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Leben trotz Zerstörung im Irak: Christen kehren teils zurück Leben trotz Zerstörung im Irak: Christen kehren teils zurück  (AFP or licensors)

Irak im Fokus: Gefahr des IS besteht weiter

Die Sicherheitslage in der nordirakischen Ninive-Ebene hat sich in den vergangenen Monaten zwar deutlich verbessert, doch nach wie vor ist nicht sicher, in welche Richtung sich die Region bzw. der Irak als Ganzes entwickelt.

Das ist die Quintessenz von Aussagen irakischer Kirchenvertreter in der aktuellen Ausgabe des in Linz erscheinenden Magazins „Information Christlicher Orient“. Sollten die Unruhen im Land anhalten, dann würde dies wohl auch zu einem Wiedererstarken des IS führen, so die Befürchtung.

Leben in Mosul, doch insgesamt wenig Rückkehrer

Inzwischen würden sich immer mehr Christen zurück nach Mosul trauen, berichtete etwa der Generalvikar der chaldäischen Erzdiözese Alqosh, Salar Kajo. Der östliche Teil der Stadt wurde bei der Vertreibung des IS 2016 nur wenig beschädigt. „Hier ist das Leben wieder recht normal. Im Westteil der Stadt ist aber noch sehr viel zerstört.“

Die Geschäfte und Märkte in Mosul seien wieder offen, ebenso die Schulen und Universitäten, berichtete der Generalvikar. Viele Christen aus den Dörfern und Städten der Ninive-Ebene würden wieder nach Mosul fahren, um dort zu arbeiten, und auch die älteren Schüler und Studenten besuchten wieder die weiterführenden Schulen und Universitäten. Aber: „Man muss schon auch sagen, dass immer noch viele IS-Schläferzellen in Mosul vermutet werden. Und wenn sich die politische Situation im Irak wieder verschlechtert, dann besteht die Gefahr, dass der IS oder eine ähnliche neue Terrorbewegung wieder erstarkt.“

 

Gefahr des IS nicht gebannt

Die politischen und militärischen Auseinandersetzungen im Irak müssten endlich ein Ende haben. „Wir brauchen endlich einen geeinten starken Staat. Jetzt gibt es so viele verschiedene Kräfte, auch so viele Milizen, die um die Macht streiten und sich bekämpfen“, so der Generalvikar.

Als der IS im Sommer 2014 Mosul eroberte, mussten alle Christen die Millionenstadt verlassen, um ihr Leben zu retten. 2003 lebten noch rund 35.000 Christen in Mosul, 2014 vor dem IS waren es noch 15.000. Gänzlich zurückgekehrt in ihre Häuser und Wohnungen sind seit der Befreiung Mosuls in der ersten Jahreshälfte 2017 nur eine Handvoll, wie der chaldäische Erzbischof von Mosul, Najeeb Michael, im „ICO“-Magazin berichtete. Die Sicherheitslage sei immer noch nicht wirklich stabil, und die Häuser und Wohnungen der Christen seien zum Teil, so sie nicht zerstört wurden, von anderen Leuten besetzt, sagte der Erzbischof: „Und für die Christen ist es kaum möglich, ihre Besitzansprüche durchzusetzen.“

Zerstörte Kirchen

Erzbischof Najeeb fährt jede Woche nach Mosul, um nach dem Rechten zu sehen. In Mosul gibt es rund 15 zerstörte Kirchen: chaldäische, syrisch-katholische und syrisch-orthodoxe und auch noch vier zerstörte Klöster. Eine chaldäische und eine syrisch-katholische Kirche wurden inzwischen wieder so weit hergerichtet, dass von Zeit zu Zeit darin Gottesdienste gefeiert werden können. Ein syrisch-katholischer Priester ist demnach ständig vor Ort.

Familien kehrten nach Batnaya zurück

Generalvikar Kajo ist auch Pfarrer der christlichen Kleinstadt Telskof und Vorsitzender des kirchlichen Komitees für den Wiederaufbau der Ninive-Ebene. In dieser Funktion konnte er Erfreuliches aus der Kleinstadt Batnaya berichten. In der Stadt rund 15 Kilometer von Mosul entfernt lebten bis 2014 mehr als 1.000 christliche Familien. Als im Sommer 2014 die Terrormiliz IS vorrückte, mussten alle fliehen. Mehr als zwei Jahre wüteten die IS-Truppe vor Ort. Als kurdische Verbände die Stadt im Herbst 2016 zurückeroberten, lag Batnaya vollständig in Schutt und Asche. An eine Rückkehr war für die Christen fast drei Jahre nicht zu denken.

Inzwischen seien aber wieder rund 50 christliche Familien zurückgekehrt, so Generalvikar Kajo: „Die Kirche hat ihnen dabei geholfen, ihre Häuser wieder aufzubauen. Auch die Infrastruktur - Strom und Wasser - wurde wieder halbwegs hergestellt. Ein Priester ist zusammen mit den anderen Menschen zurückgekehrt.“

Patriarch: Hilfsappell an den Westen

Die Bedeutung der Ninive-Ebene für das irakische Christentum hat im „ICO“-Magazin auch der chaldäische Patriarch Louis Sako unterstrichen: „Diese Region ist die Wiege des Christentums. Ganz gleich, ob wir von den Bergen des nördlichen Irak kommen, ob wir Einwohner Bagdads oder von Basra sind, für alle irakischen Christen gehört die Ninive-Ebene zu unserer Identität“, so der Patriarch wörtlich in einem Grußwort.

Damit noch mehr Christen, vor allem auch Familien und junge Leute, zurückkehren können, „braucht es gezielt Projekte, etwa in den Bereichen Landwirtschaft, Viehzucht oder Handel“. Eine große Herausforderung sei aktuell auch noch die medizinische Versorgung vor Ort. Ohne Hilfe von außen seien die vielen Probleme vor Ort nicht zu bewältigen, so der Patriarch.

Wörtlich hielt er weiter fest: „Es stimmt, dass sich die Sicherheitslage im Irak grundsätzlich verbessert hat. Wir leben jedoch immer noch in Ängsten und Spaltungen und leiden unter Wunden, die durch religiösen Extremismus verursacht werden. Zugleich haben die Ereignisse von Anfang Jänner zu neuen Ängsten geführt, dass der Irak wieder zu einem Schlachtfeld wird, statt zu einem sicheren souveränen Land, das seine Einwohner schützen kann.“

Christen setzen auf USA

Der Patriarch spielte damit auf die gezielte Tötung des iranischen Generals Qasem Soleimani im Irak Anfang Jänner durch die USA und die folgenden iranischen Attacken auf die US-Streitkräfte im Land an. Es formierte sich auch eine große (schiitische) Bewegung im Irak, die die Amerikaner ganz aus dem Land haben will.

Ein Szenario, vor dem Generalvikar Kajo freilich warnte: „Wir hoffen sehr, dass die Amerikaner bleiben. Denn wenn sie gehen, dann ist der Irak ganz in den Händen der verschiedenen Milizen.“

Was ihm Hoffnung mache, so Kajo, sei die Tatsache, dass die monatelangen heftigen Proteste der Bevölkerung gegen die korrupte Regierung in Bagdad und in anderen Städten vor allem von jungen Menschen getragen würden. „Und man muss dazusagen, dass die jungen Leute genug haben von einer vom Islam dominierten Politik", so der chaldäische Priester. „Die jungen Leute wollen einen säkularen Staat, einen Rechtsstaat nach westlichem Vorbild, in dem alle Bürger gleiche Rechte und Pflichten haben.“

Das Magazin „Information Christlicher Orient“ wird von der in Linz ansässigen „Initiative Christlicher Orient“ herausgegeben. Das Hilfswerk ist u.a. im Irak, in Syrien und im Libanon aktiv.

(kap – pr)

28 Februar 2020, 11:11