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Die Migrationskrise in Lateinamerika bedarf der Antworten des UNO-Pakts Die Migrationskrise in Lateinamerika bedarf der Antworten des UNO-Pakts  (AFP or licensors)

Venezuela: Migration ist klassischer Fall für den UNO-Pakt

Von 32 Millionen Venezolanern haben drei Millionen ihr Land verlassen, rund zehn Prozent der Bevölkerung. Der Migrantenstrom, der sich aus dem politisch und wirtschaftlich instabilen mittelamerikanischen Staat in die Nachbarländer ergießt, stellt eine große Belastungsprobe für die Aufnahmegesellschaften dar. Gleichzeitig bildet er auch ein Fallbeispiel für den derzeit viel debattierten UNO-Migrationspakt.

Christina Höfferer - Vatikanstadt

In Panama laufen alle Fäden zusammen. Hier organisiert das UN-Flüchtlingswerk UNHCR sämtliche NGOs und auch die zahlreichen kirchlichen Organisationen, die sich mit der venezoelanischen Migrantenwelle befassen. Fieberhaft wird an der Integration von Flüchtlingen und Migranten aus Venezuela gearbeitet, berichtet der UNHCR-Sprecher William Spindler: „Unsere Operation ist hier in Panama City stationiert, für die ganze Region. Wir bringen hier alle Aktionen der verschiedenen Hilfsorganisationen und auch der regionalen Büros an einen Tisch, um die Antwort in etwa 16 Ländern, die Migranten und Flüchtlinge aus Venezuela empfangen, zu koordinieren.“ Die wichtigsten Ankunftsländer für die Venezoelaner sind Kolumbien, Peru und Ecuador.  „Drei Millionen Menschen haben Venezuela bereits verlassen. 2,3 Millionen haben Venezuela allein im Jahr 2016 verlassen. Da begann der Exodus. Seitdem reißt der Strom von Menschen aus Venezuela nicht ab. In den vergangenen sechs Monaten haben wir wiederum einen starken Anstieg an Migranten miterlebt.“

William Spindler im Interview

Klassischer Anwendungsfall für den UNO-Migrationspakt

Der venezuelanische Exodus stellt einen klassischen Anwendungsfall für den UN-Migrationspakt dar, erläutert Spindler. „Wir haben hier eine Bewegung von Menschen, die in den Ländern eintreffen und ganz einfach von den Bevölkerungen aufgenommen werden. Sie werden nicht in Flüchtlingslagern ausgeschlossen. Sie werden von den Einwohnern sofort angenommen. Es handelt sich hierbei um eine Belastungsprobe. Es geht jetzt darum, nicht nur die venezuelanischen Migranten im Auge zu behalten, sondern vielmehr darum, auch die aufnehmenden Gesellschaften.“ Genau darum gehe es im UN-Migrationspakt. Es gehe um eine neue Art mit humanitären Notfällen umzugehen. Jetzt sollten nicht nur die unmittelbaren humanitären Bedürfnisse gedeckt werden, sondern es müsse vielmehr langfristig gedacht werden, im Sinne der Migranten und auch im Sinne der Aufnahmegesellschaften.

Schwere Last für die Aufnahmegesellschaften

„In Lateinamerika finden wir vor allem Länder mit einem mittleren Einkommensstandard“, so Spindler, „es handelt sich nicht um die am wenigsten entwickelten Länder. Dennoch hat die Zahl von Flüchtlingen und Migranten, die in so kurzer Zeit eingetroffen ist, den Aufnahmegesellschaften eine schwere Last aufgebürdet.“ Die Zahl der Kinder in den Schulen ist angestiegen, ebenso wie die Zahl der Patienten in den Krankenhäusern. Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind ebenfalls umfassend. Deshalb brauchen Länder wie Peru, Ecuador, Kolumbien und Brasilien langfristige Hilfe von Entwicklungsorganisationen und von Entwicklungsbanken. „Sie brauchen kurzfristige Hilfe, um den venezuelanischen Flüchtlingen Schutz bieten zu können und sie brauchen langfristige Hilfe. Darum geht es im UN-Migrationspakt. Es geht um eine umfassendere Strategie und um die mittel- und langfristige Befriedigung von Bedürfnissen,“ verdeutlicht Spindler. Auch wenn weltweit manche Länder am UN-Migrationspakt zweifeln, so sei dennoch die Anzahl der Länder, die den Pakt befürworten, bemerkenswert, unterstreicht Spindler. Insgesamt nimmt der Bärenanteil aller in der UNO vertretenen Staaten am Prozess teil, der in der förmlichen Unterzeichnung des Paktes im Dezember in Marrakesch gipfeln wird.

Offenheit in Lateinamerika

Die lateinamerikanischen Länder zeigten sich unglaublich offen gegenüber den hereinströmenden Venezoelanern. Das mache Hoffnung. „Es findet hier eine sehr großzügige Aufnahme statt. Während wir in den meisten Gebieten der Erde sehen, dass die Grenzen für die Flüchtlinge geschlossen werden, sehen wir hier eine besondere Großzügigkeit und sehr viel Solidarität. Die Menschen hier sind den Flüchtlingen gegenüber offen eingestellt. Naturgemäß können wir diese Großzügigkeit aber nicht als gegeben hinnehmen.“

Arme, ausgegrenzte, städtische Gemeinschaften

Die Gemeinschaften, die die Flüchtlinge in Lateinamerika aufnehmen, zählen zu den allerärmsten. Die Flüchtlinge landen jedoch nicht in Flüchtlingscamps, die es in Lateinamerika gar nicht gibt. Die Venezoelaner werden vielmehr in den Gemeinschaften gastfreundlich aufgenommen. Sie werden behandelt wie alle anderen Bürger auch. Das stelle jedoch für die Aufnahmegemeinschaft eine große Belastung dar, so Spindler, handelt es sich doch in der Regel um arme, ausgegrenzte, städtische Gemeinschaften: „Der Zugang zu Medikamenten, die Gesundheitsversorgung und die Infrastruktur, das sind lauter ungelöste Probleme. Es gibt auch negative Auswirkungen. Wir kennen Fälle von Fremdenfeindlichkeit und Feindseligkeit gegenüber den Venzoelanern.“

Beispiel Brasilien

Als ein Beispiel für die derzeitige Migrationswelle am lateinamerikanischen Kontinent und die Antworten, die der UNO-Pakt zu geben sucht, verweist William Spindler auf Brasilien: „Auch wenn Brasilien enorme Aufnahmekapazitäten hat, treffen die meisten Migranten in der nördlichen Provinz Boavista ein. Das ist eines der ärmsten Gebiete in Brasilien. Die meisten der Migranten bleiben auch dort. Die Auswirkungen auf ein kleines Gebiet, eine kleine Stadt sind also enorm. Wenn wir das ganze Land betrachten, ist das anders. Aber die überwältigende Mehrheit der Venezuelaner, rund 95% von ihnen, sind in diesem Gebiet. Also müssen wir speziell dieses Gebiet betrachten und unsere Antworten auf dieses Gebiet zuschneiden.“ Rund 2000 venezoelanische Migranten seien bereits in andere Gebiete Brasiliens umgezogen. Das ist wichtig, weil die Verantwortung auf das gesamte Land aufgeteilt werden müsse. Auch in Peru, Ecuador und Kolumbien lassen sich die Migranten vor allem in den armen städtischen Gebieten nieder.

Weitere Migrationswellen sind zu erwarten

„Wenn wir den momentanen Trend betrachten, dann erwarten wir, dass der Strom von Migranten dieses Jahr jedenfalls noch weiter anwachsen wird“, stellt Spindler fest. Es sei jedoch schwierig Vorhersagen zu treffen. „Was mich persönlich am meisten berührt, nachdem ich ja schon in anderen Regionen der Welt ähnliche Situationen erlebt habe, ist, wie offen und großzügig die Menschen in Lateinamerika den Ankommenden gegenüber stehen. Im Fall von Kolumbien erzählen viele Venezuelaner, dass die Menschen aus ihren Häusern kommen und ihnen Wasser anbieten. Viele von ihnen werden von vorbeifahrenden Autofahrern aufgenommen und begleitet. Das ist auch der Fall in anderen lateinamerikanischen Ländern. Wir sehen sehr viel guten Willen, sehr viel Mitgefühl und Solidarität.“ Dennoch, die Großzügigkeit könne nicht als gegeben angenommen werden. „Wir sehen auch, häßliche Formen der Fremdenfeindlichkeit und der Diskriminierung und Feindseligkeit gegen über den Migranten. Das ist auch der Grund, warum es so wichtig ist, dass die internationale Gemeinschaft eine viel aktivere und stärkere Haltung einnimmt, um diesen Gesellschaften zu helfen, weiterhin die venezuelanischen Migranten aufzunehmen und zu integrieren.“ Der UNO-Migrationspakt sei jedenfalls die notwendige Antwort auf die Migration heute, biete er doch einen Rahmen, der den internationalen Organisationen und Regierungen erlaubt, ihre Antwort auf die Migration zu koordinieren.

(vatican news)


 

14 November 2018, 10:20