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Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin im Interview mit  Radio Cope (Foto von 2020) Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin im Interview mit Radio Cope (Foto von 2020) 

Kardinal Parolin im Osterinterview: Krisen gemeinsam überwinden

Die Nummer Zwei des Vatikan, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, hat am Ostermontag ein ausführliches Interview gegeben. Dabei ging er etwa auf seine Beziehung zu Papst Franziskus und aktuelle Konflikte in der Kirche ein.

Stefanie Stahlhofen – Vatikanstadt

Auch die Lage der katholischen Kirche in China, Glaubensverlust in Europa und die Kurienreform sprach Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin im großen Osterinterview mit dem spanischen katholischen Radiosender COPE an.

„Wir stehen im Dienst der Gemeinschaft, der Religionsfreiheit und des Weltfriedens“, betonte der italienische Kurienkardinal. Sich für diese Dinge einzusetzen, das mache für ihn den diplomatischen Dienst aus, erklärte der Kardinalstaatssekretär in dem am Ostermontag gesendeten Interview. Als seine Berufung sieht der italienische Geistliche demnach immer noch das Priesteramt an. Dies sei zudem kein Widerspruch zur kirchlichen Diplomatie - „nicht zuletzt, weil - besonders nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil - die Aufgabe der Nuntien eine pastorale Aufgabe sei, die darauf abzielt, „die Verbindungen zwischen dem Heiligen Stuhl und den Ortskirchen zu stärken", erklärte Kardinal Parolin.

Hier im Audio: Kardinal Parolin zu Glaubensverlust in Europa, Papst Franziskus und Meinungsverschiedenheiten in der Kirche

„Wir stehen im Dienst der Gemeinschaft, der Religionsfreiheit und des Weltfriedens“

Als außergewöhnlicher Zeuge des Pontifikats von Papst Franziskus erinnerte sich der Kardinal auch an seine Überraschung, als Papst Franziskus ihn vor acht Jahren – damals war Parolin als Nuntius in Venezuela - bat, sein Staatssekretär zu werden. Sie hätten beide ein unterschiedliches Temperament, das sei jedoch ein Vorteil für den Dienst an der Kirche, so Parolin: „Es geht darum, unsere Unterschiede in Reichtum für die Welt zu verwandeln", wie es auch Papst Franziskus ja immer wieder sage. Es gehe um eine Zusammenarbeit, bei der jeder „mit seinem Standpunkt, mit seinem Stil, mit seiner Sensibilität, mit seiner Vorbereitung, mit seiner Kultur, mit seiner Spiritualität" etwas beitrage.

Sorge um Meinungsverschiedenheiten


Mit Blick auf innerkirchliche Spannungen zwischen einem „sogenannten konservativen Flügel und einem sogenannten progressiven Flügel“ erklärte Kardinal Parolin: „Es gibt Grund zur Besorgnis". Die Kirche könne so Schaden nehmen. Der Papst lege viel Wert darauf, die Kirche zu reformieren und ab und an gebe es da Verwirrung. Manchmal - so erklärte Kardinal Parolin - entstünden Spaltungen und Widersprüche aus der Verwirrung, aus der Unfähigkeit, zu unterscheiden „zwischen dem, was wesentlich ist und sich nicht ändern kann, und dem, was nicht wesentlich ist und reformiert werden muss - was sich dem Geist des Evangeliums entsprechend ändern muss". Er betonte zugleich, die Struktur der Kirche, das Glaubensgut, die Sakramente und das apostolische Amt könnten nicht verändert werden. Es gebe jedoch „ein ganzes Leben der Kirche, das erneuert werden kann" - ein Leben, in dem sündige Menschen wirkten und das deshalb ständig erneuert werden müsse.

So sieht Parolin den Papst


Auf die Frage, was ihm als engem Vertrauten des Papstes am meisten auffällt, antwortete Kardinal Parolin: „Wenn man ihm nahe kommt, merkt man, dass er ein einfacher Mann ist, dem das Protokoll nicht so wichtig ist". Vielmehr gehe es Papst Franziskus um die Beziehungen und die Nähe zu den anderen, um die Begegnung mit den Menschen. Dies spiegelt sich laut Kardinal Parolin auch in der Arbeitsweise des Papstes wieder, dessen Wunsch sei, „die Kirche in der Verkündigung des Evangeliums glaubwürdiger zu machen."

„Kirche in der Verkündigung des Evangeliums glaubwürdiger machen“

Verlust des Glaubens in Europa

Besonders wichtig sei dies, so Parolin, auch mit Blick auf die Lage in Europa, wo es immer öfter neue Gesetze zu ethischen Fragen gebe, die sich immer weiter von den christlichen Wurzeln entfernen. Bei solch aktuellen „anthropologischen Veränderungen“ spüre er einen starken Glaubensverlust, so der Kardinalstaatssekretär. Wie etwa Papst Franziskus bereits mehrfach gesagt habe, sei zum Beispiel „die Frage der Abtreibung keine religiöse Frage", sondern eine Frage der Vernunft, wurde Parolin konkret. Wahrscheinlich sei heutzutage, wie es Papst Benedikt XVI. einmal formulierte, „das Grundproblem die Vernunft, nicht der Glaube."

Angesichts dieser Entwicklungen in Europa mahnte Parolin im großen Osterinterview die Christen: „Wir müssen Zeugnis geben von unserem Glauben, wir müssen Zeugnis geben von unserer Hoffnung, wir müssen Zeugnis geben von unserer Nächstenliebe". Es brauche „ein kohärentes und überzeugtes Zeugnis des christlichen Lebens", so wie in den ersten Jahrhunderten der Kirche, als Apostel und Jünger in eine Gesellschaft kamen, der es an christlichen Werten mangelte, und es ihnen durch ihr Zeugnis gelang, „die Mentalität zu verändern und die Werte des Evangeliums in die damalige Gesellschaft einzuführen".

Die Lage in China

Neben Europa ging der Kardinal auch auf die Realität der Kirche in China ein. Der Heilige Stuhl blicke auf dieses Land wegen der Geschichte des enormen Leidens mit großem Respekt, aber auch mit großer Hoffnung, erklärte Parolin: Die bisher unternommenen Schritte, „auch wenn sie nicht alle noch bestehenden Probleme gelöst haben und wahrscheinlich noch lange dauern werden, gehen in die richtige Richtung zu einer innerkirchlichen Versöhnung". Die katholische Gemeinschaft in China sei noch klein, habe aber große Kraft und Vitalität. Es gehe darum, diese zu schützen und „ein normales Leben in der Kirche in China zu gewährleisten". Räume der Religionsfreiheit, der Gemeinschaft müssten garantiert werden - „denn man kann nicht in der katholischen Kirche leben ohne die Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri, mit dem Papst", betonte Kardinal Parolin. Der Heilige Stuhl hatte im Jahr 2020 das provisorische Abkommen mit China zur Ernennung von Bischöfen verlängert.

Stand der Kurienreform

Auch zur Reform der Kurie, die Papst Franziskus angestoßen hat, äußerte sich Kardinal Parolin im Ostermontags-Interview mit dem Radiosender Cope: Das Amt des Kardinalstaatssekretärs, das Parolin innehat, werde sich nicht ändern. Der Staatssekretär wird demnach auch weiterhin das Staatssekretariat koordinieren, also das Gremium, das dem Heiligen Vater bei der Leitung der Kirche eng zur Seite steht, und zwar in seinen drei Abteilungen: Allgemeine Angelegenheiten, Beziehungen zu den Staaten und diplomatisches Personal. Daneben bestätigte Kardinal Parolin, dass die geltende Kurienordnung ersetzt werden soll durch eine neue Kurienverfassung mit dem Titel „Praedicate evangelium“

(vatican news)

05 April 2021, 14:04