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Erzbischof Jean-Claude Hollerich (r.) mit Münchens Kardinal Marx, seinem Vorgänger als Comece-Präsident Erzbischof Jean-Claude Hollerich (r.) mit Münchens Kardinal Marx, seinem Vorgänger als Comece-Präsident 

Europa-Bischof: „Die EU droht auseinanderzubrechen“

Er ist so etwas wie der europäische Chef-Bischof: Jean-Claude Hollerich, Erzbischof von Luxemburg und damit Landsmann von EU-Kommissionspräsident Juncker.

Der Präsident der EU-Bischofskommission COMECE fürchtet ein Ende des europäischen Traums: ein Auseinanderbrechen der Europäischen Union. Das sagte er jetzt im Kölner Domradio.

„Ich glaube, dass es eine reale Gefahr ist. Was aber nicht heißt, dass Europa auseinanderbrechen wird. Es gab auch schon in der Vergangenheit reale Gefahren, die Europa überstanden hat. Aber wir müssen mit sehr viel Fingerspitzengefühl an die Probleme herangehen, die Europa spalten. Wir müssen einander auch mit Demut zuhören. Wir müssen versuchen, den anderen zuerst einmal zu verstehen, ehe man ihm widerspricht, um so zu einer Lösung zu kommen. Polemisieren ist das Schlimmste, was man jetzt machen kann - in die eine oder die andere Richtung.“

Verständnis für die Haltung Osteuropas

 

Fingerspitzengefühl, Zuhören, Demut – das sind nicht unbedingt die Töne, die man im europäischen Konzert derweil am besten heraushört. Wie schrill die Missklänge sind, zeigt das Thema Migranten und Flüchtlinge: Große Teile Westeuropas treten noch einigermaßen für eine Willkommenskultur ein, Osteuropa zieht Mauern hoch.

„Ich bin ja auch für eine Aufnahme von Flüchtlingen. Ich hatte selber drei Jahre lang zwei Flüchtlinge in meinem Bischofshaus wohnen. Meine Erfahrung kommt natürlich aus Westeuropa heraus, wo man gewohnt ist, andere - mit anderer Kultur - aufzunehmen und um sich zu haben.

Zum Nachhören

Die Länder Osteuropas hatten diese Erfahrung in der Vergangenheit nicht. Durften sie auch nicht haben. Wo für uns das Nationale eine Bedrohung ist und oft die an schlechte Zeiten der Vergangenheit erinnert, ist das Nationale bei vielen Ländern Mittel- und Osteuropas ein Momentum der Freiheit und der Unabhängigkeit gegenüber der Sowjetunion. Diese neue nationale Einheit müssen sie erst einmal feiern und genießen. Sie empfinden dann manchmal, dass Brüssel dazwischenfunkt.“

„Europa verliert einen Teil seiner Seele“

 

Das ist ziemlich viel bischöfliches Verständis für – nach eigener Darstellung – christliche Länder im Osten, die Menschen in Not an ihrer Grenze abweisen. Doch dann sagt Hollerich:

„Ich finde, dass man als Christ immer Leute in Not aufnehmen und ihnen helfen muss! Es ist eine Tragik, dass so viele Leute im Mittelmeer ertrinken. Es ist eine Tragik, dass man den Leuten, die helfen, den Prozess machen möchte. Das ist sehr traurig. Da verliert Europa sicher einen Teil seiner Seele. Andererseits müssen wir schauen, dass die Leute, die als Flüchtlinge zu uns kommen, oft Leute sind, die dazu auch die finanziellen Mittel haben. Sonst könnten sie die Flucht bis nach Europa nicht zahlen. Das ist eine ganze Industrie, die daran verdient.“

Die Leute, die die größte Not litten, seien doch „diejenigen, die gar nicht bis nach Europa kommen, weil ihnen das Geld dazu fehlt“, argumentiert Hollerich. Die Frage sei doch, „wie wir diesen Leuten helfen können oder wie wir die Ursachen zur Flucht bekämpfen können“.

Wie man Ost und West in der Flüchtlingsfrage zusammenbringen könnte

 

„Ich glaube, dass Europa außer vielen Worten noch nicht richtig geholfen hat. Das könnte ein Punkt sein, wo man den Osten und den Westen zusammenbringen kann: Dass man wirklich die Ursachen von Flucht effektiv und mit festem Willen und nicht mit kleinen Klecksen unterbinden kann.“

Der Erzbischof hat vermutlich die Analysen einiger Experten nicht gelesen: Diese sagen voraus, dass gerade Hilfe in den Ursprungsländern zu noch mehr Auswanderung führen wird. Aber dass das mit der Ursachenbekämpfung bisher nicht so richtig geklappt hat, sieht Hollerich schon. Aus seiner Sicht liegt es daran, dass bisher in Afrika und im Nahen Osten noch nicht genug geholfen wurde.

„Weil die Leute vielleicht noch nicht verstanden haben, dass es, wenn wir nicht für eine gerechte, wirtschaftliche Weltordnung sorgen, eine massive Migration in europäische Länder geben wird, die relativ reich sind - gerade in Länder wie Deutschland oder Schweden, die man als besonders wohlhabend empfindet.“

Zuviel staatliche Hilfe für Flüchtlinge

 

Hollerich kommt im Gespräch mit dem Domradio noch einmal auf die migrantenfeindliche Haltung von Staaten wie Ungarn oder Polen zu sprechen. „Man muss auch bei der Kritik aus den osteuropäischen Staaten auf ihre Erfahrungen schauen. Die Flüchtlinge, die sie aufgenommen hatten - wie beispielsweise die Tschechische Republik - sind nicht geblieben. Niemand wollte von denen in die Tschechische Republik. Die wollten nach Deutschland oder Schweden weiterreisen.“

Aber ist das eine Begründung dafür, sich nicht an eine eingegangene Vereinbarung zu halten, nach der Migranten innerhalb der EU auf verschiedene Länder verteilt werden?

„Ich glaube auch, dass es ein Fehler war, dass die Flüchtlingshilfe rein staatlich funktioniert hat. Die Armen im eigenen Lande fühlen sich dann manchmal benachteiligt, wenn der Staat so viel Geld ausgibt, um andere aufzunehmen. Das ist eine Art Sozialneid, der aber auch aus einer Not herauswächst. Wenn der Staat diese Hilfe für die Flüchtlinge weniger geduldet hätte und wenn christliche oder andere Vereine, Pfarreien geholfen hätten, wären die „falschen Flüchtlinge“ viel weniger gekommen, weil sie weniger Geld bekommen hätten. Und die „echten Flüchtlinge“ wären viel eher bereit gewesen, sich zu integrieren, als das jetzt geschieht. Ich glaube, dass der mächtige Staat, der in der Flüchtlingsfrage alles tut, an sich kontraproduktiv war.“

„Die Menschen sind mit Meldungen über Flüchtlinge übersättigt“

 

Das dürfte, zumindest auf Deutschland bezogen, stimmen. Die staatlichen Leistungen für Flüchtlinge und Migranten sind von einer gewissen Anziehungskraft. Etwas überraschend ist vielleicht Hollerichs Einschätzung, der Staat habe eher zuviel und kirchlich Bewegte eher zuwenig geholfen. Das haben jedenfalls in Deutschland viele Menschen anders empfunden.

Europa ist dabei, seine Seele zu verlieren, glaubt Erzbischof Hollerich. Warum führt es denn in unseren Gesellschaften nicht zu einem größeren Aufschrei, wenn allein dieses Jahr im Mittelmeer weit über tausend Menschen auf der Überfahrt nach Europa ertrinken?

„Ich glaube, die Leute sind mit Meldungen und Bildern über Flüchtlinge übersättigt. Da schaut man nicht mehr hin. Und das ist falsch, denn die Not der Leute müsste uns doch tief im Herzen bewegen.

Als Christ muss ich in jedem Fall davon ausgehen, dass all diese Leute in den Schiffen und Booten im Mittelmeer von Gott geschaffen sind, dass sie von Gott gewollt sind, dass sie von Gott geliebt sind, dass sie von Gott erlöst sind - durch Jesus Christus genauso wie ich selbst. Das sind meine Schwestern und meine Brüder. Dann kann deren Not mich nicht kalt lassen!“

Empört über den Prozess gegen einen Lebensretter-Kapitän

 

Hollerich ist empört darüber, dass Malta den deutschen Kapitän des Seenot-Rettungsschiffs „Lifeline“, Claus-Peter Reisch, vor Gericht stellt. „Wenn man einem Kapitän einen Prozess macht, dann müsste ein Aufschrei durch Europa gehen! Ich hoffe, dass alle kirchlichen Organisationen lautstark dagegen protestieren und manifestieren, dass es nicht sein kann, dass Leuten, die Leben retten, der Prozess gemacht wird!“

Einerseits. Andererseits aber müsse Europa, da wiederholt der Erzbischof das zuvor Geäußerte, „die Flüchtlingsursachen bekämpfen“.

“ Europa wird nicht alle Flüchtlinge aufnehmen können. Wir sehen ja, dass das nicht mehr funktioniert... ”

„Europa wird nicht alle Flüchtlinge aufnehmen können. Wir sehen ja, dass das nicht mehr funktioniert, dass auch Integration nicht unbedingt funktioniert. Man muss den Leuten ein Asyl geben, solange sie verfolgt werden, aber dann auch helfen, wenn die Leute wieder in ihre Heimat zurückgehen wollen.“

Er kenne eine syrische Familie in Luxemburg: Die bete dafür, wieder nach Syrien zurückkehren zu dürfen. Dabei habe sie sich eigentlich schon gut integriert. „Aber sie möchten trotzdem zurück nach Syrien. Das muss man ja verstehen können. Die Leute haben ein Recht auf Heimat.“

Wir brauchen einen Marshallplan für Afrika

 

Eindringlich wirbt Erzbischof Hollerich – wie das inzwischen auch einige Europapolitiker tun – für einen „Marshallplan für Afrika“. „Afrika ist nicht stabil, weil es der Wirtschaft schlecht geht, weil es Korruption und Regimes gibt, die aber manchmal durchaus auch dem Westen genehm sind. Da müsste dann auch der Westen eine Afrika-Politik machen, die etwas mehr der Rhetorik entspricht. Man muss Strukturen schaffen, dass kein Geld hineinpumpt wird, das dann versickert. Man muss China davon überzeugen, bei einer Lösung für Afrika mitzuhelfen. China ist in Afrika sehr präsent. Die Europäische Union könnte ja nur davon profitieren, wenn es auch eine afrikanische Wirtschaft gäbe, mit der man Handel treiben könnte…“

Das sind ziemlich viele Hausaufgaben für eine Europäische Union, die derzeit an vielen Fronten überfordert wirkt, die von Populisten bedroht wird und in der im nächsten Jahr Europawahlen abgehalten werden. Hollerich kennt die Probleme des Kontinents, aber er sagt bündig: „Wir brauchen Europa.“

“ Wir brauchen Europa ”

„Als Katholik ist es ja nicht so, dass ich jetzt einfach so für oder gegen die Europäische Union sein könnte. Ich kann für eine andere Union sein. Ich kann die Union kritisieren. Ich kann eine andere Politik vorschlagen. Aber in der katholischen Soziallehre treten wir ja für das bonum comune ein. Europa ist ein bonum comune. Das bonum könnte man noch steigern, ebenso das com mune. Es gibt noch Arbeit an Europa, es immer gerechter zu gestalten, auch für alle Mitgliedstaaten. Dass man auch die Vielfalt in Europa mehr annimmt, sich darüber freut und keine Uniformisierung einführen möchte. Ein Verlust von Europa wäre eine größere Gefahr für den Frieden in der Welt.“

(domradio/vatican news – sk)
 

18 Juli 2018, 10:59