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Archivbild eines Treffens der orthodoxen Kirchenführer im Phanar in Istanbul, 2014 Archivbild eines Treffens der orthodoxen Kirchenführer im Phanar in Istanbul, 2014 

Orthodoxie-Experte: Kein Ende im orthodoxen Kirchenstreit in Sicht

Der Orthodoxie-Experte Thomas Bremer hegt wenig Hoffnung, dass sich die Wogen im innerorthodoxen Kirchenstreit bald glätten könnten. Der nun offen ausgebrochene Konflikt um die Anerkennung der orthodoxen Kirche der Ukraine durch das Patriarchat von Konstantinopel schwelte schon seit längerem - und könnte mit der Anerkennung durch weitere orthodoxe Kirchen noch größere Auswirkungen zeitigen. Das sagte Bremer im Interview mit Radio Vatikan.

Derzeit gibt es in der Orthodoxie Streit um die ukranisch-orthodoxe Kirche, die vom Patriarchat Konstantinopel und von der griechisch-orthodoxen Kirche zum Unmut von Moskau anerkannt wurde. Welche Sprengkraft, Herr Professor Bremer, hat denn dieser Konflikt – kirchenpolitisch und ja, auch weltlich?

Bremer: Die russisch-orthodoxe Kirche hat ja am letzten Sonntag die Kommuniongemeinschaft mit der orthodoxen Kirche von Griechenland abgebrochen. Konkret geht das so, dass der Patriarch den Erzbischof von Athen nicht mehr während der Liturgie nennt. Damit ist die eucharistische Verbindung abgebrochen. Das heißt, dass sich die russische Kirche mit der Kirche von Konstantinopel und mit der Kirche von Griechenland im Schisma befindet. Es wird immer betont, dass sei nur einseitig – von russischer Seite – das stimmt, aber faktisch ist es ein Bruch. Das hängt damit zusammen, dass von Konstantinopel aus eine neue Kirche gegründet wurde, die sogenannte „Orthodoxe Kirche der Ukraine“. Diese Kirche wurde von Konstantinopel als selbstständige Kirche anerkannt, und die russische Kirche anerkennt nur die ganz ähnlich heißende „Ukrainische orthodoxe Kirche“ als legitim an.

Ich glaube, das hat einige Sprengkraft für die Weltorthodoxie, weil ich momentan nicht sehen kann, wie die beiden Hauptkontrahenten – Konstantinopel und Moskau – in dieser Sache wieder zusammen kommen können. Noch ist es so, dass die anderen orthodoxen Kirchen alle Gemeinschaft mit beiden halten, mit Moskau und mit Konstantinopel – und dadurch wird die Orthodoxie zusammen gehalten.

Zum Nachhören

Es ist entscheidend, was in den nächsten Wochen und Monaten passieren wird. Wenn mehrere orthodoxe Kirchen die neue Kirche, also die „Orthodoxe Kirche der Ukraine“ auch anerkennen, dann wird Moskau vermutlich auch mit diesen brechen und dann werden wir ein großes Schisma, das ganz schwer zu heilen sein wird, in der Orthodoxie haben.

Wenn wir uns die konkrete Lage in der Ukraine einmal ansehen - es gibt da ja auch Eigentumskonflikte, im Osten des Landes gibt es immer noch Auseinandersetzungen – welche Auswirkungen kann dieser Kirchenstreik haben auf das ganz kirchliche und soziale Leben in der Ukraine?

Bremer: Der Streit hat jetzt schon Auswirkungen auf das kirchliche Leben in der Ukraine, weil es Gemeinden gibt, die sich geteilt oder getrennt haben oder wo es Streitigkeiten gab, zu welcher Kirche man jetzt gehören soll. Meistens war es dann so, dass vor allem in kleineren Orten ein Teil der Gemeinde sich für die eigene, und ein Teil für die andere entschloss. Je nachdem, welche Gruppe dann die Mehrheit hatte, hat sie das Kirchengebäude zugesprochen bekommen, die anderen waren ohne Kirchengebäude und zelebrierten im Freien, in der Wohnung des Priesters oder in einer Garage oder so.

Das heißt, es gibt jetzt schon konkrete Folgen vor allem in den kleinen dörflichen Gemeinschaften. In der Stadt ist das nicht so ein Problem, weil man einfach in eine andere Kirche gehen kann. Aber wenn auf dem Dorf, wo es eben nur eine Kirche gibt, eine Veränderung passiert, mit der man nicht einverstanden ist, dann hat das sofort Konsequenzen. Das heißt, das spüren viele orthodoxe Menschen in der Ukraine jetzt schon sehr deutlich.

2016, also vor gerade einmal drei Jahren, fand auf der Insel Kreta das Panorthodoxe Konzil statt. Schon damals kam die russisch-orthodoxe Seite nicht hinzu – würden Sie sagen, da gibt es eine längerfristige Entwicklung, bei der man eine Spannung ablesen kann?

Bremer: Ja, es gibt seit vielen Jahren eine Spannung zwischen den beiden Patriarchaten, die damit zusammen hängt, dass das ökumenische Patriarchat, also die Kirche von Konstantinopel in der Türkei in der kanonischen Reihenfolge, die es in der Orthodoxie gibt, die erste Stelle innehat. Das heißt zum Beispiel, wenn man die Kirchenoberhäupter aufzählt, dann ist immer der Patriarch von Konstantinopel der Erste. Die Kirche von Konstantinopel ist heute aber relativ klein, in der Türkei gibt es nur sehr wenige Angehörige dieser Kirche. Sie beansprucht auch die Jurisdiktion für die Gläubigen außerhalb orthodoxer Territorien, in der sogenannten Diaspora zum Beispiel hier bei uns in Deutschland oder in den Vereinigten Staaten. Aber insgesamt ist sie relativ klein – während die russisch-orthodoxe Kirche die fünfte in der Rangfolge, aber mit Abstand die größte orthodoxe Kirche ist. Und in diesem Zusammenhang gibt es gewisse Spannungen zwischen diesen beiden Kirchen, seit vielen Jahren. Was noch dazu kommt, ist, dass es über der Frage, wie denn eine Kirche autokephal, also selbstständig, werden kann, keine Einheit in der Orthodoxie gibt. Der Akt, den das Patriarchat von Konstantinopel im letzten Jahr, im Januar 2019, gesetzt hat, die Anerkennung der Autokephalie – Moskau würde bestreiten, dass Konstantinopel überhaupt die Kompetenz dazu hat. Das ist der Hintergrund des Konflikts.

Sehen wir uns die Rolle des Vatikans dazu an. Der Vatikan spielt ja keine explizite Rolle in dem Konflikt – er unterhält Kontakte zu beiden Seiten, inzwischen gab es auch eine Annäherung zu Kyrill I., wir erinnern uns an das historische Treffen von Kyrill und Franziskus auf Kuba. Soweit man weiß, ist der Kontakt auch schon länger stetig und auch gut. Was ist das jetzt für eine Position, die der Vatikan in diesem Spannungsfeld einnimmt?

Bremer: Das ist natürlich eine schwierige Position. Es ist gut, dass die vatikanischen Vertreter immer sehr deutlich klargemacht haben, dass es eine innerorthodoxe Frage ist, in der die katholische Kirche keine Position beziehen kann. Sie kann jetzt nicht sagen, diese haben Recht oder jene haben Recht, sondern das muss die Orthodoxie selbst lösen. Die katholische Kirche versucht mit allen weiterhin in Beziehung zu bleiben.

Was ein Problem ist und Konsequenzen haben wird, ist, dass der Beschluss der russisch-orthodoxen Kirche, die Beziehungen zu Konstantinopel abzubrechen, bedeutet, dass die russische orthodoxe Kirche nicht mehr in Gremien mitarbeitet, denen ein Vertreter von Konstantinopel vorsitzt. Das bedeutet, dass der offizielle internationale katholisch-orthodoxe Dialog eigentlich gelähmt ist, weil der orthodoxe Vorsitzende der Bischof von Konstantinopel ist und die russische Kirche, wenn sie ihre Ankündigungen ernst nimmt, nicht mehr zu den Treffen kommen wird. Dann ist es natürlich schwierig, einen ökumenischen Dialog mit der Orthodoxie zu führen, wenn die größte Kirche nicht daran teilnimmt. 

Die Fragen stellte Anne Preckel. Der Theologe und Ostkirchen-Experte Thomas Bremer ist Professor für Ostkirchenkunde und Ökumenische Theologie am Institut für Ökumenik und Friedensforschung der Universität Münster.

(vatican news)

06 November 2019, 14:05