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Langer Weg zur Globalisierung: Junge im indischen Dadri Langer Weg zur Globalisierung: Junge im indischen Dadri  (AFP or licensors)

Menschen in der Zeit: Amrita Narlikar und die Globalisierung

Welche Auswirkungen hat die Globalisierung auf die Menschheit? Mit dieser Frage beschäftigen sich die Forscher des renommierten GIGA-German-Institut of Global Studies in Hamburg. Leiterin ist seit drei Jahren die junge Forscherin Amrita Narlikar.

Aldo Parmeggiani - Cittá del Vaticano

Sie wurde in Indien geboren - dem Schwellenland mit einer Milliardenbevölkerung, einem Atombombenprogramm, einer Raumfahrtmission und mit viel fortgeschrittener Technik; aber auch mit vielen notleidenden Menschen. 

RV: Frau Professor Narlikar, Sie leiten das weltweit agierende Forschungsinstitut GIGA mit Sitz in Hamburg und analysieren die universale Globalisierung. Ihrer Meinung nach muss die Globalisierung grundsätzlich neu ausgerichtet werden. Sie sagen: Ausgegrenzte Gruppen in Industrie- und Entwicklungsländern müssten in einem Reformprozess einbezogen werden. Die Globalisierung muss neu ausgehandelt werden. Welche Schritte sehen Sie in diesem Entwicklungsprozess vor?

Narlikar: Ja, ich bin überzeugt davon, dass wir neue Abmachungen für eine reformierte und faire Globalisierung verhandeln müssen; eine, die ihre Gewinner bewahrt und fördert und ihre Verlierer reduziert. Um einen solchen Handel zu ermöglichen, müssen wir folgende Schritte unternehmen: Erstens benötigen wir ein grundsätzliches Umdenken bezüglich der Ziele internationaler Kooperationen, insbesondere welche globalen öffentlichen Güter die zentralen Mächte bereit wären, zur Verfügung zu stellen. Zweitens darf dieser Prozess des Umdenkens nicht nur auf die globalen Entwicklungen der nächstliegenden Länder beschränkt sein. Wir müssen vielmehr die marginalisierten Länder in diesen Prozess einbeziehen.

RV: Sie fordern von den Staats- und Regierungschefs, die Ängste vor den Folgen der Globalisierung ernst zu nehmen. Die Globalisierung erlebt derzeit die schlimmste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Viele haben das Gefühl, dass etwas schief laufe, Ungleichheit immer größer werde. Ist das der Fall?

Narlikar: Ja, Ungleichheit hat in der Tat in unterschiedlichen Graden innerhalb von Ländern zugenommen. Also läuft wirklich etwas falsch. Das Problem muss angegangen werden. Aber der Fehler, den viele Leute machen, ist, dass sie die Globalisierung für die zunehmende Ungleichheit verantwortlich machen und das ist nicht ganz richtig. Was sie oft vergessen ist, dass tatsächlich einige Aspekte der Globalisierung auf dem Gesamtlevel, der Aggregatsebene, Wachstum und Wohlstand für die meisten Länder generiert haben. Viele sehr fähige Produzenten und Konsumenten profitieren von der Globalisierung, während bestimmte Gruppen das Nachsehen haben. Das bedeutet Arbeitsplatzverluste für Arbeiter in Industrie und Landwirtschaft. Es ist die Unzufriedenheit dieser Gruppen, welche die Antiglobalisierungsbewegung heute antreibt.

RV: Papst Franziskus sagt: Europa sei geschwächt, weil es seine Geschichte vergessen hat, seine römisch-katholische Geschichte. Etwas beunruhigt mich, sagt Franziskus. Natürlich die Globalisierung eint uns und hat positive Aspekte. Doch – so der Papst weiter – ich denke, es gibt auch weniger gute Aspekte der Globalisierung. Laut dem Papst sollte die Globalisierung die Länder vereinen, dennoch sollten die einzelnen Völker und Nationen ihre Identität, ihre Kultur und ihren Wohlstand wahren können. Mit Kultur meint der Papst religiöse Kultur, allen voran natürlich römisch-katholische Kultur. Stimmen Sie mit dem Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche überein?

Narlikar: Ja, natürlich bedeutet Kultur für verschiedene Völker und Länder etwas anderes. Daher stimme ich nicht zu, dass sich Kultur vor allem auf die römisch-katholische bezieht. Aber ich stimme mit dem allgemeinen Empfinden von Papst Franziskus überein, dass die Rolle und Wichtigkeit von Kultur in letzter Zeit stark unterschätzt wurden. Wenn wir mit anderen Ländern effektiv verhandeln wollen und versuchen wollen, gemeinsame Lösungen für globale Probleme zu finden, dann ist es absolut notwendig, andere Kulturen aus ihren eigenen Bedingungen heraus zu verstehen. Das heißt nicht nur ihre Geschichte zu kennen, sondern auch ihre tiefen – manchmal antiken – philosophischen und religiösen Traditionen, die bis heute ihrem Verhalten zugrunde liegen. Wir von GIGA sind von diesem globalen Ansatz der Forschung überzeugt und versuchen diesen in unserer Arbeit nicht nur über, sondern mit den Regionen umzusetzen.

RV: Auch das sei eine Möglichkeit – um nochmals den Papst zu zitieren – auf die Globalisierung der Gleichgültigkeit mit einer Globalisierung der Solidarität und der Geschwisterlichkeit zu antworten. Gehört diese päpstliche Ansicht auch in das Einzugsgebiet ihrer wissenschaftlichen Forschung?

Narlikar: Ja, natürlich sympathisiert man mit diesem Ideal. Leider ist es jedoch so: Auch wenn sich Interessen nicht in direktem Konflikt mit der Politik befinden, kann es doch sehr schwer sein, zu einer Vereinbarung zu kommen. Zum Beispiel stimmen die meisten Länder dem allgemeinen Ziel des Klimaschutzes zu, aber es gibt große Unstimmigkeiten darüber, wer die große Last der Verantwortung und der Kosten dafür tragen soll. Und wenn das schon der Fall bei Themen ist, bei denen sich gemeinsame Ziele finden, dann sind die Probleme umso größer, wenn Interessen nicht geteilt werden und Weltanschauungen miteinander kollidieren. In meiner Forschung zu internationalen Verhandlungen bin ich sehr interessiert daran zu sehen, wie wir Stillstand auflösen können.

RV: Kann man sagen, es gibt durch die Globalisierung einen weltweiten Markt und dadurch einen besseren Zugang zu Produkten aus verschiedenen Ländern?

Narlikar: Absolut, das heißt im allgemeinen für Konsumenten, dass sie für ihr Geld mehr Wert und eine größere Auswahl erhalten.

RV: Stimmt es, dass es aufgrund des Vorhandenseins eines weltweiten Marktes für Unternehmen zahlreiche Investitionsmöglichkeiten gibt?

Narlikar: Ja, absolut und mehr Investitionsmöglichkeiten heißt normalerweise auch Arbeitsplatzschaffung, mehr Wachstum und Entwicklung. Es gibt noch Spielraum für Marktöffnung und Reduzierung von Handelsbarrieren.

RV: In vielen Ländern hat es im Lauf der Jahre auch viele technologische Fortschritte gegeben. Hilft das auch den meisten der Entwicklungsländern eigene Fortschritte zu erzielen?

Narlikar: Ja, Technologie ist wichtig. Sie wird wichtig dafür sein, Wachstum in Entwicklungsländern nachhaltig zu machen.

RV: Viele Menschen aus entwickelten Ländern verlieren ihre Arbeitsplätze, weil die Unternehmen die Arbeitsplätze in Entwicklungsländer verlagern, wo die Arbeitskosten niedrig sind und die Unternehmensgewinne dementsprechend hoch. Das stimmt doch auch?

Narlikar: Ja, das stimmt. Obwohl zu den Arbeitsplatzverlusten auch Automatisierung und Digitalisierung gehören. Und manchmal wird dem Handel die Schuld zugeschoben, obwohl die wirkliche Ursache die Technologisierung ist. Wenn also Arbeitsplätze in andere Länder gehen, sollte die Antwort nicht Protektionismus sein, sondern bessere Wohlfahrtspolitik und bessere Weiterbildungsprogramme, Das ermöglicht es Arbeitern, die ihren Job verloren haben, in andere Sektoren zu wechseln.

RV: Experten mahnen, dass die Globalisierung neben den positiven Effekten auch schlimme negative Effekte habe wie übertragbare Krankheiten durch die weltweite Vernetzung. Ist das so?

Narlikar: Das stimmt. Es ist immer wichtig, im Gedächtnis zu behalten, dass Globalisierung viele verschiedene Aspekte beinhaltet – manche positiv; manche negativ. Zum Beispiel erweist sich die Liberalisierung des Handels als eine Kraft für das Gute. Aber die Liberalisierung der Finanzmärkte ist dagegen wesentlich kritischer zu sehen und hat bestenfalls schlechte Ergebnisse hervorgebracht.

RV: Globalisierung kann zum Verlust der kulturellen Identität führen, da östlichem Gedankengut immer wieder westliche Ideen entgegenstehen. Sind Sie da einverstanden?

Narlikar: Ich finde nicht, dass westliche Ideen immer den östlichen entgegenstehen. Ich würde sagen, wenn wir einen globaleren Ansatz für die Forschung zu Politik und Wirtschaft anwenden und den Willen zeigen, verschiedene Regionen und Länder aus sich selbst heraus zu verstehen, würden wir keinen Verlust der kulturellen Identität verursachen, sondern unsere Chancen erhöhen, eine bereichernde Koexistenz zu erzielen.

10 Dezember 2017, 10:00