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Syrien im Konflikt. Mit Waffen auf dem Laster: Kämpfer. Hauptleidtragende: Kinder. Syrien im Konflikt. Mit Waffen auf dem Laster: Kämpfer. Hauptleidtragende: Kinder.   (AFP or licensors)

Syrien: Erzbischof von Aleppo hofft auf weitere Hilfen

Ein kleines Mädchen, erfroren im Arm ihres Vaters; ein kleiner Junge, leblos angespült an einem Mittelmeerstrand: Größte Leidtragende des fortdauernden Krieges in Syrien und seiner Folgen sind Kinder. Darauf hat Papst Franziskus bei seinem Angelus-Gebet am Sonntag erneut verwiesen. Im Interview mit Radio Vatikan hofft der Erzbischof von Aleppo speziell auf Nothilfen für Flüchtlinge im bitterkalten Aleppo.
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Anne Preckel / Giada Aquilino - Vatikanstadt

800.000 Menschen haben die Kämpfe in den nordwestlichen Provinzen Idlib und Aleppo in die Flucht geschlagen, davon sind laut UNO-Angaben 60 Prozent Kinder. Sie leben unter schwersten Bedingungen in Notunterkünften oder völlig ohne Schutz auf freiem Feld – mit knappem Essen, kaum Wasser und ohne medizinische Versorgung. Vor allem der Winter mache den Flüchtlingen derzeit zu schaffen, bestätigt Erzbischof Jean-Clément Jeanbart gegenüber Radio Vatikan. Der griechisch-melkitische Erzbischof hält sich gerade für ein paar Tage in Rom auf.

„Nachts bis zu minus sieben Grad“

„In Syrien ist es in diesen Monaten schrecklich kalt. Insbesondere in Aleppo sinken die Temperaturen nachts auf bis zu minus sieben Grad. Tagsüber sind es um die Null Grad. Das Klima ist wirklich eine Herausforderung – als ich aus Aleppo wegfuhr, lag Schnee.“

Papst Franziskus hatte bei seinen letzten beiden Angelus-Gebeten auf das Leid der Menschen in Syrien verwiesen. Er erwähnte am vergangenen Sonntag ein Mädchen, das in Syrien erfroren war. Sie ist eines mehrerer Kinder, die in diesen Tagen in Syrien erfroren sind - so etwa die kleine Laila, die ihr Vater mehrere Stunden durch Wind und Wetter aus einem Flüchtlingslager zur Behandlung in das Krankenhaus von Afrin trug: Laila verstarb eine Stunde vor Ankunft in der Einrichtung.

Hoffnung auf weitere Hilfen

Dass Papst Franziskus den Blick der Welt auf das „große Drama und Leiden in Syrien“ lenkt, darüber zeigt sich der Erzbischof von Aleppo dankbar. Denn auch neun Jahre nach Beginn des Krieges sei die Lage vor Ort vor allem für Alte und Kinder dramatisch. Jeanbart hofft deshalb, dass der erneute Friedensappell des Papstes weitere Hilfsmaßnahmen für die notleidenden Menschen in Syrien in Gang setzen kann: „Vielleicht können die Worte des Papstes einige Organisationen dazu bewegen, uns weiter dabei zu helfen, die Häuser zu heizen und den Menschen zu helfen, diese Kälte zu ertragen.“

Regierungstruppen hatten in Idlib und Aleppo zuletzt weite Gebiete von der Opposition zurückerobert. In Aleppo seien sie derzeit damit beschäftigt, die Autobahnen wieder in Betrieb zu bringen, so Jeanbart. Aufgrund der Kämpfe hatten Hilfsmaßnahmen die notleidenden Menschen vor Ort nur schwer erreichen können. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef forderte eine Einstellung der Kämpfe, um Kinder und Familien unterstützen zu können. Die Krise drohe sich in eine Kinderschutzkrise von beispiellosem Ausmaß zu verwandeln, formulierte UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore.

Inflation verstärkt Armut

Die Armut in der Bevölkerung sei zuletzt durch Inflation massiv verstärkt worden, berichtet Erzbischof Jeanbart im Gespräch mit Radio Vatikan weiter.

„Das syrische Geld hat die Hälfte seines Wertes eingebüßt, die Menschen haben damit nur die Hälfte, es entsteht eine schreckliche Armut: bekam man vor einem halben Jahr für einen Dollar 500 syrische Lire, bekommt man heute 1.000 dafür – die Gehälter haben damit an Wert verloren.“

„Ich habe mein Auto verkauft, um Familien zu helfen.“

Die Ortskirche bemühe sich weiter darum, den Menschen zu helfen, versichtert der Erzbischof - so gut es eben gehe. „Ich selbst habe mein Auto verkauft, um 500 Familien zum Lebensnotwendigen zu verhelfen“, erzählt der griechisch-melkitische Geistliche.

Eine Kirche mit langer Tradition

Großer Wunsch der Kirche sei es, die lange Tradition des Christentums in Syrien nicht abreißen zu lassen und den Menschen - trotz aller Umstände - das Bleiben zu ermöglichen, unterstreicht er weiter. Angesichts des Winters gelte es die Hilfsmaßnahmen für die Region jetzt neu aufzustellen und fortzuführen:

„Wir müssen erneute das Mögliche tun, um den Menschen zu helfen, zu überleben und in Syrien und Aleppo zu bleiben. Das Leben dieser 2.000 Jahre alten Kirche soll weitergehen!“

Die Zahl der Christen in Syrien sei heute auf weniger als die Hälfte geschrumpft, schätzt der Erzbischof. Genaue Statistiken lägen der Kirche für das Kriegsland allerdings nicht vor. Laut Jeanbart dürften in Syrien heute aber weniger als eine Million Christen leben.

Zulauf zu den Messen ist groß

„Letztes Jahr haben wir versucht, eine Zählung durchzuführen, und da kamen wir auf ungefähr 2.300 Familien in Aleppo. Vorher hatte es dort ungefähr 4.500 Familien gegeben. Trotz dieses Einbruches haben wir allerdings festgestellt, dass der Zulauf zu den Messen, die Präsenz der Menschen in den Gemeinden und die Teilnahme am Gebetsleben dieselbe geblieben ist. Dies zeigt die Vitalität der Kirche und christlichen Wirklichkeit.“

Große Hoffnungen setzt der Erzbischof von Aleppo auf das Treffen von Kirchenvertretern der Mittelmeerregion diese Woche im italienischen Bari, auf dem es um Entwicklungs- und Friedensfragen geht. Papst Franziskus beendet die Konferenz mit dem Titel „Mittelmeer – Grenze des Friedens“ am kommenden Sonntag in Bari mit einer Messe. „Mögen dort alle Bischöfe das Schicksal der Kirche Syriens zu ihrer Sache machen“, wünscht sich Erzbischof Jeanbart.

(vatican news – pr)
 

18 Februar 2020, 13:15