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Irland: Kirche mit Herausforderungen

Ein sehr katholisches Land - und doch unaufhaltsam im Wandel: Die Republik Irland, die der Papst in diesen Tagen anlässlich des Weltfamilientreffens bereist, hat eine wechselvolle Religionsgeschichte hinter sich.

Johanna Mack - Vatikanstadt

Der südliche Teil der irischen Insel, deren Glauben sich während der Anglikanischen Besetzung fast noch verstärkte, galt lange als eine Bastion des Katholizismus in Europa. Heute stehen alle Zeichen auf Umbruch: Während sich noch immer 78 Prozent der Iren zum Katholizismus bekennen, schreitet zugleich die Säkularisierung voran. Zudem tragen Kirche und Klerus seit den 1990er Jahren in Irland auch den Schandfleck einer dunklen Vergangenheit voller Gewalt und Vertuschung.

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Die Anfänge: Bischof Patrick auf der grünen Insel

 

Auch wenn der St. Patrick’s Day heute oft eher mit Kleeblattdeko und Guinness-Bier gefeiert wird: Am 17. März erinnern sich irische Katholiken an ihren Urvater, den Heiligen Patrick aus dem 5. Jahrhundert. Er soll als erster Missionar die irische Insel bereist und dort das Evangelium verbreitet haben. Die christliche Lehre fiel in Irland auf fruchtbaren Boden: Schon bald gab es zahlreiche Klöster mit einer strengen Bußtradition.

 

Machtkämpfe mit England

 

Schon im frühen 14. Jahrhundert kam es zu ersten Konflikten mit dem sich ausbreitenden England: Laut den Statuten von Kilkenny 1367 durften Iren keine Bischöfe werden und nicht in Klöster aufgenommen werden. Papst Leo X. erklärte schließlich das Stift von Dublin zu einer eigenständigen Institution. Die anhaltende Spaltung zwischen Anglikanern und Katholiken tritt im Nordirland-Konflikt bis heute deutlich zutage.

Am 3. November 1534 erklärte sich Heinrich VIII von England zum Oberhaupt der englischen Kirche und brach mit dem Papst in Rom. So wurde die Anglikanische Kirche gegründet. Als Heinrich VIII. im Jahr 1541 ganz Irland unter seine Kontrolle brachte und alle Kirchengüter einzog, hielten trotzdem viele Iren dem Papst die Treue.

Die katholische Kirche gewann in Irland zusehends an moralischer und auch politischer Macht und stach im europäischen Vergleich als besonders fromm, autoritär und klerikal hervor. Die Religiosität fand ihren Ausdruck in vielen der kulturellen Bräuche und Traditionen, die die grüne Insel bis heute prägen. Nach der Unabhängigkeit von England räumte die neue Republik Irland schließlich der Kirche in der Verfassung von 1937 besondere Position ein, die sie zur Autorität in Fragen der Erziehung, Gesellschaft und des Gesundheitswesens machte.

 

Skandal und Vertrauensverlust

 

Betrachtet man diese lange katholische Tradition in Irland, scheint erstaunlich, wie stark sich Irland in den letzten Jahren vom Einfluss der katholischen Würdenträger und Orden emanzipiert hat. Noch mehr überrascht vielleicht, dass gerade Irland das einzige Land war, das 2015 per Volksentscheid mit klarer Mehrheit die gleichgeschlechtliche „Ehe“ legitimierte. Leo Varadkar ist der erste Taoiseach (Premierminister), der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte. 2018 soll das Abtreibungsverbot liberalisiert werden – Sprengstoff im kirchlichen Kontext.

Die Erklärung für diesen Wandel findet sich aber in der jüngeren Geschichte der katholischen Kirche in Irland. Mitte der 90er Jahre traten die ersten Missbrauchsskandale mit Beteiligung katholischer Priester ans Licht der Öffentlichkeit. Diese Verbrechen schadeten dem Ansehen der Kirche massiv, weil sie selbst immer überaus strenge Moralregeln gepredigt hatte.

So wurden in den 1940er bis 70er Jahren unverheiratete Mütter in Klöster oder Heime verfrachtet, wo ihnen ihre Kinder abgenommen wurden. Ordensschwestern betrieben diese „Magdalenenheim“ genannten Institute. Die ledigen Frauen mussten oft im Dienst der Einrichtungen arbeiten, um für ihre „Sünden“ zu büßen. Zahlreiche Zeuginnen sprachen später von Misshandlungen der Mütter und Kinder, von Vernachlässigungen und sogar Verkäufen von Kindern in die USA. 2014 wurden auf dem Gelände eines dieser Heime in Tuam die Überreste von 800 Kinderleichen entdeckt.

Auch in kirchlichen Arbeitsheimen, Waisenhäusern und psychiatrischen Anstalten soll es zu physischer und psychischer Gewalt gegen Menschen gekommen sein, die zu den von der Kirche gelehrten moralischen Standards in krassem Widerspruch standen.

Im Mai 2009 sorgte der Ryan-Bericht und im November 2009 der Murphy-Bericht für weiteren Aufruhr. Beide dokumentieren nach eingehenden Untersuchungen Fälle von Missbrauch in katholischen Schulen, Heimen und anderen Einrichtungen.

 

Vertrauensverlust und Aufarbeitung

 

Trotz öffentlicher Entschuldigungen führender Kirchenvertreter kamen die Ermittlungsergebnisse die Kirche teuer zu stehen. Die Zahl der Iren, die sich als Gläubig bezeichnen, soll zwischen 2005 und 2011 um 20 Prozent gesunken sein. Es kam zu zahlreichen Kirchenaustritten. Die Bischöfe Eamonn Oliver Walsh und Raymond Field traten 2009 im Rahmen der Vorwürfe zurück. Der Priestermangel wird zunehmend nun auch im erzkatholischen Irland zum Problem.

Der Staat reagierte ebenfalls: Er entzog der Kirche die alleinige Aufsicht über die Krankenhäuser, die nun auch von nationalen Behörden kontrolliert werden dürfen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte 2011 sogar: Der Katholizismus in Irland liegt darnieder.

Die irische Kirche bemüht sich seit den aufrüttelnden Entdeckungen um Reparaturarbeit. Der aktuelle Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, fordert eine „schonungslose Aufklärung“ der „Verbrechen“ aus der Vergangenheit.

Zudem schickten die irischen Bischöfe im Jahr 2017 einen Brief an Papst Franziskus, indem sie die Anerkennung „illegitimer Kinder“ von Geistlichen fordern. Diese „verbotenen“ Kinder sollen nicht länger versteckt und verleumdet werden, sondern hätten ein Recht auf die Aufmerksamkeit ihrer Väter – die eben zuallererst Väter seien und dann erst Priester.

 

Auf der Suche nach neuen Wegen

 

Das Irland, das Papst Franziskus in diesen Tagen bereist, ist ein ganz anderes als das, welches sein Vorgänger Johannes Paul II. im Jahr 1979, bei der letzten Papstreise nach Irland, vorfand. Es ist ein Land, das seinen religiösen Halt verloren zu haben scheint und sich auf die Suche nach neuen Identifikationsmustern macht – ob in der Säkularisierung oder möglicherweise in kirchlichen Reformen und Aufarbeitung.

Es lässt sich vermuten, dass, auch im Licht der Missbrauchsskandale und des Abstreifens strenger Moralvorschriften, die durch die Meinung des Volkes zu Ehe und Abtreibung deutlich werden, das Thema Familie einen besonderen Stellenwert in den Debatten einnehmen wird.

Ein spannendes und aktuelles Umfeld für das Weltfamilientreffen.

(vaticannews – jm)

24 August 2018, 16:26