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Marija Kolak, Mitglied im päpstlichen Wirtschaftsrat Marija Kolak, Mitglied im päpstlichen Wirtschaftsrat  

Vatikan-Beraterin: „Religiöser Kern entbindet Kirche nicht von Sorgfalt in Finanzfragen”

Die katholische Kirche ist kein Wirtschaftsunternehmen, kann aber wie jede andere Institution ihre wirtschaftliche Basis nicht einfach ausblenden. Das sagt die Bankfachfrau Marija Kolak. Papst Franziskus hat die Deutsche im August zum Mitglied im päpstlichen Wirtschaftsrat ernannt, zugleich mit sechs weiteren Laien, fünf von ihnen Frauen.

 Gudrun Sailer - Vatikanstadt

Im Vatikan gehe es „im Wesentlichen darum, eine gute Balance zu finden zwischen dem originären Auftrag der Kirche und ihren finanziellen Mitteln, mit denen sorgfältig auch in der Zukunft umzugehen ist”, erklärt Kolak (50) im Gespräch mit Vatican News die Aufgabe des Wirtschaftsrates. Das gelte „für jede Institution, aber hier nochmal in einer besonderen Fragestellung. Schließlich ist die Kirche kein Wirtschaftsunternehmen, sondern eine Institution, die stark Werte und Verbundenheit in ihrer Prägung hat. Aber das heißt natürlich nicht, dass man grundsätzliche Fragestellungen ausblenden könnte: Wie können wir auch in Zukunft auskömmlich und rentabel in unserer Organisation arbeiten, sind Kosten und Einnahmen auf Dauer im Lot. So geht es auch dem Vatikan. Der religiöse Kern entbindet auch die Kirche nicht von Fragen der finanziellen Planung und der damit verbundenen Sorgfalt.”

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Die erste Sitzung des personell neu aufgestellten vatikanischen Wirtschaftsrates hat bereits stattgefunden, und zwar virtuell. Marija Kolak ist Präsidentin des Bundesverbandes der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken. Sie sieht einige Parallelen zwischen diesen traditionsreichen, genossenschaftlich organisierten Banken und dem Vatikan, der in seiner Finanzverwaltung eine Phase des Übergangs und der Reform durchläuft. „Wir haben eine starke Werteorientierung in den Genossenschaftsbanken, und das ist das Herzstück der Institution Kirche. Ebenfalls vergleichbar von der institutionellen Aufstellung her sind die dezentralen Strukturen. Wir haben knapp 850 selbständige Volksbanken und Raiffeisenbanken. Trotzdem gelingt es uns, innerhalb eines Verbundes zusammen zu agieren.” Die Arbeitsteilung erfolge „dezentral und subsidiär”, so wie im Wesentlichen auch in der Kirche. „Das bedingt ein gegenseitiges Grundvertrauen, eine hohe Bereitschaft an Dialog, Kommunikation, Austausch”, so Kolak. Der Ansatz Mensch und menschliches Wirtschaften ist aus Sicht der Verbandspräsidentin eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Genossenschaftsbanken und Vatikan. „Bei den Genossenschaftsbanken haben wir den Grundsatz: Was einer allein nicht schafft, das vermögen viele. Die Kirche hat denselben Ansatz der Gemeinsamkeit, sich gegenseitig zu helfen.”

Nicht zum eigentlichen Kompetenzbereich des von Kardinal Reinhard Marx geleiteten vatikanischen Wirtschaftsrates gehört das Geldinstitut IOR. Die „Vatikanbank“ hat einen eigenständigen Aufsichtsrat, der Wirtschaftsrat hingegen „gibt Leitplanken für den Haushalt des Vatikans, nicht explizit für die Geschäftspolitik der Vatikanbank“, verdeutlicht Kolak.

Markt und Werte gehören zusammen

Seit der internationalen Finanzkrise von 2008 zeigen Banken wieder mehr Interesse am Gemeinwohlgedanken, der Genossenschaftsbanken ihrer ursprünglichen Ausrichtung nach zugrunde liegt und der auch zentral in der katholischen Soziallehre steht. Marija Kolak kann das neu erwachte Interesse nur begrüßen und ist davon überzeugt: „Dieser Impuls der Gemeinsamkeit ist für die Zukunft nochmal wichtiger. Lassen Sie uns an den Bereich Umwelt denken oder an das soziale Miteinander.” Gleichwohl dürfe man bei solchen Unterfangen zugunsten aller die wirtschaftliche Basis niemals ausblenden. Markt und Werte gehörten aber jedenfalls zusammen, wie das auch im deutschen Begriff der sozialen Marktwirtschaft zum Ausdruck komme.

„Der Heilige Vater ist kein Vorstandsvorsitzender“

Den argentinischen Papst Franziskus nimmt Kolak gegen die mancherorts geäußerte Kritik in Schutz, er verstehe nichts von Wirtschaft, sein dauerndes Eintreten für Arme übersehe, dass das für Arme ausgegebene Geld erst einmal verdient werden müsse. „Ich kann diese Sichtweise nicht teilen”, stellt die deutsche Finanzexpertin klar. „Der Heilige Vater ist kein Vorstandsvorsitzender, sondern das spirituelle Oberhaupt der Kirche. Aus diesem Auftrag heraus mahnt er uns am Ende des Tages, auch alle Amtsträger, zu Recht zu Solidarität und Bescheidenheit.“

„Die Berufung und die Struktur des Wirtschaftsrates setzt schon ein Zeichen der Reform“

Die Mitglieder des vatikanischen Wirtschaftsrates sind alle extern, es sind 15, davon acht Kardinäle der Weltkirche und sieben Laien. Die Kardinäle haben ein reiches Portfolio an auch geistlichen Zuständigkeiten, dafür bringen die Laien ihre ausgesprochene Finanz-Expertise ein. Es ist das erste Gremium im Vatikan, in dem Bischöfe und Kardinäle einerseits und Fachleute im Laienstand andererseits dasselbe Stimmrecht haben. „Die Berufung und die Struktur des Wirtschaftsrates setzt schon ein Zeichen der Reform”, vermerkt die deutsche, aus kroatischer Familie stammende Bankexpertin. Sie selbst, übrigens verheiratet und Mutter, ist nicht nur Katholikin, sondern auch aktives Mitglied ihrer Pfarrgemeinde in Berlin. „Ein Grundverständnis zum Glauben und zu den Strukturen kann sicherlich hilfreich sein“ für ihre Aufgabe im Vatikan, urteilt Marija Kolak.

(vatican news - gs)

 

28 September 2020, 10:25