Ein Taizé-Gebet im portugiesischen Porto Ein Taizé-Gebet im portugiesischen Porto 

Taizé und die Missbrauchsfälle: „Wir sind keine besseren Menschen“

„Wir sind als Communauté (Gemeinschaft) in einer schwierigen, aber notwendigen Phase unserer Geschichte.“ Das sagte Frére Timothée von der Ökumenischen Brüdergemeinschaft von Taizé in einer Ansprache auf dem Dortmunder Evangelischen Kirchentag.

Vor kurzem sind Missbrauchsfälle in der Gemeinschaft von Taizé bekannt geworden. Frère Timothée: „Wir haben vor zwei Wochen fünf Missbrauchsfälle aus den 50er bis 80er Jahren durch drei Brüder unserer Gemeinschaft der französischen Staatsanwaltschaft gemeldet - mit Einverständnis der Betroffenen.“

Die Betroffenen seien von sich aus auf die Brüder von Taizé zugegangen, um über die damaligen Vorfälle zu sprechen, und man habe ihnen „ohne Zögern geglaubt“. „Zunächst war es nicht ihr Anliegen, das Geschehene öffentlich zu machen. Aber mit der Zeit haben wir gemeinsam mit ihnen verstanden, wie notwendig es ist, auch öffentlich darüber zu sprechen. Wir Brüder denken, dass wir die Offenlegung den betroffenen Personen schuldig sind. Wie auch all denen, die einen Ort der Wahrheit und des Vertrauens suchen.“

„Die Vorfälle sind erschütternd“

Das Dörfchen Taizé im französischen Burgund ist jedes Jahr das Ziel hunderttausender Besucher verschiedenster Länder und Konfessionen; die meisten von ihnen sind junge Leute.

„Wir sind uns unter uns Brüdern bewusst, dass auch für Menschen, die nicht selbst oder im eigenen Umfeld Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht haben, die Vorfälle erschütternd sind - wie auch für uns selbst. Für viele ist Taizé ein Ort des Vertrauens. Dieses Vertrauen verpflichtet uns, und wir wollen alles tun, dieses Vertrauen zu wahren und ihm gerecht zu werden.“

Zum Nachhören

„Wir sind nicht näher an Gott“

Frère Timothée machte klar, dass er Missbrauch verurteile, auch wenn er von einem „Bruder“ begangen werde. „Gleichzeitig möchte ich heute Abend auch sagen: Wir Brüder sind keine besseren Menschen als irgendjemand sonst. Wir haben eine Wahl getroffen, unser Leben in einem bestimmten Rahmen zu leben. Dieser Rahmen ist geprägt vom Gemeinschaftsleben und vom gemeinsamen Gebet. Wir sind aber deswegen nicht näher an Gott und schon gar nicht moralisch oder geistlich höherstehender als jemand anderes. Wir sind genauso auf dem Weg wie alle anderen auch.“

Taizé sei „keine heile Welt“, so Frère Timothée. „Das haben wir nie behauptet und wollen wir auch nicht vorspiegeln. Die schmerzvollen Ereignisse führen uns das vor Augen. Auch wenn viele mit unserem kleinen Dorf auf einem Hügel in Burgund viele positive Erinnerungen verbinden. Wir sind nicht eine Stadt auf einem Berg. Und schon gar nicht die Stadt, die vom Himmel herabkommt.“

„Im Blick aufs Kreuz miteinander“

So hilfreich „kirchliche und christliche Kontexte“ manchmal sein könnten, so klar sei doch auch, dass „diese Neuschöpfungen und Hoffnungsvisionen“ noch nicht verwirklicht seien. „Nach ihnen können wir uns nur ausstrecken inmitten der Gebrochenheit unserer Welt. Diese Gebrochenheit können wir manchmal nur leidend aushalten. In Stille. Im Gebet. Im Blick aufs Kreuz miteinander.“

(domradio/vatican news – sk)
 

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23. Juni 2019, 12:57