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Gruppendruck und Agape-Mahl: Eine evangelische Pfarrerin aus Südkorea erzählt

Südkorea war eines der Länder, das zu Beginn der weltweiten Coronakrise eine der steilsten Infektionsraten zu verzeichnen hatte. Doch die Regierung hatte sich stets auf Empfehlungen beschränkt, anstatt ein striktes allgemeines Ausgehverbot zu verhängen.

Doch was beispielsweise in Schweden augenscheinlich nicht funktioniert hat, scheint in Südkorea Früchte zu tragen: die Neuansteckungen bewegen sich auf einem äußerst niedrigen Niveau, während insgesamt bislang nur rund 200 Todesfälle in Zusammenhang mit dem aggressiven Virus zu beklagen sind. Unsere Kollegen vom Podcast Himmelklar haben mit der evangelischen Pfarrerin der deutschen Gemeinde in Seoul, Mi-Hwa Kong, gesprochen.

„Also bei uns sieht es aktuell ganz beruhigt aus“, meint Kong. „Wir haben pro Tag etwa 40 Neuinfizierte, das ist ja eine sehr geringe Zahl und die meisten davon sind Menschen, die aus dem Ausland wieder nach Korea zurückkehren. Von daher ist die Situation relativ entspannt. Also noch anders als zu der Anfangszeit.“

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„Wir wollen nicht in einem schlechten Licht dastehen“

Da bereitete vor allem die rasante Ausbreitung des Virus innerhalb einer sektenähnlichen Gemeinschaft in Daegu Sorgen. Die Straßen waren wie leergefegt, auch wenn sich die Situation mittlerweile wieder spürbar entspannt hat. Doch dieser Umstand hatte auch relativ schnell zu einer Empfehlung der Regierung geführt, Gottesdienste zu vermeiden...

„Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, gab es eine Person die dann letztendlich 7.000 angesteckt hat und dadurch mussten wir als Kirchen noch vorsichtiger sein. Es wird dann oft alles unter einen Mantel gesteckt. Es gab dann die Empfehlung der Regierung, Gottesdienste möglichst nicht stattfinden zu lassen und wir haben uns von Anfang an daran gehalten. Diese Entscheidung fiel uns nicht leicht. Die katholische koreanische Kirche hat da recht schnell reagiert, aber auch einige andere Kirchen. Gerade als Ausländer haben wir gesagt, dass es besser wäre, vorsichtig zu sein und keine Gottesdienste zu feiern. Wir wollen nicht in einem schlechten Licht dastehen“, gesteht die Pfarrerin ein. Denn die Kontrolle durch das soziale Umfeld ist in Südkorea ausnehmend hoch – anders als im europäischen Kontext...

„In Korea ist die Bevölkerung immer auf die Gemeinschaft hin orientiert. Aus Rücksicht macht man viele Dinge. Das Individuum spielt weniger eine Rolle. Das heißt, da gibt es dann auch wieder Gruppendruck, zum Beispiel bei der Maskenpflicht.“

„Das Individuum spielt weniger eine Rolle“

Für sie als Europäerin sei dieser Druck zur Maskenpflicht etwas gewöhnungsbedürftig, gesteht die Pfarrerin ein. Doch die Koreaner seien es in verschiedensten Zusammenhängen bereits gewohnt, eine Maske zu tragen. „Wenn sie krank sind, tragen sie immer eine Maske, um die anderen nicht anzustecken. Schon vorher bei anderen Krankheiten war das so. Wegen der Feinstaubsituation wird hier oft eine Maske getragen, und wenn man das nicht macht, gibt es Unruhe. Es gibt ja hier dieses Tracing, also wo nachverfolgt werden kann, was eine infizierte Person alles gemacht hat in den vergangenen Tagen, also in welchen Gebäuden man sich aufgehalten hat und welche Orte man besucht hat. Wenn die Person dabei keine Maske getragen hat, dann gibt es richtig Ärger in der Gruppe.“

Das sogenannte Tracing, also die Möglichkeit, Bewegungen einer Person aufgrund ihrer Handydaten nachzuvollziehen, wird auch in Deutschland derzeit heiß diskutiert. Frau Kong hebt in diesem Zusammenhang vor allem die positiven Effekte der Methode, die für viele andere eine unzumutbare Einschränkung der persönlichen Freiheit darstellen würde, hervor:

„Wir bekommen immer Informationen, wenn bei uns im Viertel jemand infiziert ist und dann kann man auf einen Link klicken und weiß, wo die Person sich aufgehalten hat. War sie vielleicht im Kaufhaus oder beim Zahnarzt? So kann man selbst herausfinden, ob man gefährdet ist und sich besser testen lassen sollte.“

„Menschen halten sich an Empfehlungen der Regierung“

In Korea ist es jedem freigestellt, sich bei Verdacht auf Krankheit testen zu lassen. Darüber hinaus seien es insgesamt mehrere Faktoren, die dazu geführt hätten, dass sich die Krankheit in Südkorea nicht mehr so stark ausbreite, unterstreicht die Pfarrerin. Zum einen hätten die Erfahrungen der vergangenen Jahre mit MERS und SARS zu einem gewissen „Trainingseffekt“ geführt, der viel ausmache. Zum anderen sei Korea zwar durchaus eine Demokratie, diese sei jedoch vor allem kollektiv organisiert, so dass die Freiheiten des Einzelnen niemals das Gemeinwohl in Frage stellen könnten.

„Bei uns ist ja das Interessante, dass es eine Empfehlung von der Regierung gibt, möglichst zu Hause zu bleiben. Die Leute halten sich daran, auch was die Maskenpflicht anbelangt. Dadurch, dass sie sich freiwillig daran gehalten haben, war es nicht nötig, strengere Maßnahmen durchzusetzen. Wir haben hier keine Ausgangssperre, das ist alles freiwillig, dass wir zu Hause sind und die Menschen machen mit. Letztendlich haben wir alle was davon, weil wir die Freiheit haben, selber zu entscheiden. Das ist aber auch nicht immer einfach und es hat sein für und wieder. Ich finde, dass in Einzelsituationen der Mensch auch gefordert ist, mit der Freiheit verantwortungsvoll umzugehen. Treffe ich mich jetzt mit einer Person oder lasse ich es lieber sein? Die Entscheidung liegt eben bei der Einzelperson.“

„Am Anfang waren wir schockiert und wussten nicht, wie wir mit der Situation umgehen sollten, haben aber jetzt online Livegottesdienste angefangen per Zoom“

Besonders hart hatten die Selbstbeschränkungen natürlich die Glaubensgemeinschaften getroffen, die nun keine gemeinsamen Gottesdienste mehr feiern können – doch die Pfarrerin in Südkorea (ähnlich wie viele Geistliche, die in dieser Zeit interviewt wurden) sieht in dieser Situation auch und vor allem eine Chance:

„Am Anfang waren wir schockiert und wussten nicht, wie wir mit der Situation umgehen sollten, haben aber jetzt online Livegottesdienste angefangen per Zoom. Da können sich sonntags Menschen einschalten, um 18.00 Uhr unserer Zeit und um 11.00 Uhr deutscher Zeit. Wir feiern dann gemeinsam über den Bildschirm Gottesdienst, was auch seinen Charme hat. Das haben wir auch Ostern mit dem Abendmahl gemacht. Also wir werden kreativ und innovativ.“ Corona sorge also in Zeiten der Globalisierung letztlich auch dafür, dass Grenzen verschwimmen, Menschen in Deutschland und Südkorea gemeinsam feiern können, und man auch was die technischen Fähigkeiten angehe, über sich selbst hinauswachse, zeigt sich die Pfarrerin begeistert. Doch wie funktioniert das eigentlich, so ein „Abendmahl auf Distanz“?

„Wir sprechen ein Gebet und segnen den Kelch und unser Brot und es wird gemeinsam Abendmahl gefeiert“

„Jeder hat seinen Wein und sein Brot zu Hause parat und ich bin ja auch vor dem Bildschirm. Wir sprechen ein Gebet und segnen den Kelch und unser Brot und es wird gemeinsam Abendmahl gefeiert. Es ist nicht die klassische Version, wie wir es sonst machen, wir nennen es auch Agape-Mahl. Es ist eine Einladung, so wie wir es ja auch im ökumenischen Kontext machen, sodass wir gemeinsam Agape feiern können. Auch wenn es kein richtiges Abendmahl ist.”

Alles in allem also eine Situation, die nicht nur Negatives mit sich bringt, und auch Platz für Hoffnung lässt, schließt die Pfarrerin der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Südkoreas Hauptstadt Seoul:

„Hoffnung bringt mir, dass Neues wächst. Ich finde, das passt auch gerade zur Osterzeit. Es gibt das Leiden und dann gibt es die Auferstehung. Also die Hoffnung und so sehe ich das. Es gibt einige Dinge, die uns einschränken in unserem Leben und gleichzeitig wachsen wir über uns hinaus und es entsteht etwas völlig Neues. Das finde ich faszinierend. Ich lerne das Leben nicht mehr so ganz zu kontrollieren wie ich es vielleicht sonst so machen würde.”

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

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20. April 2020, 11:21