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Die Direktorin der Vatikanischen Museen, Barbara Jatta Die Direktorin der Vatikanischen Museen, Barbara Jatta  (ANSA)

Museumsdirektorin : Die „wiederentdeckten“ Rahmen des Raffael

Am Vorabend der Wiedereröffnung der Vatikanischen Museen hat Museumsdirektorin Barbara Jatta im Interview mit der Vatikanzeitung „L'Osservatore Romano” von einer erstaunlichen Entdeckung erzählt, die 250 Jahre Geschichte der Vatikanischen Museen Revue passieren lässt.

Barbara Jatta - Vatikanstadt

„Vor zwei Jahren habe ich bei einem Besuch in Santa Maria di Galeria – einer exterritorialen Zone des Vatikans nördlich von Rom, wo die Vatikanischen Museen und andere Institutionen des Heiligen Stuhls Lagerhäuser haben – eine erstaunliche Entdeckung gemacht: zwischen den Regalen eines mit einem Sammelsurium von Gegenständen gefüllten Lagers kam eine große, staubige Kiste mit der Aufschrift ,Rahmen des Raffael' zum Vorschein,“ erzählt die Museumsdirektorin.

Die Verklärung: das letzte Gemälde Raffaels, an dem er bis zu seinem Tod 1520 gearbeitet hat
Die Verklärung: das letzte Gemälde Raffaels, an dem er bis zu seinem Tod 1520 gearbeitet hat

Einige Wochen später sei es dann soweit gewesen: „Die Restauratoren des Labors für die Restaurierung von Gemälden und Objekten aus Holz öffneten die Kiste und fanden darin die Stäbe einiger Rahmen aus altem Kiefernholz und Blattgold, die wir sofort drei berühmten Gemälden Raffaels aus der Vatikanischen Pinakothek zuordnen konnten: dem Altarbild der Oddi-Kapelle, der Madonna von Foligno und der Verklärung.“

Eine außergewöhnliche Entdeckung

Jede Epoche habe ja bekanntlich ihr eigenes ästhetisches Empfinden, so Jatta. Die wiederentdeckten Rahmen würden also nicht nur 250 Jahre Geschichte der Vatikanischen Museen Revue passieren lassen, sondern uns auch einen Einblick in die museographischen Trends und die Auswirkungen des veränderten Kunstgeschmacks geben.

250 Jahre Geschichte

Zum Zweck der Identifizierung habe die Historische Fotothek der Vatikanischen Museen Fotografien der Räume analysiert, in denen die Gemälde Raffaels seit 1816 ausgestellt worden seien, präzisiert Jatta: „Es sind Fotografien, die die Geschichte der Kunstwerke und ihrer Rahmen Revue passieren lässt: von ihrer Ausstellung im Bologna-Saal zur Zeit von Papst Pius IX. über die Verlegung in die Pinakothek von Pio X. im Jahr 1909; ihren Umzug in den Raffael gewidmeten Saal VIII mit den Wandteppichen der Alten Schule und den drei großen vatikanischen Altarbildern – bis zur Verlegung in die neue Pinakothek, die Luca Beltrami für Pius XI. am Tag nach der Unterzeichnung der Lateranverträge konzipierte. In dieser Phase wurden die vergoldeten Rahmen durch schwere Rahmen aus dunklem Nussbaumholz ersetzt.“

Das Altarbild, das Raffeal für die Oddi-Kapelle gemalt hat
Das Altarbild, das Raffeal für die Oddi-Kapelle gemalt hat

Seit dem 27. Oktober 1932, dem Tag der Einweihung der vatikanischen Pinakothek, seien die Kunstwerke also in dieser Form ausgestellt worden – bis man die Rahmen im Zuge des Minimalismus Ende der 1970er Jahre als „zu invasiv und zu schwer“ erachtet und beschlossen habe, sie zu entfernen. Die drei Altarbilder seien also ohne Rahmen belassen, die Predellen der Altarbilder „Oddi“ und „Baglioni“ in getrennten Vitrinen ausgestellt worden.

Der Kunstraub unter Napoleon

Der Gedanke, dass die vergoldeten Rahmen von Gesandten Napoleons angebracht worden seien, wäre naheliegend, so Jatta. Im Zuge des Vertrags von Tolentino (mit dem am 19. Februar 1797 die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Truppen des Kirchenstaats und der französischen Armee Bonapartes beendet wurden) seien italienische Kunstwerke ja bekanntlich von den Altären ihrer ursprünglichen Bestimmungsorte entfernt und ins Louvre-Museum in Paris gebracht worden: dieses Schicksal habe nicht nur die Verklärung aus der Kirche San Pietro in Montorio auf dem römischen Gianicolo-Hügel ereilt, sondern auch das Altarbild aus der Oddi-Kapelle der Franziskuskirche zu Perugia und die Madonna von Foligno aus dem Annakloster der Stadt, nach der das Gemälde benannt ist.

„Auf dem Aquarell von Benjamin Dix, das die Grande Galerie des Louvre zur Zeit der Vermählung des französischen Kaisers mit Marie-Louise von Österreich zeigt, kann man goldene Rahmen erkennen, die den gefundenen sehr ähnlich sind,“ gibt die Museumsdirektorin zu bedenken. Eine Konsultation der Vatikanischen Archive lege nahe, dass die Rahmen der Verklärung und der Madonna von Foligno nach ihrer Rückführung in den Vatikan in den späten 1820er Jahren angefertigt oder angepasst worden seien.

„In Dokumenten des Apostolischen Palasts vom April 1928 und August 1833 scheinen Zahlungen für den vergoldeten Rahmen der Verklärung und Dekorarbeiten aus „gutem Gold“ für die Madonna von Foligno auf, deren Rahmen älter zu sein schien als die anderen, was nahelegt, dass er aus aus napoleonischer Zeit stammen könnte,“ so die Museumsdirektorin, die abschließend präzisiert:

„Im Vorfeld des diesjährigen Raffael-Jahres wurde 2019 als letztes der drei Kunstwerke auch das Altarbild „Oddi“ restauriert. Saal VIII der Vatikanischen Pinakothek ist daher nun vollständig renoviert. Mit den prachtvollen Wandteppichen, die Darstellungen aus der Apostelgeschichte zeigen, und den drei prächtigen Gemälden des Malergenies Raffael in ihren „wiederentdeckten“ Goldrahmen, erstrahlt der Raffael-Saal nun endlich wieder in seinem ursprünglichen Glanz.“

(vatican news -skr)

02 Juni 2020, 13:13