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Papst Franziskus vor dem diplomatischen Corps Papst Franziskus vor dem diplomatischen Corps  (Vatican Media)

Vatikan/Österreich: Zentral sind Geschwisterlichkeit und Hoffnung

Österreichs Botschafterin beim Heiligen Stuhl sieht als zentrale Leitlinien der päpstlichen Politik in dieser Zeit Geschwisterlichkeit und Hoffnung. Der Aufruf zur Nachhaltigkeit beim Wiederaufbau der Wirtschaft bei der Unterstützung von Unternehmen sei dabei für Österreich „ganz zentral“, erklärte Franziska Honsowitz-Friessnigg in unserem Interview.

Gudrun Sailer - Vatikanstadt

Geschwisterlichkeit war das geheime Leitmotiv der Papstrede an die Diplomaten in diesem Jahr. Geheim, weil Franziskus es erst ganz am Ende überhaupt nannte, und doch als Konzept zentral, sagte uns Österreichs Botschafterin beim Heiligen Stuhl Franziska Honsowitz-Friessnigg.  

Franziska Honsowitz-Friessnigg: Die Geschwisterlichkeit zog sich durch seine Rede. Sie war plural angelegt, verschiedene globale Themen, aber es drehte sich immer wieder um dieses zentrale Thema. Geschwisterlichkeit und Hoffnung sind für Papst Franziskus wichtige Elemente zur Überwindung aller aktuellen Krisen, die vor allem durch die COVID-Pandemie noch verstärkt worden sind.

Hier zum Hören:

Radio Vatikan: Franziskus fordert die Weltpolitik auf, das Verhältnis zwischen Mensch und Wirtschaft zu überdenken, er sprach von einer Kopernikanischen Wende hin zu mehr Gerechtigkeit, einer Wirtschaft, die ihm Dienst des Menschen steht und nicht umgekehrt. Inwiefern lesen Sie darin einen Aufruf an ein reiches Land wie Österreich, in dem etwa ein Lieferkettengesetz zum Schutz von Menschen in armen Ländern eine immer lauter erhobene politische Forderung wird?

Franziska Honsowitz-Friessnigg: Bei diesem Punkt hebt Franziskus Solidarität hervor, Solidarität im weitesten Sinn. Das beginnt bei der Wirtschaft, die sich für den Menschen einsetzen muss, geht aber auch viel weiter, etwa auch bei der Impfstoffverteilung für die ärmsten Länder. Wirtschaft sieht er als etwas Positives, aber im Sinn des Menschen. Gerechtes Wirtschaften ist als Thema für Franziskus ganz zentral und beschert uns viele Elemente, die für die einzelnen Staaten von großer Bedeutung sind.

„Wirtschaft sieht er als etwas Positives, aber im Sinn des Menschen“

Radio Vatikan: Wäre das beim Lieferkettengesetz für Österreich ein wichtiger Impuls für mehr Einsatz in der politischen Arbeit?

Franziska Honsowitz-Friessnigg: In Österreich haben wir das Prinzip der Sozialen Marktwirtschaft, wo man die Kräfte des Marktes in Hinblick auf die sozialen Bedürfnisse der Menschen sieht, auch was die Unterstützung von Unternehmen betrifft, oder Kurzarbeit. Das darf man nicht übersehen, dass da bereits vieles geschieht, was vor dem Hintergrund unseres Einsatzes für die soziale Marktwirtschaft zu sehen ist.

Radio Vatikan: Franziskus lobte ausdrücklich die EU mit ihrem Post-Corona-Wiederaufbaufonds „Next Generation EU“. Die Europäische Union stellt für die Erholung Europas nach Corona mit 1,8 Billionen Euro das größte Konjunkturpaket aller Zeiten bereit. Der Papst sieht es als Beispiel, dass Zusammenarbeit und gemeinsame Nutzung von Ressourcen machbar sind. Ein Lob, das in der österreichischen Politik geteilt wird?

Franziska Honsowitz-Friessnigg: Es geht in dem Fall um Solidarität, die Papst Franziskus hervorgehoben hat, gerade auch im Rahmen der Europäischen Union. Das war schon etwas Besonderes, denn Franziskus hat in den vergangenen Jahren besonders die Werte der Europäischen Union hervorgehoben - und in diesem Jahr die wirtschaftliche Solidarität.

Österreichs Botschafterin beim Heiligen Stuhl, Franziska Honsowitz-Friessnigg
Österreichs Botschafterin beim Heiligen Stuhl, Franziska Honsowitz-Friessnigg

Es gibt viele Themenbereiche, wo wir nach Corona im Rahmen der EU vermehrt zusammenarbeiten und vermehrte Solidarität geplant haben. Ich denke hier an nachhaltiges Wirtschaften, an Umweltprojekte. Das hat auch Papst Franziskus gesagt, dass die Krise uns aufruft zu einem Umdenken im Wirtschaften, was Nachhaltigkeit betrifft – dieser Aspekt der Nachhaltigkeit beim Wiederaufbau der Wirtschaft bei der Unterstützung von Unternehmen ist ganz zentral für Österreich.

Radio Vatikan: Franziskus wäre nicht Franziskus, hätte er die Frage der Migration ausgespart: Der Papst kritisiert die Praxis, Flüchtlinge und Migranten illegal zurückzuweisen, z. B. sie nach Libyen zurückzudrängen, man kann auch an die südlichen EU-Grenzen am Balkan denken oder an Camps in der EU selbst, in Griechenland. In Österreich kritisieren weite Teile der Zivilgesellschaft, auch die katholische Kirche, eine solche Politik ebenfalls und fordern mehr Menschlichkeit und die Aufnahme von Minderjährigen aus solchen Lagern. Wie wird vor diesem Hintergrund eine solche Aussage des Papstes in Österreichs Regierung aufgenommen werden?

Franziska Honsowitz-Friessnigg: Papst Franziskus hat seine Grundprinzipien im Blick auf die Migration wiederholt: aufnehmen, schützen, integrieren und fördern. Das sind die vier guten Prinzipien. Aber er ist auch auf die Wurzeln dieser Migration eingegangen und sagte, dass darauf ein Auge darauf gelegt werden muss, was man vor Ort tun kann. Zusätzlich hat er wie schon letztes Jahr sehr engagiert Binnenvertriebene erwähnt. Das ist eine Initiative, die Österreich im Rahmen des Menschenrechtsrates der UNO verfolgt, dass man sich verstärkt für Binnenvertrieben einsetzt. Binnenvertriebene und Integration, das sind Themen, wo wir in Österreich bereits sehr viel machen.

„Papst Franziskus und die Kurie haben eine starke moralische Stimme zu erheben“

Radio Vatikan: Inwiefern gelten die politischen Vorschläge, die Päpste beim Neujahrsempfang für das diplomatische Corps äußern, in der Politik als utopisch? Werden sie verbucht als schön, aber unrealistisch, oder geben sie wirkliche politische Impulse?

Franziska Honsowitz-Friessnigg: Papst Franziskus und die Kurie haben eine starke moralische Stimme zu erheben. Deshalb ist es wichtig, dass Papst Franziskus gerade vor dem diplomatischen Corps seiner Vorstellungen darlegt, wie er sich gerechtere und geschwisterliche Welt nach Corona vorstellt. Diese moralische Stimme des Papstes ist für uns und für viele Staaten von großer Bedeutung. Gerade die globalen Themen, die er aufgreift, die Stärkung des Dialogs für den Frieden, im internationalen Bereich, in internationalen Organisationen. Das ist auch für uns als österreichischer Staat wichtig: Als Sitz-Staat der Vereinten Nationen ist uns Multilateralismus ein besonders Anliegen. Franziskus hat den kürzlich in Kraft getretenen Atomwaffenverbotsvertrag hervorgehoben und die Sorge um das gemeinsame Haus, die Nachhaltigkeit, das sind alles ganz wichtige Bereiche, hinter denen wir als Österreich voll stehen und wo es wichtig ist, dass der Heilige Vater seine Stimme dazu erhebt.

(vatican news)

 

08 Februar 2021, 15:16