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Ein indigener Einwohner des peruanischen Amazonas-Gebietes Ein indigener Einwohner des peruanischen Amazonas-Gebietes 

Bischof Nann: „Peru zu einen, wäre schon das erste Wunder des Papstes“

Peru erwartet den Papst mit großer Vorfreude, doch Franziskus wird auf ein zutiefst gespaltenes Land treffen. Das sagt im Gespräch mit uns der aus Deutschland stammende Bischof Reinhold Nann, den Franziskus letztes Jahr zum Prälaten des entlegenen Gebietes Caravelì machte.

Gudrun Sailer – Vatikanstadt

Nann, der bis vor kurzem Priester im peruanischen Urwald war, berichtet auch von der großen Neugier und dem Wohlwollen der Indigenen für Papst Franziskus, von der Wut der Peruaner über die Politik und die Korruption und ihrem Land, und er wirft einen Blick auf das benachbarte Chile, in dem er sich zum Zeitpunkt unseres Gesprächs gerade aufhielt und das der Papst ebenfalls besuchen wird.

Telefonisch konnten wir den Bischof schlecht erreichen, unter viel besseren Bedingungen kam das Gespräch dann aber via Whatsapp zustande.

Frage: Peru, 2018, in wenigen Worten zusammengefasst: was ist das, was beschäftigt die Leute?

Bischof Nann: „Peru 2018: das ist ein Land, das tief gespalten ist: in Fujimori-Befürworter und Fujimori-Gegner, in arm und reich, in modern und traditionell. Diese Trennungen sorgen immer wieder für Konflikte und Unverständnis in der Bevölkerung. Es wurde nie wirklich, auch politisch gesehen, eine Versöhnung erreicht nach dem schweren Bürgerkrieg von vor 20 Jahren. Peru ist aber auch hoffnungsvoll! Da ist der Fußball, die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Russland, nach 36 Jahren Abwesenheit, hat das Land mit Stolz und Freude erfüllt. Auch der Papstbesuch ruft durchaus Freude hervor, wenngleich da einige evangelikale Gruppen sind, die in ihm nur den Teufel sehen – das bringt die tiefe Spaltung zum Ausdruck. Ich denke, es ist vor allem ein Land der Gegensätze.”

Frage: Sie schreiben auf Facebook zum Jahreswechsel, was 2018 in Peru geschehen muss, ist eine nationale Versöhnung, und die muss das ganze Volk ergreifen. Im Nachbarland Kolumbien hat Papst Franziskus bei seiner Reise im September einen Beitrag dazu geleistet, doch es bleibt ein schwieriger Prozess: Was kann der Papst zur nationalen Versöhnung in Peru beitragen, wo verlaufen da die sichtbaren und unsichtbaren Fronten?

Bischof Nann: Wenn der Papst in Peru eine nationale Versöhnung herbeiführen könnte, dann würde er schon sein erstes Wunder in Peru gewirkt haben! An Wunder so schnell und in so wenigen Tagen glaube ich eher nicht, aber dass Schritte in Richtung Versöhnung gegangen werden können, auch angestoßen werden können durch diesen Besuch, das glaube ich schon. Franziskus regt immer wieder zum Dialog an, auch der verfeindeten Parteien, und derer gibt es in Peru viele. Politisch sind die Gräben zwischen Fujimori-Freunden und –Gegnern, dann gibt es die Gräben zwischen den Ethnien – Franziskus setzt da Zeichen, wenn er jetzt in den Urwald fährt, zum Beispiel. Es gibt die Grenze zwischen Arm und Reich, auch da setzt Franziskus Zeichen, es gibt die Grenze zwischen Stadt und Land, es gibt die Grenzen zwischen Rechts und Links, es gibt viele Gräben, die es aufzufüllen gilt, aber ich denke Franziskus zeigt uns, dass Versöhnung geht durch Dialog. Wenn sich die Kinder streiten, und die Eltern kümmern sich darum, kann dieser Streit vielleicht zum Guten führen.

Frage: Die jüngste Begnadigung und Freilassung des Ex-Präsidenten Alberto Fujimori sorgte auch international für Aufsehen. Fujimori war rechtskräftig unter anderem wegen Mord verurteilt. Wie stehen die Peruaner zu diesem Vorgang?

Bischof Nann: Die Begnadigung von Fujimori hat das Land weiter gespalten. Die 40 Prozent, die seine Partei gewählt haben bei den letzten Wahlen, sind größtenteils begeistert. Allerdings hat über die Hälfte der Bevölkerung schwere Bedenken, viele junge Leute sind auch auf die Straße gegangen, um zu protestieren. Bedenken vor allem deswegen, weil Fujimori zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde wegen schwerer Verbrechen, zum Teil auch gegen die Menschlichkeit, das heißt, es gab ein Mordkommando zu seiner Zeit, das nachweislich etwa ein Dutzend Menschen umgebracht hat. Das ist von der Menschenrechtsfrage her wirklich bedenklich.

Frage: Viele vermuten, der amtierende Präsident Pablo Kuczynski habe Fujimori freigelassen, um seine eigene Absetzung durch das Parlament zu verhindern. Wie schätzt das die Bevölkerung ein?

Bischof Nann: Natürlich war es ein abgekartetes Spiel des Präsidenten. Er hat nur deswegen überlebt beim Misstrauensvotum nur drei Tage vor Fujimoris Begnadigung, weil zehn Leute aus der Fujimori-Partei sich bei dieser Kampfabstimmung plötzlich enthalten haben. Und das haben die natürlich gemacht, weil der gefangene Ex-Präsident sie aus dem Gefängnis angerufen hat, um sie umzustimmen, und dadurch das politische Überleben des aktuellen Präsidenten Kuczynski zu sichern. Diesen Kuhhandel hat ihm aber der größte Teil der Bevölkerung sehr übel genommen. Was werden die Folgen sein? Dass der Präsident in Zukunft noch stärker isoliert sein wird und die politische Krise in Peru keineswegs gelöst ist.

Frage: Der Skandal um den Baukonzern Odebrecht um Korruption im großen Stil erschüttert Lateinamerika seit längerer Zeit und hat auch Peru nicht verschont: im Prinzip sind Angehörige aller peruanischen Parteien mitschuldig. Wenn Franziskus andauernd von Korruption als größtem Übel der Gesellschaft spricht, findet das die Zustimmung der Peruaner?

Bischof Nann: Die Firma Odebrecht hat in Peru in den letzten 20 Jahren fast alle Großaufträge im Straßenbau und andere große staatliche Projekte bekommen. Deshalb sind praktisch alle ehemaligen Präsidenten entweder wegen Korruption angeklagt oder sogar schon im Gefängnis gelandet, einer mit Auslieferungsantrag aus den USA: Im Moment herrscht in der Bevölkerung der Eindruck vor, das ganze Land ist korrupt. Es gibt den großen Slogan auf der Straße im Moment, sie sollen alle gehen, die Politiker, weil man keinem mehr vertraut. Wenn Papst Franziskus von der Korruption als größtem Übel der Gesellschaft spricht, dann spricht er im Moment den Leuten völlig aus dem Herzen.

Frage: Sie waren eine Zeitlang, ehe Franziskus Sie zum Bischof gemacht hat, Priester im peruanischen Amazonasgebiet, auf eigenen Wunsch; die Seelsorge an den Indigenen liegt Ihnen am Herzen. Was sind für die Indigenen, mit denen Sie zu tun hatten, die größten Herausforderungen, was wünschen sie sich von der Kirche, vom Papst?

Bischof Nann: Die Indigene Bevölkerung im Urwald, in der Selva Perus, wünscht sich zunächst von der Gesellschaft ernst genommen zu werden. Bis jetzt zählen die einfach nicht, das sind viel zu wenige, kaum jemand spricht noch ihre Sprache, man nimmt sie eigentlich nicht ernst. Sie wünschen sich Respekt und Unterstützung ihrer eigenen Initiativen. Für die Kirche bedeutet es vor allem, sie möchten, dass die Kirche sich stärker mit ihnen solidarisiert und sie kennenlernt. Franziskus wird hoch geschätzt – einer der Stämme hat jetzt im Vorfeld des Papstbesuchs ein größeres Stammesgebiet nach ihm benannt. Außerdem findet vor dem Besuch von Franziskus im peruanischen Urwald auch ein Kongress der indigenen Stammesführer statt, der mit großer Spannung erwartet wird, und der Papst kommt praktisch zum Abschluss dieses Kongresses.

Frage: Sie sind seit Sommer Bischof in Caravelì, einem auch für peruanische Verhältnisse armen Gebiet, welche Erfahrungen machen Sie da? Und wie bereiten Sie die Gläubigen in Ihrer Diözese auf den Papstbesuch vor?

Bischof Nann: Ich bin jetzt seit vier Monaten Bischof in Caravelì, einer sehr abgelegenen, ländlichen, andinen Gegend von Peru. Meine Erfahrung ist, dass die Menschen arm sind, aber auch sehr gläubig, und vor allem die Traditionen einer Volksfrömmigkeit, die Leute im Glauben auch gehalten haben und weiter halten. Für mich ist die Erfahrung schön, gut aufgenommen zu werden jetzt als neuer Bischof, mit vielen Erwartungen konfrontiert zu werden, aber auch mit sehr viel Wohlwollen. Aus meiner Diözese – oder meiner Prälatur, so nennen wir das - werden etwa 200 Leute nach Lima fahren zum Papstbesuch, das ist für eine so arme entlegene Gegend eine gute Zahl! Wir haben in allen Pfarreien das Gebet auf Spanisch und auf Quechua verteilt, es auch miteinander gebetet in den Messen und bei den Firmungen, wo ich jetzt in den Pfarreien war. Einige der größeren Pfarreien werden auch große Fernseher auf dem Platz aufstellen, damit möglichst viele bei dem Geschehen dabei sein können. Die Bürgermeister haben sich da zum Teil sehr ins Zeug gelegt, und das ist auch ein Zeichen, wie wichtig dieser Papstbesuch für die Leute ist.

Frage: Sie werden Gelegenheit haben, den Papst zu treffen, er empfängt ja jeweils alle Bischöfe eines Landes, das er besucht. Was hoffen Sie ihm sagen zu können?

Bischof Nann: Ich werde ihm zum einen versichern, dass ich wirklich für ihn bete. Dass seine Anliegen auch die meinen sind. Ich bitte ihn so weiterzumachen, wie er bis jetzt angefangen hat, mit der Reform unserer Kirche, mit den Zeichen, die er setzt. Ich werde ihm sagen, ich möchte gerne Bischof sein so wie er das macht: nahe bei den Menschen sein, mich vom Geist führen lassen, nicht so sehr an den Normen zu orientieren.

Frage: Sie sind gerade in Chile unterwegs, das der Papst ja auch besuchen wird, was nehmen Sie da wahr an Erwartungen an den Papstbesuch?

Bischof Nann: Ich bin in diesen Tagen noch in Chile bei einem Jahrestreffen der Schönstatt-Diözesanpriester, zu denen ich gehöre. Auch da nehme ich einiges an Erwartungen für den Papstbesuch jetzt wahr. Zunächst einmal sichtbar an den Schönstatt-Kapellen, an der wichtigsten hier in Santiago habe ich einen Pappkameraden Papst Franziskus angetroffen, mit dem die Leute Selfies machen…! Er wird also auch schon fotografisch erwartet. Es gibt eine verhaltene Freude, würde ich sagen, in Chile. In Chile ist die Kirche sehr demütig geworden, sie hat viel an Einfluss verloren durch einige Missbrauchsskandale, die es hier gab. Aber vielleicht hilft ihr diese Demut, mit dieser Haltung auch auf den Papst zuzugehen – nicht triumphierend, sondern praktisch mit der Bitte, von ihm zu lernen und mit ihm zusammen in die Zukunft zu gehen.

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09 Januar 2018, 13:52