Cerca

Vatican News
Das al-Hol-Camp im Nordosten Syriens ist eines der Lager, in dem die oft europäischen IS-Frauen festgehalten werden Das al-Hol-Camp im Nordosten Syriens ist eines der Lager, in dem die oft europäischen IS-Frauen festgehalten werden  (AFP or licensors)

Syrien: Die Frauen, das IS-Erbe und der schwierige Weg in die Normalität

Frauen, die sich aus freien Stücken dem selbst ernannten Islamischen Staat angeschlossen haben, sollten nicht nur als Opfer angesehen werden. Darauf weist die italienische Journalistin Benedetta Argentieri hin, die derzeit im Nordosten Syriens einen Film über die Frauen vor Ort dreht. Darunter sind – neben den in Lagern internierten und oft europäischen IS-Frauen – auch die Frauen, die dem zerstörten Umfeld zum Trotz wieder zur Normalität zurückkehren wollen.

Christine Seuss und Eugenio Serra - Vatikanstadt

Acht Jahre dauert der Konflikt in dem Land nun schon an, und die Situation stellt sich immer komplizierter dar. Doch die Umwälzungen stellen auch eine Chance für die vielen Frauen dar, die nun zunehmend in bisher unerreichbare Rollen der Verantwortung gelangen, stellt die Filmemacherin klar. In ihrem Werk „I am the Revolution“ geht es vor allem um Kurdinnen, ihre Organisation und die Rolle, die sie in der neuen Gesellschaftsordnung anstreben, erläutert Benedetta Argentieri:

„Die Kurden-Revolution in Rojava, im Nordosten Syriens, sieht die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau vor, und das überträgt sich auf das tägliche Leben, in dem Frauen aktive Mitglieder der Gesellschaft, der Armee, der Sicherheitskräfte und überhaupt aller gesellschaftlicher Bereiche sind. Es liegt auf der Hand, dass die Lebensbedingungen für Frauen in Syrien sehr schwierig waren. Die Revolution hat den Frauen einen Weg eröffnet, vor allem im Nordosten Syriens, wo man versucht, Gleichberechtigung zu etablieren. Deshalb hat hier jede Verwaltung, jeder Rat, einen Ko-Präsidenten: einen Mann und eine Frau. Das führt dazu, dass sich den Frauen Möglichkeiten bieten, die bisher nicht denkbar waren.“

“ Die Intelligenz der Frauen kann endlich für den demokratischen Prozess genutzt werden ”

Die Demokratische Föderation Nordsyrien (DFNS), auch bekannt unter dem Namen Rojava, besteht de facto aus einer autonomen Region im Norden Syriens, in der überwiegend Kurden leben. Zwar hat der syrische Staat seine Präsenz in den Gebieten überwiegend aufgegeben, anerkannt wird der Autonomiestatus jedoch nicht. Mittlerweile hat Rojava diplomatische Vertretungen in mehreren europäischen Ländern eingerichtet, darunter auch Deutschland und Frankreich. Benedetta Argentieri unterstreicht im Gespräch mit uns den wichtigen Beitrag, den die Frauen zur Entwicklung der Region und der Gesellschaft beitragen:

„Den Frauen die Möglichkeit zu geben, sich auch für eine Zukunft unabhängig vom Eheleben zu entscheiden, ist ein enormer Beitrag: Denn das bedeutet auch, dass die Intelligenz der Frauen endlich genutzt werden kann für das Fortschreiten des demokratischen Prozesses. Die Idee ist die, die Gesellschaft zu verändern und sie immer inklusiver zu machen.“

Zum Nachhören

In vielen Bereichen gibt es mittlerweile zögerliche Versuche, wieder eine Art von Normalität zu leben, erzählt die Journalistin. Kultur, Kunst und Musik stellen dabei wichtige Vehikel dar. Doch nach wie vor unterliegt die Region, die durch das syrische Regime und die internationale Gemeinschaft nicht anerkannt wird und auch im Nachbarn Türkei nicht gerade einen Freund hat, großen Unsicherheiten: „Es gibt viel Hoffnung und viele Geschichten, aber die Situation ist extrem kompliziert, denn wie wir erst kürzlich gesehen haben, herrscht in Syrien immer noch Krieg.“ Nicht weit weg von Rojava, im Nordwesten Syriens, befindet sich die Region Idlib, derzeit die wohl am heftigsten umkämpfte Rebellenhochburg.

Beitrag der Frauen zum Frieden unleugbar...

Insbesondere die Frauen spielten bei der Friedensstiftung zwar unleugbar eine entscheidende Rolle, betont Argentieri mit Blick auf die großen Fortschritte, die insbesondere in der Region Rojava auf dem Weg zum Frieden gemacht wurden. Doch der Enthusiasmus über den positiven Beitrag der Frauen zur gesellschaftlichen Entwicklung darf nicht darüber hinwegsehen lassen, dass es nach wie vor viele Frauen gibt, die dem mittlerweile vertriebenen Islamischen Staat nachtrauern. Wie Benedetta Argentieri hervorhebt, hatten sich die nunmehrigen „IS-Witwen“ in einem Großteil der Fälle aus freien Stücken dazu entschlossen, sich den fanatischen Kämpfern anzuschließen und unter dem Gesetz der Scharia zu leben:

„Das Problem ist, dass wir in diesen Frauen oftmals nur Opfer der Ehemänner oder Verlobten sehen, die sie in den IS mit hineingezogen haben. Doch oft ist es nicht so, sondern sie haben vielmehr aktiv an der Gesellschaft teilgehabt.“

...doch es gibt auch Täterinnen

Doch wie nun mit diesen Frauen umgehen, die – nach der Flucht, Gefangennahme oder Tötung ihrer Gefährten – in den Lagern ihr Auskommen fristen? Eine verzwickte Angelegenheit, gesteht die Journalistin ein: „Ich denke, dass der richtige Weg für diese Frauen, die sich in den meisten Fällen schlimmer Verbrechen schuldig gemacht haben, der wäre, ein Tribunal einzurichten, das ihre Rolle innerhalb der terroristischen Organisation analysiert und versteht.“ Erst danach könne man über einen Weg nachdenken, wie diese Frauen de-radikalisiert und wieder in die Gesellschaft integriert werden könnten, so Argentieri. „Doch sehr oft – und ich habe wirklich viele von ihnen in den Lagern getroffen – sind diese Frauen immer noch radikalisiert und erziehen ihre Kinder im Namen des Jihad. Das ist das wahre Problem: wie soll man mit dieser Situation umgehen?“

Eine Frage, mit deren Beantwortung sich derzeit insbesondere viele europäische Staaten schwer tun. Doch eine sehr hohe Zahl der Betroffenen sind europäische Staatsbürger, gibt die Journalistin zu bedenken. „Das Problem ist sicher politischer Art, denn sie können nicht vor Gerichte in Deutschland, England oder Frankreich gestellt werden, weil es fast unmöglich ist, von dort aus Ermittlungen anzustellen. Das, was im Nordosten Syriens vorgeschlagen wird, ist die Einrichtung eines internationalen Gerichtshofes. Ich denke, dass das eine sehr gute Idee ist, um zu verstehen, wie das Problem angegangen werden kann. Die Ideologie ist immer noch sehr stark unter den Anhängern des IS, auch wenn der Krieg vorbei ist.“

Ein weiteres Problem, mit dem die internationale Gemeinschaft sich in diesem Zusammenhang konfrontiert sieht, ist die hohe Anzahl der radikalisierten Frauen, die in den Lagern interniert sind, unterstreicht Argentieri: „Wir sprechen von fast 12.000 Frauen aus 48 verschiedenen Nationen. Viele sind Europäerinnen, unter ihnen ein sehr hoher Anteil von Französinnen und Deutschen. Es ist also nötig, kollektiv Verantwortung für diese Personen zu übernehmen, die trotz allem Töchter Europas sind, wir können sie nicht verstoßen. Und sie hier zu lassen, ist sicher nicht die Lösung.“

(vatican news)

31 Juli 2019, 13:31