische Gurus.“

Der Papst auf Lesbos

Papst Franziskus hatte im April 2016, auf dem Höhepunkt der Fluchtwelle aus Syrien über die Türkei und Griechenland, das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos besucht und dabei zwölf Menschen in seinem Flugzeug mit nach Rom genommen. Danach richtete der Heilige Stuhl einen regelrechten humanitären Korridor zwischen Lesbos und Rom ein, auf dem bis Dezember 2019 mehrere Dutzend Migranten auf sicherem Weg nach Italien gelangten, wo kirchliche Einrichtungen sie weiter betreuten.

Vor genau einem Jahr besuchten europäische Bischöfe, darunter der Luxemburger Kardinal Jean-Claude Hollerich, und der päpstliche Almosenmeister Kardinal Konrad Krajewski auf Bitte von Papst Franziskus die Camps auf Lesbos. Hollerich nahm wenige Monate später zwei Familien aus Moria im Erzbischöflichen Haus auf.

(vatican news)

05 Mai 2020, 12:29