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Ein Rohingya-Flüchtlingsjunge sitzt auf verbranntem Hausrat in Cox's Bazar, Bangladesch Ein Rohingya-Flüchtlingsjunge sitzt auf verbranntem Hausrat in Cox's Bazar, Bangladesch 

Brandkatastrophe in Bangladesch: 55.000 Flüchtlinge obdachlos

Auch Tage nach dem verheerenden Brand in dem riesigen Flüchtlingslager Cox’s Bazar in Bangladesch (dort leben mit mehr als 850.000 vor allem Rohingya-Flüchtlingen aus Myanmar etwa so viele Menschen wie in Köln) ist die Lage kritisch. Es fehle an allem und an eine Rückführung der Menschen nach Myanmar ist derzeit nicht zu denken, sagt uns im Interview die Leiterin der Asien-Abteilung der Hilfsorganisation Malteser International, Cordula Wasser. Sie war selbst mehrfach in dem Lager und ist mit den Partnerorganisationen vor Ort in ständigem Kontakt

Radio Vatikan: Frau Wasser, was berichten Ihnen denn die Helfer vor Ort über die Momente des Brandes? 

Cordula Wasser (Leiterin der Abteilung Asien bei Malteser International): Ja, der Brand ist ja am letzten Montag nachmittags um 15 Uhr ausgebrochen, innerhalb kürzester Zeit war der gesamte Himmel mit Rauch bedeckt und es hat total beißend nach Rauch gestunken. Die Menschen sind völlig aufgelöst umhergelaufen und wussten eigentlich nicht, was sie tun sollten. Unsere Partner-Organisation und die Mitarbeiter sind dann relativ schnell vor Ort gewesen und haben geprüft, ob in den Häusern noch Menschen sind, haben die Menschen weggeschickt und ihnen gesagt, rennt so schnell ihr könnt und nehmt das mit, was ihr habt und eure Kinder. Anschließend sind sie dann tatsächlich durch die leeren Hütten gelaufen und haben geschaut, ob noch irgendwelche Menschen in den Hütten waren, eventuell in ihrer Mobilität eingeschränkt, alte und kranke Menschen, mit Behinderung oder auch Kinder... und es konnte tatsächlich ein Baby gefunden und gerettet werden, das danach den Eltern übergeben wurde. Aber die Zustände waren ziemlich chaotisch und die Menschen waren ziemlich aufgelöst. 

Hier das ganze Interview zum Nachhören

Radio Vatikan: Offiziellen Angaben zufolge gab es ja mehrere Tote, 45.000 Menschen sollen ihre Unterkunft verloren haben... Inwieweit können Sie diese Angaben bestätigen? 

Cordula Wasser: Ja, das war die Zahl, die Ende der vergangenen Woche in den Medien zu lesen war. Heute habe ich gelesen, dass insgesamt 55.000 Menschen ihr Zuhause verloren haben und dass insgesamt 88000 Menschen indirekt betroffen sind, weil letztendlich auch viele Einrichtungen, und zwar 1600 Schulen, Gemeindezentren, drei Krankenhäuser, und viele Gesundheits-Stationen zerstört wurden, die letztendlich von 88.000 Menschen genutzt wurden. Und daher ist es wichtig, dass man den Menschen so schnell wie möglich hilft, denn es ist schon eine enorm große Anzahl. 

Notdürftige Aufräumarbeiten nach dem verheerenden Brand in Cox's Bazar
Notdürftige Aufräumarbeiten nach dem verheerenden Brand in Cox's Bazar

Radio Vatikan: Ja, wie Sie eben sagten, sind auch schon einige Tage vergangen seit der Katastrophe. Wie geht es denn die Menschen jetzt, wie ist die Situation jetzt vor Ort? 

Cordula Wasser: Ja, die meisten Menschen haben Zuflucht gefunden bei ihren Verwandten oder Bekannten in den benachbarten Camps. Manche sind in den Gemeindezentren untergekommen, andere schlafen noch unter freiem Himmel, aber die Situation ist angespannt. Sie müssen sich vorstellen, dass jeder Mensch dort sowieso  nur zwei Quadratmeter Platz hat zum Leben; und wenn dann immer noch zusätzlich 2, 3, 4 Menschen kommen, ist dann so gut wie keinen  Platz. Die Menschen haben zu wenig zu essen, zu wenig Wasser, die Wasserversorgungssysteme sind völlig überlastet. In unsere Krankenstationen, die wir auch betreuen, kommen immer mehr Patienten und die sind eigentlich auf diese Masse von Bedürftigen gar nicht ausgelegt. Deswegen ist ganz ganz wichtig, dass man relativ schnell auch Hilfe leistet nicht nur für die Menschen, die ihr Zuhause verloren haben, sondern auch für die, die Brandopfer aufgenommen haben. 

Die Überreste des Hausrates einer Flüchtlingsfamilie
Die Überreste des Hausrates einer Flüchtlingsfamilie

Radio Vatikan: Es sind also mehrere Krankenhäuser zerstört worden, was bedeutet das jetzt für die Gesundheitsversorgung der Menschen vor Ort? 

Cordula Wasser: Es waren drei Krankenhäuser, die völlig zerstört wurden, und das Schlimme ist, dass diese drei Krankenhäuser eigentlich auch für die COVID-Behandlung und für die Corona-Impfungen vorgesehen waren. Alle Patienten, die tatsächlich diese sekundäre Gesundheitsversorgung brauchen, müssen jetzt in andere Krankenhäuser transferiert werden und bis die wieder aufgebaut sind, wird es auch einige Zeit dauern.

Radio Vatikan: Es war ja ein schrecklicher Brand, gibt es denn schon gesicherte  Erkenntnisse darüber, was diesen ausgelöst  hat?

Cordula Wasser: Es gibt keine gesicherten Erkenntnisse und momentan ist eine Untersuchung im Gange. Wir hoffen, dass tatsächlich bis Ende der Woche die ersten Ergebnisse da sind. Als humanitäre Hilfsorganisation wollen wir uns keinen Spekulationen hingeben, aber gleich am Anfang haben wir gehört, auch von unseren Kollegen, dass man eine Explosion wahrgenommen hat. Das kann auch relativ wahrscheinlich sein, dass es sich um eine Gasexplosion handelte, weil die Menschen mit Flüssiggas kochen und sich das Feuer auch relativ schnell ausbreiten konnte. Aber wie gesagt, die Ergebnisse der Untersuchung sind noch nicht da.

Zelte soweit das Auge reicht: Ein Junge steht auf den Überresten seines niedergebrannten Unterschlupfes
Zelte soweit das Auge reicht: Ein Junge steht auf den Überresten seines niedergebrannten Unterschlupfes

Radio Vatikan: Was bedeuten denn der Brand und die Situation nach dem Brand jetzt für die humanitären Helfer vor Ort?

Cordula Wasser: Sehr wichtig ist, dass man so schnell wie möglich hilft und zwar allen, also nicht nur der Menschen, die ihre Häuser verloren haben, sondern auch den Gastgemeinden und den Familien, die andere Familien aufgenommen haben. Malteser International arbeitet mit zwei Partnerorganisationen zusammen, die eine ist eine medizinische Fach-Organisation, die viele Gesundheitszentren in den Camps unterhält und jetzt natürlich auch gleich zu Beginn die Verletzten versorgt hat und auch soziale Hilfe anbietet, weil die Menschen absolut traumatisiert sind. Sie haben das gleiche schon 2017 erlebt, als ihre Häuser niedergebrannt wurden, in Myanmar, und sie dann auf der Flucht waren, und jetzt ist es wieder passiert. Und wir haben eine andere Partnerorganisation, die kümmert sich eher um Lebensmittelverteilung, den Ausbau von Wasser- und Infrastruktur, Bau von Unterkünften - und auch die hat sofort Nothilfe geleistet und wird das auch weiterhin tun. 

Radio Vatikan: Ja, was geschieht denn mit den betroffenen Flüchtlingen. Sie haben es schon gesagt, sie schlüpfen unter bei Verwandten oder in Gemeindezentren, wie muss man sich das vorstellen?

Cordula Wasser: Die Gemeindezentren werden normalerweise eigentlich für soziale Aktivitäten und als Lernzentren für Kindern genutzt. Und wenn die jetzt belegt werden von Menschen, die aufgenommen werden müssen, können auch diese Aktivitäten in diesem Campteil nicht mehr stattfinden, was sehr schade und bedauerlich ist. Die Hütten sind auch nur zwischen 12 und 15 Quadratmeter groß und dort leben sechs bis sieben oder acht Personen - und wenn dann noch 2-3 mehr Personen in diesen Hütten leben, können Sie sich vorstellen, wieviel Platz zur Verfügung steht. Es gibt zu wenig Matratzen, die Menschen haben keine Kleidung mehr, sie haben kein Wasser und zu wenig zu essen - also eigentlich fehlt es momentan an allem.

Radio Vatikan: Im Prinzip sind die Leute ja in diesem Lager in Bangladesch gelandet mit der Aussicht, irgendwann eventuell wieder in ihr Heimatland, also nach Myanmar, zurückzukehren. Wie stehen denn da jetzt die Chancen? 

Cordula Wasser Ja, aufgrund der schwierigen politischen Situation in Myanmar seit dem 1. Februar denke ich, dass die Chancen, dass Menschen zurückkehren können in ihr Heimatland in den nächsten Monaten extrem gering sind. Wir sehen ganz im Gegenteil Fluchtbewegungen von Menschen aus Myanmar, zum Beispiel an der Westgrenze nach Thailand. Von daher glauben wir nicht, dass die Möglichkeit besteht, dass die Menschen in nächster Zeit nach Myanmar zurückkehren können.

Hintergrund

Das Flüchtlingslager Cox's Bazar ist eines der größten Flüchtlingslager der Welt und bietet vor allem Mitgliedern der muslimischen Minderheit der Rohingya aus Myanmar Zuflucht. Bei dem Brand am vergangenen Montag sind mindestens 15 Menschen ums Leben gekommen und mehr als 560 wurden verletzt, auch heute gibt es noch Vermisste. Etwa 55.000 Menschen haben ihre Unterkünfte verloren. Es war bereits das dritte Feuer in dem aus mehreren Camps bestehenden Lager in diesem Jahr.  

Das Feuer war am späten Montagnachmittag ausgebrochen. Die Feuerwehr habe mit Unterstützung von Soldaten, Polizisten und Rotem Kreuz fast sechs Stunden gebraucht, um es unter Kontrolle zu bringen, hieß es Medienberichten zufolge.

Die Armee von Myanmar hatte im Sommer 2017 Hunderttausende muslimische Rohingya aus ihrem Siedlungsgebiet in Rakhine gewaltsam nach Bangladesch vertrieben. Das Lager in Cox's Bazar beherbergt aktuell rund 850.000 Rohingya. Zahlreiche Hilfsorganisationen, darunter Malteser International, leisten in den Camps Nothilfe.

(vatican news/kap - cs)

29 März 2021, 15:08