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Schlamm bedeckt die Stadt Brumadinho in Brasilien Schlamm bedeckt die Stadt Brumadinho in Brasilien  (ANSA)

Dammbruch in Brasilien: „Ein Stück Normalität zurückgeben“

Vor knapp fünf Monaten ist in der brasilianischen Kleinstadt Brumadinho der Damm eines Rückhaltebeckens gebrochen. Das Ausmaß der Katastrophe ist bis heute noch nicht zu beziffern, noch immer werden Menschen vermisst. Vergangene Woche verurteilte ein brasilianisches Gericht den Bergbaukonzern Vale, für jegliche Schäden des Unglücks aufzukommen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer für die Menschen vor Ort, sagt uns Norbert Bolte von Adveniat.

Viktoria Michelt - Vatikanstadt

Direkt am Ortseingang von Brumadinho wird an das Unglück Ende Januar erinnert: Über 240 Holzkreuze stehen dort in der Mitte des Kreisverkehres, für jeden getöteten eines. Daneben stehen jeweils Fotos der Opfer, mit Schlamm beschmutzte Kleidung liegt daneben.

Zum Nachhören

So beschreibt Norbert Bolte, Brasilienreferent des katholischen Hilfswerkes Adveniat, seinen ersten Eindruck von Brumadinho nach der Katastrophe. Im April war er während einer Projektreise  in dem Ort. „Es war eine sehr schwierige Situation. An einer anderen Stelle der Stadt hätte ich vielleicht ein Stückchen Normalität oder den Versuch von Normalität erlebt. Die tieferen Schichten ergeben sich oft erst, wenn man mit den Menschen ins Gespräch kommt und glaubt anzufangen, den Hintergrund dieses Verbrechens zu verstehen. Die Traumatisierung der Menschen reicht hier tief“, erzählt Norbert Bolte.

Für alle Konsequenzen aufkommen

Vergangene Woche kam dann ein erster Lichtblick: Ein Gericht in Brasilien entschied, dass die Bergbaufirma Vale die volle Verantwortung für die Konsequenzen ihres Handelns tragen soll. Sie muss sämtliche Schäden begleichen, die entstanden sind und noch entstehen werden. Für die Menschen und Hilfsorganisationen vor Ort ein erster großer Erfolg.

„Allerdings muss man sagen, dass das Urteil nicht genau sagt, was genau als Schaden anerkannt wird und in welcher Form der entstandene Schaden finanziell bewertet wird. Das sind zwei große Fragezeichen, die im Moment noch nicht geklärt sind“, bedauert Norbert Bolte. Trotzdem gibt es jetzt einen weiteren Schritt in die richtige Richtung. Der Bergbaukonzern Vale habe sich mit der Staatsanwaltschaft in einer außergerichtlichen Vereinbarung über eine finanzielle Entschädigungssumme für die unmittelbaren Verwandten der Todesopfer getroffen. Insgesamt knapp 100 Millionen Euro gehen an Ehepartner, Kinder, Eltern und Geschwister der Verstorbenen.

Materielle und immaterielle Schäden

Doch die tatsächliche Zahl der Betroffenen ist weitaus höher. Viele haben ihre Häuser verloren, können ihre Felder nicht mehr beackern oder sind psychisch traumatisiert. Daher werde es sicherlich noch weitere Zahlungen geben. „Es kommt jetzt ganz stark darauf an, wie die Gutachter arbeiten. Sie identifizieren jetzt die Betroffenen, die beispielsweise ihre Häuser verloren haben, und stellen anhand der Gutachten fest, wie groß der Schaden ist. Das ist im Falle der materiellen Schäden auf den ersten Blick recht einfach.“ Hinzu komme, dass die Betreiberfirma Vale selbst bereits die Besitzstände der Personen in der Region erhoben hat – für Norbert Bolte ein klares Zeichen darauf, dass sie mit so einem Unglück wie jetzt in Brumadinho früher oder später gerechnet haben.

„Der zweite Bereich allerdings ist viel schwieriger zu erfassen. Und zwar der Bereich der immateriellen Schäden, die auch abgedeckt werden müssen. Ich denke da beispielsweise an Krankheiten, die auf die Verschmutzung des Flusses, des Landes und der Gärten zurückzuführen sind. Ich denke an Traumatisierungen und Angstzustände, die die Menschen haben.“

Bolte vermutet, dass sich der Rechtsstreit noch über Jahre hinwegziehen wird - wie im nahe gelegenen Mariana. Dort hat seit einem ähnlichen Unglück im November 2015 nichts getan. Die Betroffenen warten noch immer auf eine Entschädigung. Viele sind seitdem traumatisiert, die Selbstmordrate ist hoch. Währenddessen hatte die Betreiberfirma vor Ort, die zu 50 Prozent auch Vale gehört, von den eigenen Versicherungen ihren Verlustausfall in Milliardenhöhe zurückerstattet bekommen.

„Im Übrigen wird es der Firma überhaupt nicht wehtun, wenn man bedenkt, dass es sich um einen der drei weltgrößten Bergbauunternehmen handelt. Allein im Jahr 2017 haben sie einen Gewinn von vier Milliarden Euro erwirtschaftet“, meint Bolte lapidar.

Die Einflüsse der Politik auf die Justiz

Auch wegen der Verflechtungen von Politik und Wirtschaft müssen die Menschen vor Ort damit rechnen, dass sich an der Umsetzung des Urteils noch einiges ändern kann. Denn in Brasilien sei es generell üblich, dass Wirtschaftsunternehmen durch Korruption, Vetternwirtschaft und Einflussnahme versuchen, möglichst unbeschadet davonzukommen.

Vor allem wegen der politischen Veränderungen in Brasilien macht Bolte sich große Sorgen. Dabei bezieht er sich besonders auf die Wahl des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro, der mit seiner Regierung das Land regelrecht kolonialisiere. „Vor allem im Amazonasraum wird rücksichtslos abgebaut und der Raum mit seinen Bodenschätzen ausgebeutet. Immer im Hinblick auf eine Gewinnmaximierung. Wir hoffen aber auch, dass diese Entwicklung beispielsweise durch die Amazonassynode thematisch in den Vordergrund gestellt wird und in das Bewusstsein der Menschen gerufen wird.“

Leben in permanenter Angst

Die Angst der Menschen vor einer weiteren Katastrophe ist allgegenwärtig: Denn viele weitere Dämme weisen ebenfalls riskante Baumängel auf. In Brumadinho selbst engagieren sich jeden Tag viele Menschen von Hilfsorganisationen oder Pfarreien ehrenamtlich, um den Menschen ein Stück ihres Alltags wiederzugeben.

„Es wird aber auch versucht, auf eine tiefe Traumatisierung einzugehen“, erklärt Bolte. „Man hat Selbsthilfegruppen gegründet; man versucht, die Kinder zu beschäftigen. Als ich da war, gab es eine Gruppe von Clowns Ohne Grenzen, die versuchen, mit Aufführungen den Kindern ein bisschen Alltag zurückzugeben. Die Folgen werden aber noch jahrelang, vielleicht auch jahrzehntelang, sichtbar und spürbar bleiben. Es ist zudem eine große Verunsicherung da und die Menschen fragen: Was ist der Preis der Verunsicherung? Und dieser Preis wird wohl nicht durch irgendeine Entschädigung bezahlbar sein.“

Die Verunsicherung der Menschen komme vor allem durch den Mangel an Informationen zustande. Kleinbauern können sich nicht mehr selbst versorgen und sind auf Hilfe angewiesen. Sie sind verunsichert, ob die die Milch ihrer Kühe trinken können, die auf den Weiden mit dem verseuchten Boden stehen. Wann sich die Umwelt wieder von den katastrophalen Schäden erholt, sei laut Bolte zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht absehbar.

Die Frage der Verantwortung

Doch vor allem das Beispiel Brumadinho zeige für Bolte, „wie eng wir hier in Deutschland mit den Ereignissen und mit dem Verbrechen von Brumadinho verknüpft sind“. Der TÜV Süd mit Sitz in München habe der Betreiberfirma unter Druck ein Gefälligkeitsgutachten ausgestellt, damit diese den Staudamm weiter betreiben kann.

Versicherungen mit deutscher Beteiligung haben bereits in der Vergangenheit dazu beigetragen, dass Betreiberfirmen hohe Verlustsummen ausgezahlt bekommen. Banken stellen Kredite zur Verfügung, damit Bergbaufirmen expandieren können. Und auch Konsumenten in Deutschland müssten mehr Transparenz beispielsweise von der Autoindustrie fordern, die Eisenerz aus ganz Südamerika importiert. Denn oft werde dieses unter extremen Bedingungen abgebaut. Für die Betreiber sei dies kostengünstig, für die Menschen vor Ort fordert es aber einen sehr hohen Preis, sagt Bolte.

„Aber es gibt auch immer mehr Menschen, gerade im kirchlichen Bereich, die beginnen, nach dem Verbrechen von Brumadinho den Bergbau insgesamt in seiner jetzigen ausbeuterischen Form zu thematisieren.“

Aufklärungsprojekte in Kirchen laufen, der Weihbischof von Brumadinho setzt sich gegen den Bergbau ein und auch die Bischöfe haben Kommissionen, die sich ausschließlich mit dem Thema Bergbau  beschäftigen. All diese Projekte klären die Menschen vor Ort auf. Dies sieht Bolte jenenfalls gutes Zeichen dafür, dass die Frage des Bergbaus in Brasilien und die Bedingungen dafür stärker hinterfragt und problematisiert werde.

(vatican news)

18 Juli 2019, 13:06