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In einer Pfarrei im Amazonas In einer Pfarrei im Amazonas 

Peru: „Wertschätzung für Amazonas wird langsam Wirklichkeit in der Kirche“

Die Wertschätzung für die Menschen und Kulturen im Amazonas, die Papst Franziskus vorgibt, wird langsam Wirklichkeit in der Kirche. Das sagt Bischof Reinhold Nann, der in Peru die Apostolische Prälatur Caraveli leitet, im Gespräch mit uns.

Nann war vor seiner Ernennung zum Bischof durch Papst Franziskus Priester im peruanischen Urwald gewesen. Im dritten Teil unseres Interviews erinnert sich der aus dem Erzbistum Freiburg stammende Schönstatt-Pater zunächst an den Papstbesuch im peruanischen Urwald vom Januar 2018.

Bischof Nann: Das war eine sehr schöne Begegnung. Es war in Puerto Maldonado, das ist die drittgrößte Stadt im Urwald, und das war typisch: Da gibt es die „Städter“, die relativ verachtend auf die Eingeborenen schauen, denn sie sind ja „in der Stadt“, das ist eine andere Kultur. Sie hatten dann ihr Treffen draußen auf dem Platz mit dem Papst. Aber vorher war er im Coliseo [Coliseo Madre de Dios, 19.01.2018], einer großen Halle, in der etwa 3.000 geladene Gäste waren, und davon waren 2.500 Indigene. Die wurden zum Teil vom Militär mit Hubschraubern und Schnellbooten von überall her hergebracht, weil es für sie schwierig ist, dahin zu kommen. Die Stammeshäuptlinge saßen um den Papst herum, und das war interessant: Sie haben sich an kein Protokoll gehalten, ständig ist einer aufgestanden und hat dem Papst die Hand geschüttelt, ihm ein Geschenk gegeben oder ihn umarmt. Die Leibwächter waren aufgeregt, weil sie das Ganze nicht mehr richtig kontrollieren konnten. Aber der Papst hat es sichtbar genossen, den Indigenen so nahe zu sein. Er war gewissermaßen ihr „Oberhäuptling“, kann man sagen.

Hier zum Hören:

Vatican News: Auch was der Papst bei der Gelegenheit sagte, war etwas Grundsätzliches, ein neuer katholischer Zugang zur indigenen Welt…

Bischof Nann: Ich habe das noch nie so erlebt bei Papstbesuchen - da redet ja immer der Papst und die Leute hören zu. Bei den Indigenen war es anders, sie haben zu zwei Dritteln geredet, und nur ein Drittel der Papst selbst. Es wurden Leute aus verschiedenen Stämmen ausgewählt. Sie haben ihm sehr gedankt für Laudato Si. Damit wird ganz stark auch pastoral gearbeitet. Die Indigenen haben den Papst als einen Verbündeten gesehen. Das war früher nicht so: Früher haben die Indigenen die katholische Kirche als etwas gesehen, das ihnen von außen etwas aufstülpen will. Die Indigenen in Peru sind ganz besonders. In der Gegend um Iquitos haben [im 16./17. Jahrhundert, Anm. d. Red.] Jesuiten in diesen Reduktionen evangelisiert. Da gab es große Gemeinden. Dann wurden die Jesuiten verboten und hundert Jahre lang kam kein Missionar mehr in diese Gegend. Als dann die Franziskaner hundert Jahre später kamen, haben sie die meisten Indigenen getauft vorgefunden. Das heißt, die Indigenen haben hundert Jahre lang weiter getauft – ohne Priester, unter sich. Sie bezeichnen sich als Christen, aber es ist ein eigenes Christentum, das uns oftmals sehr fremd ist…

„Sie haben Papst Franziskus als einen der ihren empfunden, einen, der sie wertschätzt.“

Vatican News: Inwiefern fremd?

Bischof Nann: Da spielen viele Geister eine Rolle, böse und gute Geister, Schamanen. Aber auch der Schamane würde sich auch nicht als antichristlich bezeichnen. Sie haben also Papst Franziskus als einen der ihren empfunden, nicht als einen, der von außen kommt, sondern einer, der sie wertschätzt. Das war sehr wichtig. Wir sehen jetzt Mission dort wirklich als einen wertschätzenden Dialog. Wir sagen, die Indigenen, das ist wie im Alten Testament, da ist Christus auch schon vorbereitet worden, obwohl er da nie hinkam. Wir versuchen, in einen interreligiösen Dialog mit ihnen zu kommen, sie ernst zunehmen mit ihrem Glauben, uns zu freuen daran, dass die Leute einen starken Glauben an Gott und an die Natur haben und mit dieser Natur eine Einstellung haben, die uns vielleicht zugute käme, damit wir anders mit dieser Welt umgehen.

Vatican News: Sie waren selbst Priester im peruanischen Amazonasgebiet, bevor sie Bischof geworden sind. Was erwarten Sie von der bevorstehenden Amazonassynode?

Bischof Nann: Die Amazonassynode ist für uns eine große Hoffnung. Zunächst einmal wird der Amazonas in Peru auch innerkirchlich aufgewertet. Wir haben nur etwa zehn Bischöfe im Amazonasgebiet, die es dort finanziell auch ganz schwierig haben. Die anderen 35 Bischöfe, haben die immer so als „Anhängsel“ gesehen. Jetzt stehen sie plötzlich im Mittelpunkt. Das ist ganz neu. Der frühere Vorsitzende der Bischofskonferenz hat gesagt: Wir müssen die Kirche „amazonisieren“, also nicht nur den Amazonas verkirchlichen. Das geschieht gerade auch in Peru, dass wir als Bischöfe das ernster nehmen: Da gibt es eine ganz eigene Kirche. Es ist nicht nur schlecht oder zurückgeblieben, sondern da sind auch eigene Werte drin. Also wird diese Wertschätzung, die Papst Franziskus mit Laudato Si für das Amazonasgebiet gebracht hat, jetzt langsam Wirklichkeit.

„Da gibt es eine ganz eigene Kirche. Es ist nicht nur schlecht oder zurückgeblieben, sondern da sind auch eigene Werte drin.“

Vatican News: Wie wurden die Indigenen und überhaupt die Amazonas-Bevölkerung in die Vorbereitung der Synode miteinbezogen?

Bischof Nann: Innerhalb des Amazonasgebietes wurden schon viele Vorsynoden abgehalten. Die benachbarten Bistümer haben sich auch mit den Laien, die dort engagiert sind, zu Fragen, die die Amazonassynode an die Bevölkerung, speziell die Indigenen, gestellt hat, beschäftigt und Antworten gegeben. Es wurde darüber diskutiert und alles eingebracht, und das Instrumentum Laboris ist erschienen. Da sind Sachen von den Ureinwohnern eingeflossen. Man muss sich ja vorstellen, im Amazonasgebiet, in Peru zumindest, haben wir nur zehn Prozent wirkliche Ureinwohner. Die anderen sind überwiegend Migranten aus den Anden, aus anderen armen Gebieten Perus, die dort eine Zukunft suchen. Es gibt im Amazonas Gold, Gas, Öl, Edelhölzer. Immer wieder kommt es zu Konflikten mit den Indigenen. Es ist ein spannungsgeladenes Gebiet. Jetzt gibt es Coca, also Rauschgift, das früher nur gehandelt wurde, jetzt aber auch angepflanzt wird. Wie ich gesagt habe, der Papst hatte zwei Begegnungen im Urwald: eine mit der Bevölkerung und eine mit den Ureinwohnern, das sind zwei Gruppen, die nicht so gut miteinander können.

Vatican News: Was könnte es für die Weltkirche bedeuten, wenn der Blick der Bischöfe und der Fachleute sich im Oktober auf den Amazonas richtet, auf seine Herausforderungen, auch pastoraler Natur, Priestermangel, Neubewertung der Rolle von Frauen – welche Wege könnte das für die ganze Kirche weisen?

Bischof Nann: Ich sehe zwei Punkte, die da immer wieder erwähnt werden. Kardinal Cláudio Hummes, der den Amazonas gut kennt und Präsident dieser Synode ist, nennt diese zwei Punkte immer wieder. Das eine ist die Inkulturation der Kirche. Wir müssen die Kultur der Menschen ernst nehmen, sie kennen lernen, bevor wir dann mit dem Evangelium in einen Dialog mit dieser Kultur treten. Das gilt, denke ich, für die ganze Welt. Im Amazonas kann man das stark machen, weil diese Kultur sehr stark ist, im Vergleich zur Kirche. Dieser Dialog findet da fast auf gleicher Ebene statt, während normalerweise in diesen kolonisierten Gebieten die katholische Kirche auf das Einheimische irgendwo aufgepfropft wurde, wie etwa in den Anden. Im Urwald konnte es so nicht passieren. Dadurch hält sich noch mehr von der ursprünglichen Kultur, die jetzt in einer Art interreligiösen Dialog tritt, der auch spannend ist für uns selbst. Einen interreligiösen Dialog zu führen ist heutzutage nicht einfach, aber es ist spannend und es wird im Amazonas wirklich geführt. Wie kann sich Kirche in eine völlig andere Kultur hineinbegeben und unseren eigenen Gott auch darin zu entdecken und damit ins Gespräch zu kommen: Das ist ein Punkt.

„Aber es sind halt immer Wortgottesdienste, keine Messen“

Vatican News: Und der andere?

Bischof Nann: Der andere ist der Priestermangel. Auf die Fläche hin, auf die Personenzahl nicht unbedingt, sind wir ganz schlecht aufgestellt und müssen tagelang reisen, um zu bestimmten Dörfern zu kommen. Das ist weniger ein Zeitproblem als ein Geldproblem, denn da auf Flüssen mit Motorbooten unterwegs zu sein, ist auch eine Kostenfrage. Wir haben im Amazonasgebiet relativ viele Katecheten, die solche Dörfer leiten. Dieses Gemeindemodell, wo ein Katechet Gemeindeleiter ist und der Pfarrer fliegt hin und wieder ein, das geht bis zu einem gewissen Grad, nämlich so, dass diese Gemeinden funktionieren und die Kinder getauft werden. Aber es sind halt immer Wortgottesdienste, keine Messen. Die Leute in den Dörfern wissen gar nicht, was die Eucharistie ist. In den Städten schon, da ist die Kirche da. Die Frage ist: Sollte nicht auch in diesen Dörfern die Eucharistie häufiger gefeiert werden? Kann es dafür neue Ämter geben? Kann es andere Zugangswege zum Amt geben oder machen wir den Wortgottesdienst ganz zum Eucharistieersatz? Die Sache ist die, dass Eucharistie in vielen Dörfern nur einmal im Jahr oder seltener gefeiert werden kann.

Vatican News: Empfinden die Menschen das als großen Mangel?

Bischof Nann: In manchen Dörfern ja, in anderen nicht, weil sie es gar nicht anders kennen. Der Katechet macht alles, und der Pfarrer ist dann ein Ehrengast. Das ist so, wie wenn in Deutschland mal der Bischof irgendwo hinkommt. Ein Problem ist es eher für die Lehrer aus der Stadt, die dann da raus mussten in die Dörfer und sagen: Da ist ja nie ein Pfarrer, also kein Gottesdienst. Jene, die schon immer auf dem Dorf gelebt haben, vermissen das auch nicht.

Im ersten Teil unseres Interviews stellte Bischof Nann sein Wirken in einer Andendiözese vor, im zweiten Teil sprachen wir über die sich verändernde Zusammensetzung der peruanischen Bischofskonferenz.

(vatican news)

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19. Juli 2019, 11:29