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Eine Demo gegen Rassismus und Faschismus in Rom am Samstag Eine Demo gegen Rassismus und Faschismus in Rom am Samstag  (AFP or licensors)

Italien: „Mir macht es Sorge, wenn Angst gemacht wird“

Mit einem Brief zu den bevorstehenden italienischen Parlamentswahlen hat der Bischof von Bozen-Brixen, Ivo Muser, offenbar einen Nerv getroffen. Die Freiheitlichen und andere Südtiroler Parteien beschweren sich, sprechen von einer Einmischung in die Politik.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

In der Diözese Bozen-Brixen wird am dritten Fastensonntag der Tag der Solidarität begangen – und ausgerechnet dieser Tag fällt mit den italienischen Parlamentswahlen zusammen. Das gab Muser Anlass zu seinem Brief mit dem Titel „Grenzenlose Solidarität: Als Christen und Christinnen wählen!“ Tenor: Christen sollten Populismus, Rassismus, übertriebenem Nationalismus an den Urnen eine Absage erteilen.

„Ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir hier eine klare Position einnehmen“, sagt Muser an diesem Dienstag im Interview mit Vatican News. „Nationalistische Töne haben viel Unheil angerichtet, denken wir nur an die dramatische Geschichte des vergangenen Jahrhunderts. Oder denken wir daran, wie sehr Populismus die Menschen abbringt von den grundlegenden, verbindenden Werten. Mir macht es Sorge, wenn Angst gemacht wird, wenn Ängste geschürt werden! Wir brauchen keine Ängste, wir brauchen Gründe zur Hoffnung.“

Patriotismus dürfe „nicht missbraucht werden“, so der Südtiroler Bischof weiter. Zwar dürfe man stolz und dankbar für seine Heimat sein: „Aber es geht darum, Heimat zu gewähren – Heimat nicht zu verweigern. Und vor allem auch, dass wir die eigene Heimat (auch die eigene Liebe zur Heimat) nicht verwenden, um abzugrenzen und auszugrenzen!“

Das Anderssein der Anderen nicht von vornherein verdächtigen

 

Dem Bischof ist klar, dass er mit solchen Äußerungen in ein Wespennest sticht. Über kein anderes Thema wird im italienischen Wahlkampf so erbittert diskutiert wie über Migration und Einwanderung. Ihm sei die „Positionierung“ wichtig, „dass wir das Anderssein der Anderen nicht von vornherein verdächtigen oder geringschätzen“, sagt er in unserem Interview. Christen sollten durchaus ihre Identität kennen, „aber eine Identität, die nicht abgrenzt und abschottet, sondern die fähig ist, einen respektvollen und ehrlichen Dialog zu führen“.

Über Musers Brief ärgern sich die Südtiroler Freiheitlichen, die SüdTiroler Freiheit und die BürgerUnion. Ihnen ist der Brief eindeutig zu politisch. „Was ich nicht teilen kann, wenn sich die Kirche parteipolitisch einmischt, auch bei der Diskussion um die doppelte Staatsbürgerschaft“, sagt Andreas Leiter-Reber, Parteiobmann der Freiheitlichen. Der Bischof sei „eindeutig über das Ziel hinausgeschossen.“ Andreas Pöder von BürgerUnion empfindet es als „mittelalterlich“, dass sich ein Bischof dermaßen in die Politik einbringe. Wie manch anderer ortet er sogar eine Wahlempfehlung hinter den Worten des geistlichen Würdenträgers.

Doch dem widerspricht der Bischof, dem die „Neue Südtiroler Tageszeitung“ unlängst unter der Schlagzeile „So nicht, Herr Bischof“ vorgehalten hat, er gefalle sich „in der Rolle des Landeshauptmannes mit dem Bischofsstab“.

„Die Kirche ist selbstverständlich nicht parteipolitisch – sie soll sich nicht einmischen in das politische Tagesgeschäft“, sagt Muser zu Vatican News. „Aber das Evangelium ist zutiefst politisch; es ergreift Partei für die Schwachen, für die, die keine Stimme haben, die nichts zählen, die nichts bringen. In diesem Sinn darf die Kirche nicht nur politisch agieren, sie muss es sogar tun.“

Sorge über populistische, aggressive Töne im Wahlkampf

 

Ob eine Partei wählbar sei, sollen die Gläubigen anhand eines Zwölf-Fragen-Kataloges bewerten, schlägt der Bischof in seinem Brief vor. In Frage elf heißt es dort: „Steht die Partei mit ihren Exponenten für eine Gesellschaft, in der unterschiedliche Herkunft, Kultur und Religion als Bereicherung und nicht als Belastung gelebt werden?“

Mit Unruhe verfolgt Bischof Muser den aufgeheizten Wahlkampf in allen Teilen Italiens. Nachdem Anfang Februar im mittelitalienischen Macerata ein Italiener auf mehrere afrikanische Migranten geschossen hat, ist die Debatte entgleist. Silvio Berlusconi, früherer Ministerpräsident und Chef eines Mitte-Rechts-Wahlbündnisses für die Wahl, nennt Migranten eine „soziale Bombe“ und verspricht massenweise Abschiebungen von illegalen Einwanderern.

„Ich bin immer besorgt, wenn aggressive Töne geäußert werden“, sagt Bischof Muser. „Hier hören wir gerade in diesen Tagen sehr populistische Töne, auch sehr aggressive Töne, die bestimmt nicht helfen, unsere Gesellschaft weiterzubringen.“ Das Hauptanliegen seines Briefes formuliert der Südtiroler Bischof so: „Es geht darum, die Menschen wirklich zu ermutigen, zur Wahl zu gehen – das ist heute leider keine Selbstverständlichkeit mehr.“
 

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27 Februar 2018, 13:12