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Straße in Damaskus Straße in Damaskus 

Corona im Kriegsland Syrien: „Eine neue Angst“

Mehr als zwölf Millionen Vertriebene und Flüchtlinge leben im Kriegsland Syrien, es fehlt an Essen, Trinkwasser und Medizin. Wenn sich jetzt auch noch der Corona-Virus dort verbreitet, wäre das eine „unvorstellbare Katastrophe“, sagt der apostolische Nuntius von Damaskus, Kardinal Mario Zenari, im Interview mit Radio Vatikan.

Spitze des Eisbergs?

Laut offiziellen Statistiken gab es Ende März um die zehn Infektionen mit dem Corona-Virus in Syrien, einige Menschen seien daran gestorben, berichtet der italienische Kardinal:

„Im syrischen Volk geht eine neue Angst um. Doch wir müssen uns fragen, ob das nicht die Spitze des Eisberges ist. Wenn die Pandemie sich in Syrien weiter ausbreitet, wäre das eine unvorstellbare Katastrophe, denn mehr als die Hälfte der Krankenhäuser funktionieren aufgrund der Kriegsschäden nicht, es fehlen Ärzte und medizinisches Personal und hunderttausende Vertriebene leben in überfüllten Flüchtlingslagern, die in hygienischer Hinsicht nicht ausreichend ausgestattet sind. Da fragt man, wie diese Menschen sich denn oft die Hände waschen sollen, wenn sie nicht einmal Trinkwasser haben...“

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Hilfsarbeit eingeschränkt

Die Menschen hielten sich so gut es eben gehe an die Vorgaben der Behörden, um die Weitergabe des Virus zu verhindern. Deshalb seien jetzt auch alle Kirchen in Syrien geschlossen – zum ersten Mal. Auch die dringend notwendige Hilfsarbeit sei durch die Pandemie zusätzlich eingeschränkt worden.

„Die Hilfsprogramme werden mit großen Schwierigkeiten fortgeführt. Einige dieser humanitären Hilfen, die dank der Großzügigkeit vieler Christen in aller Welt möglich sind, mussten leider bereits vor ein paar Monaten wegen der Krise im Libanon und der Probleme der Banken dort ausgesetzt werden. Diese Probleme haben sich aufgrund der Grenzschließungen vor ein paar Wochen nochmals vergrößert. Beispiel eines Hilfsprogrammes ist die Initiative „Offene Krankenhäuser“, dank der arme kranke Menschen unterschiedslos in drei katholischen Krankenhäusern medizinisch versorgt werden.“

Hoffnung auf Waffenruhe

Bereits seit Jahren sei die Syrien-Hilfe leider rückläufig, so der Nuntius. Die Weltöffentlichkeit interessiere sich nach neun Jahren Krieg in dem Land immer weniger für dieses Drama, merkt Zenari an. Darauf habe auch der Papst verwiesen, der die Öffentlichkeit immer wieder auf das Leid in dem Land aufmerksam macht. Hoffnung setzt Kardinal Zenari in den Aufruf von ONU-Generalsekretär Antonio Guterres zu einer globalen und unverzüglichen Waffenruhe.

„Diesen Appell aufgreifend hat Papst Franziskus bei seinem Angelus-Gebet vom 29. März auch betont, es brauche humanitäre Korridore, damit Hilfsleistungen durchkommen können. UNO-Generalsekretär Guterres hat angesichts der Pandemie auch vorgeschlagen, dass über einige Nationen verhängte Sanktionen beendet würden, damit Nahrungsmittel und Medizin garantiert seien. Auch der Syrienbeauftragte der Vereinten Nationen, Geir Pedersen, hat eindringlich auf eine sofortige und dauerhafte Waffenruhe in ganz Syrien gedrängt, um zusammen den gemeinsamen Feind Covid-19 zu besiegen. Diese schreckliche Pandemie, die so viel Angst und Sorge bei den Menschen und staatlichen Verantwortlichen auslöst, sollte als Gelegenheit für eine Waffenruhe und eine gerechte politische Lösung in Syrien begriffen werden. Es wäre unverzeihlich, wenn diese Gelegenheit verpasst werden würde.“

Kirchen erstmals geschlossen

Aufgrund der Corona-Pandemie erlebten die Christen in Syrien Ostern in diesem Jahr anders als je zuvor. Alles sei „neu, unvorstellbar, unerwartet - schwer zu beschreiben“, so Zenari:

„In all diesen Kriegsjahren haben wir es uns nie nehmen lassen, die Karwoche mit all ihren Liturgien zu feiern, auch in der Gefahr der Bomben und Geschosse. In diesem Jahr sind die Kirchen zum ersten Mal geschlossen. In jedem Haus erlebt man so die Osterfeiern in Verbundenheit mit Christen in aller Welt, die Besonderheiten der eigenen Riten spielen dieses Mal keine Rolle. Wir erleben eine Art Ostern der Welt, die das Leiden der Passion Christi nachempfindet.“

(vatican news – pr)
 

04 April 2020, 13:00