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Papst Franziskus beim Gottesdienst mit einem Indigenenvertreter Papst Franziskus beim Gottesdienst mit einem Indigenenvertreter  (AFP or licensors)

Querida Amazonia: „Ein anti-triumphalistisches Papstschreiben“

Die postsynodale Exhortation „Querida Amazonia” verzichtet bewusst auf ein Machtwort. Das fällt unserer Kollegin Gudrun Sailer auf, die für uns vergangenen Oktober die Amazonien-Synode von innen beobachtet hat. Ein Kollegengespräch.

Papst Franziskus hat sein mit Spannung erwartetes Schreiben zur Amazonien-Synode vorgelegt. Was steht bei „Querida Amazonia“ inhaltlich im Fokus?

Gudrun Sailer: Das ist gar nicht leicht zu sagen, es ist ein Text mit vielen Epizentren. Er richtet sich ja auch an ein breites Publikum, zum einen an die katholischen Gläubigen, zum anderen an alle, die dem Papst überhaupt zuhören wollen, „an die Menschen guten Willens“, wie die Formel dazu immer heißt. Und das passt, weil es um Themen geht, die alle betreffen: Ökologie, gerechtes Wirtschaften, Menschenrechte als globale Themen, die in Amazonien akut werden, und im engeren, kirchlichen Bereich geht es um Seelsorge und Kirchesein in diesem riesigen Gebiet. Alles hängt mit allem zusammen.

Dann andersherum: Was sticht inhaltlich heraus an dem Papstschreiben?

Gudrun Sailer: Kraftvoll finde ich, wie der Papst über die soziale Frage in Amazonien schreibt. Was einige Konzerne in Amazonien anrichten, ist ein Verbrechen, schreibt der Papst rundheraus und zählt auf, was in der Synode massiv zur Sprache kam: Morde an Indigenen, Brandstiftung, Korruption, Sklaverei, Drogenhandel, „Mittel bar jeder Ethik“, heißt es wörtlich. Und dann die Aufforderung an uns alle: Empört euch! Das ist dasselbe „Indignez-Vous“, das vor einigen Jahren der betagte französische Diplomat Stephane Hessel vortrug und das zum Banner sozialer Protestbewegungen gegen den Finanzkapitalismus wurde. Franziskus begründet diesen Imperativ „Empört euch!“ biblisch, nennt Moses, Jesus und Gott, die zornig wurden angesichts von Ungerechtigkeit. Zugleich stellt der Papst klar: Wir können diese Ungerechtigkeit beenden. Es ist immer möglich, koloniale Mentalitäten zu überwinden. Man kann nachhaltige Alternativen suchen. Und die Hauptgesprächspartner müssen die Armen sein. Von ihnen müssen wir lernen, sie müssen wir um Erlaubnis bitten, unsere Vorschläge darzulegen. Das ist die Haltung des Hörens, die Papst Franziskus so oft beschworen hat.

Was sagt Franziskus zu den Gläubigen der katholischen Kirche, was schreibt er in „Querida Amazonia“ über innerkirchliche Belange?

Gudrun Sailer: Was im deutschen Sprachraum sofort die Schlagzeilen bestimmte, war, dass der Papst keine Öffnung für die Priesterweihe von Ständigen Diakonen verfügt hat, wie die Synode vorgeschlagen hatte. Dem Papst geht es, und das wissen wir seit „Evangelii Gaudium“ 2013, um die Verkündigung, um den missionarischen Schwung, darum, dass die Frohe Botschaft ankommt, dass sie den letzten Winkel Amazoniens durchdringt. Das, und nichts Anderes, ist für ihn zentral. Er wollte davon offenbar keine Ablenkung durch eine so umkämpfte Frage wie die der viri probati. Er hat aber auch nicht geschrieben, es geht nicht. Er hat das Thema einfach ausgespart. Zum unbestreitbaren Priestermangel im Amazonien hat er angeregt, die Bischöfe der neun Amazonasländer sollen mehr Priester in den Regenwald schicken statt nach Nordamerika und Europa.

Und das Thema Frauen?

Gudrun Sailer: Die Synodalen hatten ja dafür geworben, das Thema Frauendiakonat offenzulassen. Franziskus wiederholt in diesem Schreiben, dass die Priesterweihe für Frauen nicht in Frage kommt, damit schließt er auch den Diakonat als Weiheamt für Frauen de facto aus, und das hat er noch selten so klar wie hier getan. Er will Frauen nicht klerikalisieren. Er setzt sehr auf die Kraft von Laien, darunter Frauen, auf eine Identität der Laien, eine kirchliche Kultur, die von Laien geprägt ist; er befürwortet ausdrücklich, dass Laien Gemeinden leiten, was sie in Amazonien de facto ohnehin längst tun, und der Papst findet das gut. Die Frauen sollen auch Zugang zu kirchlichen Diensten haben, sofern sie nicht die Weihe erfordern, Dienste, die es ihnen ermöglichen, ihren Platz besser auszudrücken. Und er begrüßt es, wenn Frauen wirklich Einfluss nehmen können auf die wichtigsten Entscheidungen und bei der Leitung von Gemeinschaften.

Du warst bei der gesamten Amazoniensynode im vergangenen Oktober dabei. Kannst du den gedanklichen Weg nachvollziehen, den Papst Franziskus von der Synodenaula bis zu seinem Schreiben gemacht hat?

Gudrun Sailer: Ja. Es sind Reflexionen und Vertiefungen über das, was er gehört und wahrgenommen hat in diesem synodalen Prozess. Franziskus stellt aber auch klar, dass er mit seinem eigenen Dokument, das zum päpstlichen Lehramt gehört, das Schlussdokument nicht gleichsam über den Haufen wirft. Deshalb zitiert er es nicht einmal, sondern lädt ausdrücklich dazu ein, es ganz zu lesen. Stattdessen zitiert er, eher überraschend, das Arbeitsinstrument zur Synode, das Instrumentum Laboris, das verschiedentlich Kritik erfahren hatte und dann als „Märtyrerdokument“ zerfleischt werden musste, damit daraus die Arbeit der Synode erwachsen konnte, und das seinerseits im Schlussdokument nicht zitiert wird.

Es ist ja auch sofort Gegenstand der Interpretation geworden, welche Verbindlichkeit jetzt das Schlussdokument hat und welche Verbindlichkeit das nachsynodale Schreiben des Papstes. Was kann man dazu sagen?

Gudrun Sailer: Franziskus hätte das Schlussdokument der Amazoniensynode offiziell approbieren können, dann wäre es Teil des päpstlichen Lehramtes geworden. Diese Möglichkeit gibt es seit der neuen Synodenordnung von 2018. Aber das hat er nicht getan. Er schreibt: Hiermit möchte ich das Schlussdokument offiziell vorstellen. Da haben viele Leute mitgearbeitet, die Amazonien besser kennen als ich und meine Mitarbeiter an der Kurie, Leute, die in Amazonien leben und es lieben. Bitte lest ihr Dokument, Gott gebe, dass sich die ganze Kirche von dieser synodalen Arbeit bereichern lässt und dass alle sich um die Umsetzung bemühen. Vom Zugang her ist das eher ungewöhnlich – hier das Schlussdokument des Papstes, dort das Schlussdokument der Synode, in nicht ganz klarem Verhältnis zueinander.

Wie interpretierst du das?

Gudrun Sailer: Franziskus will das Schlussdokument der Synode nicht übertrumpfen, noch übrigens irgendeines seiner eigenen Schreiben, er geht in keinem Punkt wirklich über etwas hinaus, das er nicht schon geschrieben hätte. Ich würde sagen, „Querida Amazonia“ ist ein ganz anti-triumphalistisches Papstschreiben. Da wird kein Machtwort gesprochen. Auch das nicht, das manche sich von Papst Franziskus gewünscht hätten.

(vatican news)

12 Februar 2020, 15:19