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3. Juli: Die erste Messe in der Thomaskirche von Mossul nach der Befreiung der Stadt von den IS-Terroristen 3. Juli: Die erste Messe in der Thomaskirche von Mossul nach der Befreiung der Stadt von den IS-Terroristen  (ANSA)

„Sicherheit ist im Irak etwas Relatives“

Trauriges Jubiläum im Irak: Vor vier Jahren schlug die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ die Christen der Ninive-Ebene in die Flucht. 120.000 Christen verließen Hals über Kopf ihre Dörfer. Und jetzt? Kehren sie zurück?

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Nein, ganz so einfach ist es nicht am Tigris. Die Zerstörungen, die die Terroristen hinterlassen haben, sind immens: Mehr als 13.000 Häuser wurden verwüstet. Seit 2017 hat die chaldäische katholische Kirche zusammen mit der syrisch-katholischen und der syrisch-orthodoxen Kirche ein Komitee für den Wiederaufbau von Ninive eingerichtet; „Kirche in Not“ hilft kräftig mit, aber es bleibt eine Herkulesaufgabe.

Und nicht nur Häuser gilt es mühsam wieder aufzubauen - auch das Vertrauen der Christen in einen normalen Alltag muss sich erst wieder bilden. Das wird deutlich, wenn man Georges Jahola zuhört. Der syrisch-katholische Priester des Bistums Mossul-Kirkuk leitet das Wiederaufbau-Komitee.

Schreckliche Momente, auch psychologisch, nicht nur physisch

 

„Am Morgen des 6. August (2014) kamen Drohungen des Islamischen Staats bei uns in Bakhdida-Karakosh an.“ Das sagt uns Pfarrer Georges in einem Interview. „Am Nachmittag gab es einen Mörserangriff, dabei starben zwei Kinder und eine junge Frau. Sofort fingen unsere Leute an, in Massen aus der Stadt zu flüchten. Zehntausende von Menschen, in der Hitze des August, in langen Schlangen an den Kontrollposten nach Kurdistan: Das ist die nächste Region von uns aus, Erbil und die anderen kurdischen Städte. Es waren schreckliche Momente, auch psychologisch, nicht nur physisch.“

Zum Nachhören

Was das Schlimmste war damals? Da muss der Priester nicht lange nachdenken. „Furchtbar war der Moment, als zwar die jungen Leute und die, die irgendein Transportmittel hatten, sich aus dem Staub machen konnten – aber für die Behinderten und die alten Leute war das eine sehr schwierige Sache…“

Mehr als 8.000 christliche Familien sind schon zurückgekehrt

 

Und die Verwüstungen in der Ninive-Ebene, in Karakosh, Karamales, in Telskuf halten die Erinnerung an das Grauen vor vier Jahren lebendig. „Die Wohnungen sind zerstört, und dazu auch das ganze kulturelle und religiöse Erbe, das wir hatten, in den Kirchen, in den Klöstern. Ganze Bibliotheken verbrannt, ausgeplündert… Wir haben auch viele Objekte verloren, die historischen Wert für uns hatten.“

Und dennoch – allmählich kommt der Wiederaufbau in Gang. 8.815 christliche Familien sind nach Angaben von „Kirche in Not“ zurückgekehrt, das wären mehr als 44 Prozent derer, die vor den Dschihadisten die Flucht ergreifen mussten. Iraks Ministerpräsident Haider al-Abadi hat im Dezember den „Endsieg“ über den Islamischen Staat verkündet – auch wenn in einigen entlegenen Teilen des Landes die Morde, Entführungen und Attentate weitergehen.

Ohne Häuser keine Rückkehrer - so einfach ist das

 

„Ohne die Hilfe so vieler Verbände, vor allem von ‚Kirche in Not‘ – die haben uns nicht erst bei der Rückkehr geholfen, sondern auch, als wir in der Diaspora waren –, wäre das Zurückkommen unmöglich gewesen. Die Hilfen von außen waren essentiell, um das Leben neu zu beginnen und den Menschen Hoffnung zu vermitteln, vor allem was die Häuser betrifft – denn ohne wiederaufgebaute Häuser können die Familien schlichtweg nicht zurückkehren, vor allem wenn das Gebäude verbrannt oder verwüstet wurde. Wir haben alles dokumentiert, wir haben den Verbänden konkrete Kostenschätzungen übermittelt, und so konnte dann ein Plan für die erste Phase des Wiederaufbaus angegangen werden.“

Ein Dominikaner aus Mossul, der vor den Terroristen in die Kurdengebiete geflüchtet ist und dabei übrigens zahlreiche wertvolle Kirchendokumente gerettet hat, sagte uns vor kurzem in einem Interview, dass er dem Frieden in seiner Geburtsstadt nicht traue. Viele Anhänger des Islamischen Staats seien ja immer noch in der Stadt, die hätten sich lediglich die Bärte abrasiert und warteten jetzt ab, ob nicht wieder mal eine Gelegenheit kommt, das Terrorregime in Mossul fortzusetzen. Aber Pfarrer Georges erzählt eine ganz andere Geschichte:

Wir müssen etwas dafür tun, hierbleiben zu können

 

„Vereinzelte Angriffe und Attentate spiegeln nicht die gesamte Lage im Land wieder. Mossul ist im Dezember aus der Hand des Islamischen Staats befreit worden – dort können wir uns jetzt frei bewegen, die Stadt ist sicher! Und auch von unseren christlichen Gegenden in der Ninive-Ebene können wir sagen, dass die sicher sind. Natürlich ist Sicherheit im Irak etwas Relatives… aber im Moment können wir uns mit dem, was bisher erreicht wurde, eigentlich zufriedengeben.“

Der Geistliche setzt auf eine Renaissance des Christentums im Irak. Ein kühner Traum, wenn man bedenkt, wie schwierig die Lage für Christen an Euphrat und Tigris geworden ist seit dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein, das gewisserweise die Hand über sie gehalten hatte. Auch jetzt binden sich die Christen im Land bereitwillig ans Regime: „Unsere Hoffnung ist verbunden mit der Hoffnung des ganzen Irak! Wir müssen etwas dafür tun, hierbleiben zu können. Denn natürlich gibt es Drohungen – nicht nur vom Islamischen Staat, sondern auch vonseiten derer, die ein Interesse daran haben, dass die Christen das Land verlassen. In dieser Hinsicht gibt es politische Spielchen in der ganzen nahöstlichen Region. So mancher Extremist hasst immer noch die Minderheiten und würde sich gerne über ihre Güter, ihre Terrains, ihre Städte hermachen.“

Es ist einfach nicht vorstellbar, dass wir nicht zurückkommen

 

Das klingt jetzt doch nicht mehr so zuversichtlich wie gerade eben noch, als es um die Lage in Mossul und in der Ninive-Ebene ging. Wirklich, Sicherheit im Irak scheint etwas Relatives zu sein. Kann man da den Geflohenen und Vertriebenen wirklich zur Rückkehr in ihre Heimat raten?

„Es ist einfach nicht vorstellbar, dass unsere Städte befreit werden und wir in der Entfernung von einigen Kilometern verharren. Wir haben seit Jahrtausenden eine Beziehung zu diesem Land, seit dem Beginn der christlichen Ära sind wir schon hier. Wir fühlen uns verpflichtet, in diesem Land unser Zeugnis zu geben.“

(vatican news)
 

09 August 2018, 09:36