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Der Corona-Lockdown hat die Not vieler Palästinenser dramatisch verstärkt, berichtet Sr. Bridget Tighe, Direktorin der Caritas Jerusalem Der Corona-Lockdown hat die Not vieler Palästinenser dramatisch verstärkt, berichtet Sr. Bridget Tighe, Direktorin der Caritas Jerusalem  (AFP or licensors)

Palästina: Corona löst soziale Katastrophe aus

Von dramatischen sozialen Zuständen in Palästina berichtet Sr. Bridget Tighe, Direktorin der Caritas Jerusalem. Schon vor der Coronakrise sei die Armutsrate im Westjordanland bei über 40 Prozent und die Arbeitslosenrate bei mehr als 25 Prozent gelegen. Mit dem Lockdown, mit dem die Corona-Pandemie eingedämmt werden soll, sei die Situation für die Bevölkerung nun gänzlich unerträglich geworden.

Das berichtet Tighe in einem Schreiben an die in Linz ansässige „Initiative Christlicher Orient" (ICO). Nahrungsmittelhilfe für unzählige verarmte Familien aber auch Hygienepakete seien dringend notwendig, damit sich das Virus gerade bei den armen Bevölkerungsschichten nicht stärker ausbreite.

Soziales Netz? Fehlanzeige

Nach dem ersten Coronafall am 5. März in Bethlehem, sei die Region schon am nächsten Tag völlig isoliert worden, zehn Tage später folgte das gesamte Westjordanland. Abertausende Palästinenser, die sich als Tagelöhner oder in prekären Arbeitsverhältnissen in Israel oder Palästina verdingten, hätten mit einem Schlag ihre Arbeit verloren. Ein soziales Netz gibt es in Palästina nicht. Wer aus Israel zurückkehrte, musste zudem in eine strenge Quarantäne.

Lage in Bethlehem dramatisch

Die ersten Wochen des Lockdowns hätten die Menschen noch mithilfe von Solidarität innerhalb der Großfamilien und mithilfe der Kirchen und Moscheen überstanden, aber nun seien alle lokalen Ressourcen erschöpft. Tighe: „Die Familien haben keine Ersparnisse und die Männer können sich aufgrund der Ausgangssperren auch in der Westbank nicht um eine andere Arbeit umsehen." Dramatisch sei die Situation etwa in Bethlehem, wo die Bevölkerung fast zur Gänze vom Tourismus lebt, der nun völlig eingebrochen ist.

„Die Frauen leiden am meisten unter der Situation“

Dazu kämen überfüllte Wohnungen. Die Kinder sind aufgrund der Schulschließungen zu Hause. Das führe zu vermehrtem Stress für die Menschen und auch zu wesentlich mehr häuslicher Gewalt, so Sr. Bridget: „Die Frauen leiden am meisten unter der Situation. Sie müssen zum einen auf ihre Kinder schauen, was in den beengten Wohnverhältnissen schon schwierig genug ist, zum andern leiden sie unter der Gewalt ihrer Männer, die oft depressiv sind, weil sie ihre Familien nicht ernähren können."

Helfer blockiert

Eine weitere tragische Facette der Krise: Das UN-Flüchtlingshilfswerks für Palästinenser (UNRWA) kann nicht mehr helfen, seit die USA und auch andere Staaten ihre Beitragszahlungen eingestellt haben. Die Caritas Jerusalem versucht die ärmsten Familien mit Nahrungsmittel- und Hygienepaketen zu versorgen. Hygienepakete seien auch deshalb so wichtig, weil die Familien, sofern etwas Geld übrig ist, dieses für Essen benötigen, erläutert Sr. Bridget. Für Hygiene bleibe nichts übrig und das wiederum trage dazu bei, das Virus noch stärker zu verbreiten.

Hintergrund: Caritas Jerusalem und die „Initiative Christlicher Orient" (ICO)
„Caritas Jerusalem" wurde 1967 nach dem Sechstagekrieg gegründet. Sie gehört organisatorisch zum Lateinischen Patriarchat von Jerusalem. Die Caritas ist in Ost-Jerusalem, dem Westjordanland und im Gaza-Streifen tätig. Insgesamt profitieren jedes Jahr rund 30.000 Personen von den Aktivitäten der katholischen Hilfsorganisation. Die Hilfe kommt dabei Christen wie Muslimen gleichermaßen zugute. „Caritas Jerusalem" ist ein Projektpartner der ICO. Ein besonderes Anliegen ist laut eigenen Angaben auch die Jugend: Neben Sommercamps und anderen Freizeitaktivitäten gibt es auch zahlreiche ständige Jugendtreffs. Auch für alte Leute ist die Caritas da; so betreibt sie im Westjordanland beispielsweise ein Altenheim. Hier mehr Infos und Spendenmöglichkeit.

(pm/kap – sst) 

16 April 2020, 12:24