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Kunst mit Botschaft - Ein Ergebnis des Caritas-Projekts "Share The Journey" Kunst mit Botschaft - Ein Ergebnis des Caritas-Projekts "Share The Journey" 

Welttag der Flüchtlinge: „Mobilität ist normal“

Es ist kein Grund zum Feiern: der Welttag der Flüchtlinge an diesem Donnerstag wartet mit einem neuen Rekord auf. Wie das Flüchtlingswerk UNHCR meldet, sind mehr Menschen als je zuvor auf der Flucht, damit einher gehen immer größere Versorgungslücken. Im Gespräch mit Vatican News erklärt Martina Liebsch, Leiterin der Abteilung Advocacy bei Caritas Internationalis, wieso trotz altbekannter Probleme dennoch neue Schritte Hoffnung machen.

Fabian Retschke – Vatikanstadt

Debatten scheinen nicht aufzuhören, wenn sie sich im Kreis drehen. Jedenfalls kennt Martina Liebsch nach über dreißig Jahren Arbeit im Bereich Flucht und Migration viele der Argumente, „die heute vorgebracht werden, also von allen Dingen von der mehr ,populistischen' Seite“. Sie sagt das ganz nüchtern und ohne jeden Hauch von Verbitterung, vielleicht hilft die Erfahrung gegen hysterische Stimmungsmache.

Stattdessen schaut sie zuversichtlich in die Zukunft: „Als großen Fortschritt – wenngleich heiß diskutiert, aber das muss ja auch sein – werte ich schon diese zwei globalen Migrationspakte, weil damit das erste Mal der Versuch unternommen wurde, so etwas wie eine globale Migrationsgovernance aufzustellen. Das finde ich einen Gewinn.“  Dabei weiß sie natürlich, dass von dem Beschluss zur Umsetzung Zeit vergeht. Entsprechend appelliert sie an die Rolle der Zivilgesellschaft.

Zeitalter der Mobilität

Für deren Debatte unterstreicht die Advocacy-Direktorin den Wert korrekter Informationen: „Es ist sehr wichtig, dass Menschen Zugang zu Fakten haben, zu Fakten über die Migration, die dann nicht in die eine oder andere Richtung manipuliert werden.“ Die derzeit siebzig Millionen Flüchtlinge, die das UNHCR meldet, sind angesichts der vielen Arbeitsmigranten nicht die einzigen, die sich aus ihrer Heimat fortbewegen, erinnert sie: „Wir sind in einem Zeitalter, in dem Mobilität Normalität ist und auch als solche angesehen werden müsste. Das hat auch etwas mit der Globalisierung zu tun.“ Anstatt sich auf die Probleme zu stürzen, sollte dabei auch der „Zugewinn“ von eingewanderten Personen geachtet werden.

Zum Nachhören

Martina Liebsch hört nicht auf, an die Chance einer gegenseitigen Verständigung zu glauben: „Der Dialog muss bleiben und wir müssen uns gegenseitig zuhören. Das meine ich natürlich auch für die, die manchmal Ängste haben oder sich schwer tun, diese Realität vielleicht anzunehmen, weil sie selbst in schwierigen Situationen sind. Das, was Migranten zugutekommt, muss eigentlich allen zugutekommen. Es soll keine auseinanderdividierende Gesellschaft sein,“ mahnt sie eindringlich.

“Migranten sind vielleicht in mancher Beziehung Opfer, aber sie sind nicht nur Opfer”

Gerade in der Kirche und in den Hilfsorganisationen taucht der Begriff „Verletzlichkeit“ auf, um für die Lage der Flüchtlinge und auch der Benachteiligten eine Sensibilität in den Zielländern zu fördern. Dabei erinnert Martina Liebsch daran, dass jeder Mensch diese Erfahrung der Verletzlichkeit in einem fremden, unbekannten Umfeld macht, „insofern kann dieser Begriff helfen, zumal die Menschen, die zu uns kommen, sich nicht nur frei von A nach B bewegt haben, sondern zum Teil schreckliche Wege, Reisen, Erfahrungen mitbringen, die sie nochmal verletzlicher machen.“ Deswegen sei für diese Menschen ein Zugang zu Rechten und Diensten so wichtig.

Zugleich wendet Martina Liebsch, die ihre Erfahrungen mit Migranten gemacht hat, ein: „Man muss nur aufpassen, dass man die Leute dann nicht wieder zu Opfern macht. Also, das ist auch wieder so ein „Credo“ der Caritas, dass wir sagen: Migranten sind vielleicht in mancher Beziehung Opfer, aber sie sind nicht nur Opfer. Wir müssen sie auch fordern. Das heißt, das mit der Verletzlichkeit, wenn man nur diese Etikette an Migranten klebt, das wäre nicht gut für sie und auch nicht gut für die Aufnahmegesellschaft.“

Martina Liebsch bei uns im Radio
Martina Liebsch bei uns im Radio

Wo liegt unsere Zukunft?

Bei ihrem jüngsten Projekt „Share The Journey“ wurde zuletzt ein Foto des Gesichts einer Frau zu einem Mosaikkunstwerk aus etlichen kleinen Fotos – auch eines von Papst Franziskus, einem bekennenden Migranten, ist dabei. Die vom Papst unterstützte Kampagne von Caritas internationalis mit ihren 162 Mitgliedsverbänden, die 2017 begann, richtete sich nach seinen Impulsen zum Umgang mit Flüchtlingen: „Das war eben genau der Gedanke: Was können wir tun oder was können wir vorschlagen, um eine Kultur der Begegnung zu schaffen? Das erste war das Aufnehmen, also Arme öffnen und Leute willkommen heißen. Die zweite gemeinsame Aktion, die viele Caritasverbände weltweit mitgemacht haben, war, mit Migranten ein Essen zu teilen. Die dritte Aktion, die noch läuft, ist ein Solidaritätslaufen, also zusammen mit Migranten einfach ein Stück des Weges gehen. Die letzte Aktion ist, dass wir zwei Künstler gefunden haben, die aus dem Foto einer unserer Kolleginnen, die in Bangladesch mit Rohingiya-Flüchtlingen arbeitet, dieses Foto nachgebildet haben, mit Fotos von Politikern, von Caritas-Mitarbeiterinnen und –Mitarbeitern und von Migranten und Flüchtlingen.“

Die Absicht dieses Kunstprojekts erklärt Martina Liebsch als Anregung zum Nachdenken: „Wo liegt unsere Zukunft? Unsere Zukunft liegt in den Händen von allen, nicht nur in den Händen von Politikern, sondern auch in den Händen von jedem von uns und auch in den Händen von Migranten und Flüchtlingen als Teil von uns.“

(vatican news) 

20 Juni 2019, 15:19