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Vatican News

Libanon: Ein Caritas-Hilferuf aus Beirut

Der libanesische Caritas-Präsident Pater Paul Karam hat im Gespräch mit der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR einen Hilferuf formuliert: „Der Libanon braucht Hilfe“.

„Was bei uns seit den Protesten passiert, die am 17. Oktober des Vorjahrs ausgebrochen sind, ist die Konsequenz einer Serie von Problemen, die sich seit Jahrzehnten dahinziehen und die jetzt das Volk im Hinblick auch auf das tägliche Brot bedrohen. Deshalb sind die Leute – unabhängig von Konfession, Ethnie und politischer Überzeugung – auf die Straße gegangen, um zu protestieren“.

Die Demonstrationen im Libanon seien seit den Kriegsgerüchten im Zusammenhang mit der Tötung des iranischen Revolutionsgenerals Qasem Soleimani aus den Schlagzeilen verschwunden, „aber sie gehen weiter“. In Beirut gebe es seit 6. Januar wieder Proteste, die die Bildung einer arbeitsfähigen Regierung und die Durchführung von Reformen zur Überwindung der Finanzkrise fordern.

„Korruption und Klientelismus“

Die Libanesen seien entschlossen, weiter „gegen Unrecht und Korruption“ zu kämpfen: „Die Leute wollen Arbeitsplätze, Wohnungen, Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, Respektierung der Grundrechte, Prozesse gegen die Korruptionisten, die das öffentliche Geld an sich gebracht haben“. Im Grunde gehe es um die Abrechnung mit der schlechten Regierungsführung seit dem Abkommen von Taif im Oktober 1989, mit dem der 1975 ausgebrochene Libanon-Krieg beendet wurde. Die Regierungen ab 1989 seien von Korruption und Klientelismus charakterisiert worden, sie seien dem persönlichen Wohlergehen und der eigenen politischen Klientel gewidmet gewesen, nicht aber „dem Wohl des Volkes“.
Ab 2011 sei der Zustrom der Flüchtlinge aus Syrien – „wahrscheinlich rund 1,5 Millionen Menschen“ - hinzugekommen, erinnerte der libanesische Caritas-Präsident. Papst Franziskus habe dankenswerterweise am 9. Januar beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Corps die Aufnahmebereitschaft und Solidarität der Libanesen gewürdigt, aber die wirtschaftlichen Schwierigkeiten seien jetzt für alle fühlbar, für Flüchtlinge und Einheimische. Daher setze sich die libanesiche Caritas sowohl für die Flüchtlinge als auch für die Armen im Libanon ein.

Nicht für die Kriege anderer bezahlen

Vor 2011 hätten 6,5 Prozent der Libanesen unter der Armutsgrenze gelebt, erinnerte Karam, heute seien es 39,5 Prozent. Die Zahl der Arbeitslosen sei von 6 Prozent auf 36 Prozent gestiegen. Und sie werde weiter steigen: Allein in Beirut haben in den letzten Monaten mehr als 260 Restaurants geschlossen, 20.000 Lehrerinnen und Lehrer von privaten Schulen stehen vor der Entlassung, weil die Eltern das Schulgeld nicht mehr zahlen können. Die Armut sei im Gleichschritt mit der Anhebung der Lebensmittelpreise gestiegen, sagte Karam. Der Mindestlohn liege im Libanon mittlerweile unter 300 Euro, 1,5 Millionen Bewohner müssten mit weniger als 108 Euro pro Monat auskommen.

Der libanesische Caritas-Präsident klagt all jene an, „die die Spannungen im Nahen Osten anheizen“. Wörtlich stellte P. Karam fest: „Die Mächtigen führen ihre Spiele aus. Wer zahlen muss, sind die Schwächsten, die nicht das Nötige zum Leben haben“. Der Libanon könne nicht mehr für die Kriege zahlen, die andere jenseits seiner Grenzen entfacht hätten und weiterhin am Köcheln halten. Das Land zähle auf die Unterstützung des Papstes und der internationalen Gemeinschaft.

Medikamente werden knapp

Der Caritas-Präsident erinnerte an die jüngste Erklärung der maronitischen Bischöfe. Darin forderten sie die politische Klasse dringend auf, den Zusammenhalt des Landes zu bewahren und den Libanon von den aktuellen Kriegswirren des Nahen Ostens fern zu halten. Die libanesische Caritas, die immer für Gleichheit, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit eingetreten sei, verstehe den Hilfeschrei des Volkes, der auf den Plätzen und in den Avenuen ertöne und wolle ihn überall - auf nationaler wie internationaler Ebene – vertreten.

Die wirtschaftliche Situation des Libanons hat sich durch die von den Banken eingeführte „Kapital-Kontrolle“ auch bei Privatkonten noch verschlechtert. Vor den Bankschaltern wird Schlange gestanden, Importe werden immer schwieriger, auch Medikamente sind betroffen. Betriebe, die mit dem Ausland arbeiten, haben auf Sparflamme umgeschaltet: Fünfwochenstunde statt 40-Stunden-Woche. Wegen der Befürchtungen über eine Verschlechterung der Versorgungslage wird „gehamstert“. Die Stromversorgung bricht immer wieder zusammen, daher besteht großer Bedarf nach Diesel-Generatoren.

Gratis-Heimflüge für Arbeitsmigranten

Die Krise betrifft insbesondere auch die zirka 200.000 Arbeitsmigranten im Libanon, die vor allem aus Äthiopien, Ceylon und von den Philippinen kommen. Vor allem viele philippinische Hausgehilfinnen nehmen das von der Regierung in Manila erstellte Angebot der Gratis-Heimflüge in Anspruch.

(pro oriente – sk)
 

12 Januar 2020, 17:24