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Der Vatikan, das Klima und die Indigenen – ein Interview

Kein Geringerer als der Papst hat es vor einer Woche schriftlich angekündigt: Der Heilige Stuhl will sich einem internationalen Klima-Abkommen anschließen. Konkret geht es um die sogenannten Kigali-Änderungen am Protokoll von Montreal – das ist ein internationales Abkommen aus den achtziger Jahren zum Schutz der Ozonschicht.

Stefan von Kempis –Vatikanstadt

„Das ganze Protokoll von Montreal ist wichtig“, erklärt uns der Salesianerpater Joshtrom Kureethadam. Der Inder ist im Vatikan-Dikasterium für ganzheitliche Entwicklung zuständig für die Themen Ökologie und Bewahrung der Schöpfung. „Wir sind fast hundert Länder, die es unterzeichnet haben. Es geht um den Schutz der Ozonschicht und, damit zusammenhängend, um eine Reduzierung der Erwärmung der Erdatmosphäre. Papst Franziskus ermuntert die internationale Gemeinschaft dazu, auf diesem Weg weiterzugehen.“

„Ein Leader wie Papst Franziskus kann Menschen inspirieren“

Der Heilige Stuhl tritt also dem Abkommen bei – auch wenn man sich fragen darf, ob das bei einem so kleinen Staat überhaupt ins Gewicht fällt. „Das ist eine gute Frage!“, sagt Father Kureethadam. „Ich denke, die Bedeutung des Vatikans hängt weniger an der Größe seines Staatsgebiets als vielmehr an seinem moralischen Gewicht. Ein Leader wie Papst Franziskus kann Menschen inspirieren, und der Vatikan wird mehr und mehr zu einer moralischen Stimme in der Welt.“

Zum Nachhören

Dass der Heilige Stuhl mal ein internationales Abkommen ratifiziert, kommt allerdings ausgesprochen selten vor. Wie fällt denn die Entscheidung, welchem Vertrag der Vatikan beitreten sollte und welchem lieber nicht?

„Man kann unter Vorbehalt unterzeichnen – das ist eine Lösung“

„Es gibt da viel zu bedenken. Manchmal unterzeichnet der Vatikan ein Abkommen nicht, weil es darin Elemente gibt, die ihm nicht behagen, etwa was Maßnahmen zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums betrifft. Aber in der Regel ist die Kirche sehr offen, und in der letzten Zeit wird uns der Beitritt zu Abkommen dadurch erleichtert, dass die UNO mittlerweile erlaubt, bei der Unterzeichnung Vorbehalte anzumelden. Man kann unter Vorbehalt unterzeichnen – das ist eine Lösung. Wir wählen also immer aus, aber in neuerer Zeit gibt es die Tendenz, mit der ganzen internationalen Gemeinschaft Schritt zu halten. Dabei vergessen wir allerdings nicht unsere Identität; darum gegebenenfalls die Vorbehalte.“

Die Sonder-Bischofssynode zum Thema Amazonien vom letzten Oktober war nach seinem Empfinden eine „sehr, sehr positive Erfahrung“.

Den Indigenen zu Füßen sitzen

„Trotz der Kontroversen – aber die sind eigentlich Teil des Dialogs, bei dem es ja unterschiedliche Positionen gibt. Wie Papst Franziskus immer gesagt hat: Der wahre Akteur in der Synode ist der Heilige Geist. Wir kommen mit unseren Ideen und dem Blickwinkel unseres spezifischen Kontextes, dann hören wir aufeinander, und am Schluss macht der Heilige Geist es möglich, das alles zusammenzuführen. Ich war wirklich froh, als ich gegen Ende der Synode gesehen habe, wie alles trotz der wirklich starken Spannungen in Richtung Konvergenz ging. Mir hat die Synode auch gefallen, weil wir im Geist von Laudato si‘ (der Schöpfungsenzyklika von Papst Franziskus) zu den Füßen unserer indigenen Brüder und Schwestern sitzen sollten – die haben über Tausende von Jahren unseren Planeten bewahrt, unser gemeinsames Haus. Sie haben die Weisheit und Demut, weil sie der Erde so nahe sind.“

Den indischen Salesianer hat das Bild beeindruckt, wie Papst Franziskus und die Synodenväter buchstäblich zu Füßen der Indigenen gesessen hätten. „Und ihre Stimmen wurden gehört! Also wirklich, eine sehr, sehr positive Erfahrung.“

Das erste Gebot: Pflegt den Garten Eden

Was sagt er aber auf den Einwand vieler Kritiker, die Kirche kümmere sich mittlerweile allzu sehr um Ökologie und nicht genug um das Heil der Seelen?

„Nun, auch das hängt vom christlichen Menschenbild ab. Bis hin zur Moderne wurde der Mensch, etwa unter dem Einfluss von Descartes, dualistisch gesehen, aber das ist nicht die christliche, integrale Sicht des Menschen. Wir sind Geist und Materie, die Inkarnation unterstreicht das. Wir glauben, dass Gott die Erde geschaffen hat. Wenn wir uns also um die Schöpfung kümmern, dann müssen wir auf das allererste Gebot hören, das Gott der Menschheit gegeben hat (vgl. Gen 2,15). Gott sagt Adam und Eva, sie sollten sich um den Garten Eden kümmern, ihn pflegen und bebauen. Das ist also unsere Berufung!“

Erst Brot verteilen, dann zur spirituellen Dimension erziehen

Die Bewahrung der Schöpfung stehe also keineswegs im Widerspruch zur buchstäblich als solche verstandenen Seelsorge. „Wenn also jemand sagt: Kümmert euch nur um die Seelen!, dann ist das ein reduziertes Bild vom Christentum. Schauen wir doch auf die großen Heiligen, von St. Ambrosius bis hin zu Mutter Teresa von Kalkutta… Ich bin ein Don-Bosco-Priester, und Don Bosco hat damit angefangen, den Kindern auf der Straße etwas Brot zu essen zu geben. Erst danach kann man sie dann zur spirituellen Dimension erziehen. Die Synode ist im Grunde genau so vorgegangen.“

(vatican news)
 

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14. November 2019, 08:37