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Papst Franziskus in Pappe als Blickfang in einer Sakristei Papst Franziskus in Pappe als Blickfang in einer Sakristei  (AFP or licensors)

Die kreative Sprache von Papst Franziskus: Ein Wörterbuch

Papst Franziskus erfindet gerne Wörter. Das ist seiner seelsorgerischen Kreativität geschuldet, aber auch seiner Nicht-Muttersprachlichkeit: Der Argentinier hält die meisten seiner Reden und Gespräche als Papst auf Italienisch. Das Idiom seiner Großmutter beherrscht er sehr gut, aber nicht perfekt. Nun kommt erstmals ein „Bergoglio-Wörterbuch“ auf den Markt.

Geschrieben hat es der katalanische Philosophieprofessor Francesc Torralba, der im Vatikan als Konsultor am Päpstlichen Kulturrat wirkt.

Gudrun Sailer und Benedetta Capelli - Vatikanstadt

„Mein Buch entstand aus dem Wunsch heraus, die Wörter, die Kategorien, die Grundbegriffe dieses Pontifikats zu verstehen“, sagte uns der Autor des Werkes „Dizionario Bergoglio: le parole chiave di un Pontificato”, zu Deutsch: Bergoglio-Wörterbuch: die Schlüsselworte eines Pontifikats. „Ich sehe, dass es beim Papst eine Einheit des Denkens gibt und eine große Originalität in der Art und Weise, Aspekte des Menschseins, der Welt darzustellen und zu verstehen.“

Die Wortschöpfungen von Franziskus, so der Philosoph, seien ein Schlüssel zum Verständnis dieses Papstes, und zwar auch bei Nicht-Glaubenden. Seine Botschaft könne nämlich von allen verstanden werden, weil sie zum einen Teil zwar in „binnenkirchlicher Sprache“ gefasst sei, zum anderen, überwiegenden Teil aber in „außerkirchlicher Sprache“, diagnostiziert Torralba. Kurz: Franziskus richte sich sprachlich eher an Fernstehende.

Hier denkt er sich gerade wieder ein neues Wort aus: Franziskus beim Aschermittwochs-Gottesdienst
Hier denkt er sich gerade wieder ein neues Wort aus: Franziskus beim Aschermittwochs-Gottesdienst

„Es sind Ausdrücke, die nicht nur eine theologische Lesart haben“

„Wenn Franziskus zum Beispiel von der Globalisierung der Gleichgültigkeit spricht, unterstreicht er das Problem der Gleichgültigkeit gegenüber der Erde, gegenüber dem Anderen, gegenüber dem Fremden, gegenüber Gott. Oder die ganze Reflexion über die Peripherien der Welt, die existentiellen Peripherien. Es sind Worte, es sind Ausdrücke, die nicht nur eine theologische Lesart haben, sondern auch eine Interpretation aus der Sicht der Laien, und das lässt die Botschaft nach außen dringen. Für mich ist das der Wunsch dieses Papstes: aus sich herauszugehen, um den anderen zu erreichen und die gute Nachricht, das Evangelium, ankommen zu lassen.“

 „Balconear“ und „primerear“: Nur zuschauen oder auch was tun?

Zwei Einträge des „Bergoglio-Wörterbuchs“ sind Spanisch, weil der Papst sie in seiner Muttersprache auch in seine italienischen Reden einbaut: die Verben „balconear“ und „primerear“. „Balconear“ bezeichnet die Haltung, am Fenster zu stehen und alles zu beobachten, ohne etwas zu tun. „Es ist diese passive Haltung, die Tragödien der Welt zu sehen und trotzdem gleichgültig zu bleiben“, erklärt Torralba. Im Gegensatz dazu steht „primerear“. „Das bedeutet, der Erste zu sein, der etwas tut, nicht passiv zu sein, kein Mensch zu sein, der wartet, die Kraft und den Wunsch zu haben, etwas zu tun.“ Beide Verben nutzt der Papst nicht häufig, aber doch immer wieder mal, und sie sind beispielhaft für seine bildhafte Sprache.  

Vor allem bei Weltjugendtagen (hier: 2016 in Polen) bemüht sich der Papst um eine mitreißende Sprache
Vor allem bei Weltjugendtagen (hier: 2016 in Polen) bemüht sich der Papst um eine mitreißende Sprache
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Eine gewisse Herausforderung sei es gewesen, die sprachlichen Neuschöpfungen von Papst Franziskus wiederzugeben ohne ihren nicht-sprachlichen Rahmen. Franziskus spreche auch „mit seinen Händen und mit seinen Augen, er spricht mit seiner Kleidung, er spricht mit der Disposition seines Körpers im Raum“, so der Professor. „Der Papst spricht mehr mit Gesten als mit Worten, er sagt mehr aus mit den Dingen, die er tut. Aber auch in der verbalen Botschaft, in den Worten, steckt eine innovative Kraft, auf einer philosophischen und theologischen Ebene, die manchmal nicht gesehen wurde“.

„Geistiges Alzheimer“ beispielsweise sei ein Begriff, den es in keinem früheren Pontifikat gab (und wohl auch nicht hätte geben können). „Es ist klar, dass es da eine Innovation, ein Wachstum, eine Komplexität gibt und dass jeder Papst seine Originalität, seine Einzigartigkeit als ein Geschenk an die Kirche und in der Geschichte der Kirche anbietet.“

Das Buch „Dizionario Bergoglio: le parole chiave di un Pontificato” erscheint im Verlag Edizioni Terra Santa auf Italienisch.

(vatican news – gs)

18 Februar 2021, 11:43