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Erzbischof Paglia: „Alle Menschen im selben Sturm, aber nicht alle im selben Boot...“

Grundlegende Überlegungen zur Coronakrise und den Lehren, die die Menschheit daraus ziehen kann, hat die Päpstliche Akademie für das Leben an diesem Mittwoch vorgelegt. Ihr Präsident, Erzbischof Vincenzo Paglia, hat im Interview mit Radio Vatikan etwas genauer erläutert, was eigentlich die „Lektionen“ sind, die die Pandemie der Menschheit der Analyse des Dokumentes zufolge erteilt hat.

„Sie lehren uns, dass wir zerbrechlich und miteinander verbunden sind, aber auch, dass wir Umweltschäden mit dramatischen Folgen verursacht haben“, unterstreicht Erzbischof Paglia. „Denken wir nur an die Ausbeutung der Umwelt, die Waldrodung und die Umwälzung der natürlichen Lebensräume, die dem Sprung eines Krankheitserregers von einer auf eine andere Art wie hier vom Tier auf den Menschen zugrunde liegt. Eine weitere Lektion, die wir lernen, ist, dass die Wissenschaft auf diese Pandemie keine gesicherten Antworten hat, genauso wie die Politik, die völlig unvorbereitet war und im Gegenzug sogar zu einer Unterschätzung des Risikos verführt.“

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Die Menschheit lerne nun, dass die Gesundheitssysteme verbessert werden müssten, aber vor allem, dass die Gesundheit und das Leben die wichtigsten Werte seien und deswegen geschützt und bewahrt werden müssten, zeigt sich der Erzbischof überzeugt. „Und um das zu tun, müssen wir uns dafür entscheiden, dass die gegenseitige tatsächliche Vernetzung ein Ziel wird, das es zu verfolgen und aufzubauen gilt. Also, der Horizont, der uns rettet, ist derjenige einer tatsächlichen menschlichen Geschwisterlichkeit.“

„Alle Menschen sind in dem selben Sturm, aber nicht alle sitzen im selben Boot“

Eine Lektion, die nicht allen schmeckt, wie auch der Titel des Dokumentes („Unzeitgemäße Überlegungen…“) in Anlehnung an die philosophische Tradition gewissermaßen ironisch hervorhebt. Denn auch wenn alle Menschen gewissermaßen dem selben Sturm unterworfen seien, hieße das noch lange nicht, dass auch alle im selben Boot sitzen, hebt Paglia mit Blick auf alte Menschen, Flüchtlinge und Kinder hervor, die unter der Pandemie und den damit einhergehenden Einschränkungen besonders gelitten hätten und weltweit immer noch leiden.

Und dennoch: „Diese Pandemie hat eine doppelte Bewusstseinsbildung gefördert. Auf der einen Seite lässt sie uns sehen, dass wir alle miteinander zusammenhängen, also das, was in einem Teil der Erde geschieht, alles und alle betrifft, und auf der anderen hat sie das Scheitern einer individualistischen Kultur aufgezeigt, die die menschliche Familie derart zersplittert hat, dass es zu großen Ungleichheiten gekommen ist. Die Ethik des Lebens muss sich auf die Globalität der Erde und der Menschheitsfamilie ausrichten. Wir müssen uns darüber klar werden, dass die Welt seit Februar eine andere ist. Wir können nicht so tun, als würden wir nicht wissen, dass unser Entwicklungsmodell uns an diesen Punkt gebracht und uns alle in die Knie gezwungen hat“, so die schonungslose Analyse des Kirchenmannes mit Blick auf Abermillionen von Infizierten und Millionen von Toten aufgrund des Virus: „Die Wissenschaft, die Politik, die Wirtschaft und auch das Gesetz hinken gegenüber einer Zukunft, die für alle lebenswert sei. Das ist der Grund, aus dem es eine solidarische Vision für die Zukunft braucht. Die Ethik eines solidarischen Lebens ist das, was die Ursachen überwindet, die zu der Pandemie geführt haben.“

„Ethik des Risikos bedeutet das Risiko, nicht nur an sich selbst zu denken“

Dazu brauche es ein Umdenken auf globaler Ebene, betont Erzbischof Paglia. Die „Wiedergeburt”, so unterstreicht es auch das Vatikandokument, könne nur über eine „moralische Umkehr“ erfolgen, die eine „Ethik des Risikos“ beinhaltet. Erzbischof Paglia: 

„Wiedergeburt bedeutet im Kontext der Pandemie, sich um die Zerbrechlichkeit der anderen zu kpmmern, vor allem derjenigen, die das größte Risiko tragen. Wir sind einander anvertraut. Und das erfordert eine wahre moralische Umkehr. Das gilt sicherlich für den Bereich der Umwelt: Papst Franziskus spricht von einer „ökologischen Umkehr“ in seiner Enzyklika Laudato si. Doch es braucht auch eine moralische Umkehr, die die Gewissen aller betrifft und die die Menschen füreinander verantwortlich macht. Und dabei kann die Kirche helfen, angefangen bei den gläubigen Christen. Unter diesem Geschtspunkt bedeutet die Ethik des Risikos, das eigene Leben dem Leben der anderen zu verknüpfen. Es ist das Risiko, nicht nur an sich selbst zu denken. Das erfordert einen Paradigmenwechsel, eine Suche nach neuen Entwicklungen, nach einer Welt, die geschwisterlicher und gerechter ist. “

(vatican news - gc/cs)

22 Juli 2020, 12:00