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Die Geschichte
Vatican News

Im Schatten des Naziterrors ein Licht des Glaubens und der Menschlichkeit

Der 16. Oktober 1943 ist im historischen Gedächtnis Roms untrennbar mit der Stürmung des jüdischen Ghettos durch die deutschen Besatzer verbunden. Eine Familie entging der Deportation, die für die allermeisten abtransportierten Juden tödlich endete, dank des Eingreifens einer unbekannten Wohltäterin und eines engen Mitarbeiters von Papst Pius XII. Über 75 Jahre später erinnern sich die Kinder der damaligen Protagonisten, für die ihre mutige und großzügige Tat angesichts ihres katholischen Glaubens eine Selbstverständlichkeit war.

Christine Seuss und Fausta Speranza - Vatikanstadt

Am 27. Januar 1945 betraten die Soldaten der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wo sie die wenigen Überlebenden vorfanden, die die Nazis auf ihrer Flucht vor den Alliierten zurückgelassen hatten. Die etwa 7.000 Häftlinge, ein Bruchteil der über eine Million Menschen, die in den Jahren zuvor dort ums Leben gekommen waren, waren bis auf die Knochen abgemagert, krank und nur noch Schatten ihrer selbst, ein Anblick, der auch für die kampferprobten Soldaten nur schwer zu ertragen war. Auf Veranlassung der Vereinten Nationen wird seit 2005 der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz als Gedenktag des Holocaust begangen.

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Die Geschichten in der Geschichte

Doch die Konsequenzen der deutschen Gräueltaten betrafen nicht nur Auschwitz – sondern auch die Menschen, die dank eines glücklichen Umstands gar nicht erst in die Vernichtungslager gerieten. Historiker sprechen von etwa 80 bis 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung Roms, die dank der Hilfe ihrer Mitbürger, aber auch der italienischen Polizeibehörden überleben konnten. Unter ihnen ist die Familie Terracina, Vater, Mutter und vier Kinder, die im Haus von Anita Tata Zuflucht fanden. Was die Geschichte so unglaublich macht: Die beiden Frauen hatten sich erst wenige Tage zuvor in der Schlage beim Metzger kennengelernt, dennoch bot Anita ihrer jüdischen Geschlechtsgenossin an, sich bei Schwierigkeiten an sie zu wenden.

Milena Terracina
Milena Terracina

„Es war ein Samstag, und es war der letzte Tag, an dem man noch Zigaretten ohne Bezugsschein kaufen konnte. Also standen alle Männer in der Schlange vor dem Tabakhändler, auch mein Vater,“ erinnert sich Milena Terracina, eine der beiden Töchter des Paares. Die Ereignisse lassen sich auf die Tage um den 16. Oktober 1943 datieren, als die deutschen Besatzer die Bewohner des jüdischen Ghettos und die Juden aus anderen Vierteln Roms in einer gemeinsamen Razzia abtransportierten. 1259 Menschen wurden auf Lastwagen geladen, 1023 von ihnen ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gebracht. Nur 16 von ihnen überlebten, 15 Männer und eine Frau.

Ein katholischer Freund gibt das Signal zur Flucht

„Während mein Vater in der Schlage stand, wurde ihm zugetragen, dass die Juden aus dem Ghetto abtransportiert werden. Er ließ sich das nicht zweimal sagen und nahm sein graues Fahrrad – ich erinnere mich sogar an die Farbe – um zu sehen, was passierte. Als er gesehen hatte, dass die Juden tatsächlich abtransportiert wurden, ist er sofort nach Hause gekommen.“ Die Familie hatte einen kleinen Laden, der mit der Wohnung verbunden war. Doch angesichts der immer bedrohlicheren Situation hatten die Eltern im Geheimen einen Notausgang eingerichtet, durch den sie über das hintere Treppenhaus fliehen konnten. „Und als an diesem Tag die Deutschen unter dem Haus standen, wurden sie von den katholischen Freunden meines Vaters begleitet. Um uns das Signal zur Flucht zu geben, riefen sie zum Fenster hinauf: Giulio, komm mal zum Fenster, hier sind die Deutschen, die mit dir sprechen wollen. Und in der Zwischenzeit rannten wir über das Hinterhaus davon.“

Doch wohin? Wie die Mutter der Familie, Letizia Terracina, später erzählte, hatte sie sich bereits vor diesem schrecklichen Tag hilfesuchend an Freunde der Familie gewandt – doch nur verschlossene Türen vorgefunden. Keiner wollte riskieren, durch die Hilfe für Juden ins Visier den Nationalsozialisten zu geraten… Bis auf eine Zufallsbekanntschaft, die die Mutter erst wenige Tage zuvor gemacht hatte: Anita Tata, eine Frau, die die überlebenden Kinder von damals bis heute als eine „sehr gute und sehr religiöse Frau“ im Gedächtnis behalten haben. Sie lebte gemeinsam mit ihrem kriegsversehrten Mann in einer einfachen Zwei-Zimmer-Wohnung, und doch zögerte sie keinen Moment, ihrem Herzen und ihrem Glauben zu folgen und der verfolgten jüdischen Familie ihre Türen zu öffnen. Und nicht nur das – wie sie im Alter von 92 Jahren in einem Interview für die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem enthüllte, schlief sie selbst auf dem Sofa, um dem von ihr geretteten Paar das Bett zu überlassen...

„Sie hatten sich eine Woche vor unserer Flucht kennengelernt. Sie standen in der Schlange beim Metzger, den es übrigens heute noch gibt, und sie sprachen über die schlimmen Zeiten, und meine im achten Monat mit dem vierten Kind schwangere Mutter vertraute ihr an, dass sie Angst hatte. Und die Dame gab ihr einen Zettel mit ihrer Adresse und sagte: was auch immer geschieht, ihr könnt zu mir kommen… Einer Frau, die sie nie zuvor gesehen hatte!“

Doch das Risiko war groß, nur knapp entkamen die beiden Schwestern gemeinsam mit dem mittlerweile geborenen Brüderchen (der zweite, größere Bruder hatte Zuflucht in der Familie eines Mitarbeiters von Pius XII. gefunden), als auf einmal die Deutschen in der Wohnung standen. Damit niemand das Wimmern der verängstigten Kinder hörte, hatte Anita den Wasserhahn aufgedreht – ein Geräusch, das bei der älteren der beiden Schwestern, die schon damals das Grauen des Augenblicks verstanden hatte, noch heute Angstzustände auslöst… Die Schwestern fanden schließlich Zuflucht bei Ordensschwestern, die sie unauffällig unter die Töchter aus gutem Hause mischten, die bei ihnen erzogen wurden.

Leone Terracina
Leone Terracina

Der Bruder Leone hingegen wurde von Armando Cencelli aufgenommen, einem engen Vertrauten des damaligen Papstes Pius XII. Sein Sohn Massimiliano erinnert sich:

„Es klingelte bei uns an der Tür und davor stand Giulio Terracina mit seinem kleinen Sohn Leonello. Er sagte meinem Vater: ,Es sieht nicht gut aus, sie transportieren die Juden aus dem Ghetto ab. Hilf uns!“ Dieser Hilferuf reichte aus, dass der Mitarbeiter des damaligen Papstes und seine Familie ihre Türen öffneten, um den kleinen Jungen aufzunehmen. Er selbst könne sich nur an wenige Details erinnern, so der mittlerweile selbst über 75-jährige Leone, der bei der Familie des Vatikanmitarbeiters Zuflucht gefunden hatte. Insbesondere die Position des Telefons, seine einzige Verbindung zu seiner Familie, hatte sich ihm ins Gedächtnis gebrannt: „Ich kannte niemanden in der Familie, war noch nie in der Wohnung gewesen. Natürlich habe ich geweint, als mein Vater mich dort gelassen hat. In den kommenden Tagen habe ich meine Eltern telefonisch gehört. Und das ist das, was mir von dieser Situation vor allem in Erinnerung geblieben ist.“

Massimiliano Cencelli
Massimiliano Cencelli

Leone schlief mit dem etwa gleichaltrigen Sohn und dem Großvater der Familie Cencarelli in einem kleinen Zimmer: die Verhältnisse waren beengt, aber der gegenseitigen Zuneigung, die in der Notsituation gewachsen ist, tat das keinen Abbruch, erinnert sich Leone: „Die Liebe, die mir in diesem Haus entgegengebracht wurde, von Menschen, die ich nie zuvor gesehen habe, hat in gewisser Weise die Liebe meiner Eltern ersetzt, die mir so fehlte…“

Der kleine Leone und seine Gastfamilie unternahmen oft Spaziergänge im Säulengang des Petersplatzes, doch er verstand den Grund für diese wiederholten Spaziergänge nicht. „Hinter den Säulen standen meine Mutter und mein Vater, versteckt, um mich heimlich zu sehen. Einmal habe ich mich losgerissen und bin direkt auf eine Säule losgesteuert, und Armando, mein Gastvater, hat mich gerade noch am Schlafittchen erwischt. Hinter dieser Säule stand tatsächlich mein Vater… Die Cencellis waren wunderbar. Sie waren wie wirkliche Eltern für mich.”

Ähnlich empfand es Massimiliano Cencelli, der Sohn der Familie des Vatikanmitarbeiters. Als Einzelkind aufgewachsen, musste er auf einmal alles mit einem gleichaltrigen Jungen teilen – und dennoch entstand eine tiefe, innige Freundschaft, die ihn in Tränen ausbrechen ließ, als nach eineinhalb Jahren, nachdem die Gefahr vorüber war, das Gastkind die Familie wieder verließ, wie er Jahre später erzählt. Die Entscheidung seiner Eltern, trotz des Risikos den kleinen jüdischen Jungen aufzunehmen, sei „normal und zwangläufig“ gewesen, „ für zwei tiefgläubige Menschen, die durch die Botschaft Christi berührt wurden.“

Ihre Geste sei darüber hinaus nur ein Teil der großen Anstrengungen gewesen, die im gesamten Vatikan gemacht und vom Papst erwartet wurden, um die bedrohten Juden zu retten. Sein Vater, so erinnert er sich, erzählte oft von derartigen Episoden. So fanden zahlreiche Frauen in den verschiedenen Vatikangebäuden oder Frauenkonventen Unterschlupf, Männer wurden zum Schein als Wachen eingestellt. Der Papst selbst, so erinnert sich Massimiliano aus den Erzählungen seines Vaters, war ein einfacher Mann, der in diesen mageren Zeiten ein Glas Milch zum Abendessen zu sich nahm und seinen engen Mitarbeitern gegenüber seine Trauer darüber, was an Unmenschlichem geschah, durchscheinen ließ.

Für Massimiliano Cencelli ist klar, dass es auch angesichts von verschiedenen Religionszugehörigkeiten „nur ein Menschengeschlecht gibt, der Rest sind machtorientierte Erfindungen!“ Religionen könnten sich nicht als solche bezeichnen, „wenn sie nicht die Menschlichkeit bewahren.“

Fernando Terracina
Fernando Terracina

Fernando hingegen war zum Zeitpunkt der Flucht noch im Bauch seiner Mutter, und bis heute hält er sich für das Familienmitglied, das am „glimpflichsten” davon gekommen ist – denn er wurde nie von seiner Mutter getrennt, das Grauen, das rund um ihn geschah, war belastender für seine älteren Geschwister als für ihn selbst, damals ein kleines Baby. Und dennoch hatte auch er im Alter von sechs bis acht Jahren oft Albträume, spürte, dass er „vor den Deutschen fliehen musste“, wie er erzählt.

Seine Bindung zur Gastfamilie wurde jedoch so stark, dass seine „Ziehmutter“ Anita ihn an ihr Totenbett rufen ließ und vorher partout nicht sterben wollte, erzählt Fernando sichtlich gerührt. Auch seine Mutter  vertraute der bisher fremden, tief gläubigen Frau das Leben ihres Jüngsten vorbehaltlos an: „Sie sagte mir, wenn die Deutschen kämen und sie selbst mitnehmen würden, würde Frau Anita mich in einer Schublade verstecken, damit wenigstens ich überleben würde. Und sie vertraute darauf, dass diese Familie mich wie einen eigenen Sohn aufziehen würde…. Als ich Jahre später dann auf ihren Wunsch hin zu ihr ans Totenbett trat, sagte sie zu mir: Jetzt kann ich in Frieden sterben, denn ich habe dich gesehen. Ich habe dich unglaublich lieb.“

Massimiliano Cencelli, der sein ganzes Erwachsenenleben in der Politik tätig war, wird nicht müde, vor den Folgen von Korruption und Menschenhass zu warnen. Dafür findet er nicht immer Verständnis: „Mir wird oft gesagt, red doch nicht immer von Sachen, die vor Ewigkeiten passiert sind… Naja, ich kann nur hoffen, dass so etwas nie wieder passiert…“

(vatican news - cs)

27 Januar 2020, 14:13