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Unbekanntes Rom: Auf den Spuren der frühen Christen

Der Celio ist einer sieben Hügel Roms. Zur Kaiserzeit war er eine beliebte Wohngegend für die Mächtigen und Reichen, weiter unten wohnten die Normalsterblichen. Im Mittelalter ging es mit der Ewigen Stadt bergab – und davon blieb auch der Celio-Hügel nicht verschont: die Menschen zogen weg, die Kirchen und Klöster blieben. Und mit ihnen auch die Zeugnisse der ersten Christen.

Silvia Kritzenberger – Vatikanstadt

Seit Anbeginn der Christenheit war Rom das Herz der katholischen Kirche. Hier sind die Apostelfürsten Petrus und Paulus den Märtyrertod gestorben – und mit ihnen Tausende der ersten Christen. Deren frühe Gemeinden pflegten sich in Kulträumen in Privatwohnungen zu versammeln: den sogenannten „Domus Ecclesiae“ (Hauskirchen). Der Überlieferung nach sind die meisten Kirchen Roms über diesen Häusern der ersten Christen entstanden.

Ein einzigartiges archäologisches Areal

Auf dem Celio-Hügel befindet sich ein einzigartiges archäologisches Areal: die „Römischen Häuser“ und die antike Basilika der heiligen Märtyrer Johannes und Paulus. Wir haben Marina Giustini, Archäologin und Führerin in den antiken römischen Häusern auf dem Celio-Hügel, gebeten, uns mehr darüber zu erzählen.  

Zum Nachhören

„Die Entdeckung der römischen Häuser ist vielleicht eine der bewegendsten Episoden der christlichen Archäologie,“ erzählt Marina Giustini. „Um das Jahr 1887 hat der Rektor der Basilika, Pater Germano di San Stanislao, hier Ausgrabungen vornehmen lassen. Er hatte die von dem römischen Senator Pammachius verfasste Passio gelesen – die einzige Quelle, die wir über das Martyrium der Heiligen Johannes und Paulus haben. Der Überlieferung nach sollen die beiden Brüder hochrangige Offiziere im Heer Kaiser Konstantins gewesen sein, die wegen Kultverweigerung in ihrem Haus auf dem Celio-Hügel enthauptet und dort auch beigesetzt wurden.“

Die Übereinstimmung mit den antiken Texten

Pater Germano wusste nicht, was er bei seinen Ausgrabungen vorfinden würde, aber schon die ersten Funde waren verblüffend: alles schien die in der „Passio“ geschilderte Überlieferung zu bestätigen.

„Die erste Überraschung, die unter der frühchristlichen Basilika aus dem 4. Jahrhundert zu Tage kam, waren die Reste einer Domus, führt die Archäologin weiter aus. „Was Pater Germano verblüffte, waren die gut erhaltenen Fresken, in denen er eine christliche Thematik zu erkennen glaubte. Wir haben hier zum Beispiel diese schöne Szene einer Weinlese. In diesem Fall hat sich Pater Germano allerdings irreführen lassen, weil die Datierung und der Kontext nicht auf eine christliche Ikonographie hinweisen. Er war sich aber sicher, dass er auf dem richtigen Weg war.“

Was Pater Germano gefunden hatte, waren die Reste einfacher römischer Wohn- und Geschäftshäuser, die man später in eine elegante Villa eingegliedert hat, mit weitläufigen Räumen, einer Thermalanlage und einem eleganten Innenhof mit Marmorfußboden. Die Ausgrabungen gingen weiter – und dann fand Pater Germano einen der schönsten Räume der römischen Häuser auf dem Celio-Hügel…

„Wir befinden uns hier im Saal der Betenden,“ erläutert Marina Giustini. „Die Figur, die in der typischen Gebetshaltung der Christen dargestellt ist, mit gen Himmel ausgebreiteten Armen, offenen Händen und bedecktem Haupt, hat man spontan mit den vielen Betenden-Figuren aus derselben Zeit in Zusammenhang gebracht, die wir in der Ikonographie der römischen Katakomben finden. Es sind Fresken, die Anfang des 4. Jahrhunderts n. Chr. gemalt wurden, sich also mit ziemlicher Gewissheit auf die Zeit vor dem Toleranzedikt von Mailand des Jahres 313 datieren lassen.“

Die Hauskirchen der frühen Christen

Doch auch andere christliche Themen sind in diesem Raum zu finden: Männerfiguren, die mit der typischen Tunika der Philosophen angetan sind, dem Gewand der Weisheit, in dem man auch die Apostel darzustellen pflegte. Und Tierdarstellungen, Ziegen und Lämmer – alles Elemente, die dafür sprechen, dass es sich bei dieser Wohnanlage tatsächlich um eine der Hauskirchen gehandelt haben könnte, in denen sich die Christen heimlich zum Gebet versammelten.

In der „Passio“, die Pater Germano zu den Ausgrabungen veranlasst hatte, wird die Nische unter einer Treppe als der Ort beschrieben, an dem sich die Gräber der Heiligen Johannes und Paulus befanden. Tatsächlich seien bei den Ausgrabungen eine Treppe und eine Nische ans Tageslicht gekommen, weiß Marina Giustini zu berichten. Und in der Nische habe man menschliche Überreste gefunden.

„Eines der ältesten Zeugnisse christlicher Präsenz in dieser Domus ist die kleine confessio: eine christliche Kapelle mit Fresken, die auf die 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts zurückgehen. Ursprünglich befand sich hier das Erdgeschoss der insula. Dass diese kleine Kapelle hier entstand, weist natürlich auf die Präsenz eines für die Gläubigen wichtigen Elementes hin. Im Zuge der Umbauarbeiten, die hier im 4. Jahrhundert vorgenommen wurden, wurde eine 2. Treppenstiege angelegt, die den zügigen Fluss der Gläubigen gewährleistete, die hierher kamen, um in dieser Kapelle zu beten.“

Doch die „Passio“ weiß auch zu berichten, dass hier nicht nur Johannes und Paulus den Märtyrertod erlitten. Mit ihnen starben noch drei weitere Christen: Crispus, Crispinianus und Benedicta.

„Die hier dargestellten Szenen erinnern tatsächlich an einen Passus aus der Passio,“ beschreibt die Archäologin die Freskendarstellungen in der confessio. „Links sehen wir drei Figuren: zwei Männer und eine Frau, die von den römischen Soldaten abgeführt werden. Es könnte sich um Crispus, Crispinianus und Benedicta handeln, drei Gläubige, die das Grab der Heiligen Johannes und Paulus aufsuchten und deshalb verhaftet und enthauptet wurden. Auf der rechten Seite ist in der Tat der dramatische Moment dargestellt, der der Enthauptung vorausgeht. Es ist eine der ältesten Darstellungen eines Martyriums, die wir in Rom finden. Und dass es sich hier um die Szene eines Martyriums handelt, sieht man an der Haltung der drei Figuren, die mit gebeugtem Haupt, kniend, mit am Rücken zusammengebundenen Händen dargestellt sind. In der Mitte unten haben wir die Figur eines Betenden, zu seinen Füßen Pammachius und seine Gattin Paulina. Darüber ist eine Öffnung zu erkennen, bei der es sich um die fenestella confessionis handeln könnte: die Öffnung also, die normalerweise über Märtyrergräbern einen fast schon körperlichen Kontakt zwischen dem Gläubigen und dem darunterliegenden Grab möglich machte.“

„Paulusque Ioannes“: Eine Inschrift, die Rätsel aufgibt

Und hier, gleich neben der confessio im Obergeschoß der Wohnanlage der römischen Häuser, hat Pater Germano eine Inschrift entdeckt, mit der sich das Rätsel um die Geschichtlichkeit der Märtyrer Johannes und Paulus vielleicht lösen lässt: „Paulusque Ioannes.“ Nur ein Fragment dieser Inschrift - drei Buchstaben: ein „n“, ein „I“, und ein „s“ stammten aus dem Altertum, erläutert Marina Giustini. Der Rest sei auf der Grundlage eines Textes rekonstruiert worden, der Papst Damasus I. zugeschrieben wird und uns durch eine mittelalterliche Sammlung von Epigrammen überliefert wurde, die dieser Papst den Märtyrern und Heiligen gewidmet hat. Ob die Inschrift allerdings tatsächlich Papst Damasus zugeordnet werden könne, sei ungewiss, so Giustini.

Wenn man aber alle Elemente in Betracht zieht – die christlichen Symbole in der Domus, das Fragment einer Inschrift, die Papst Damasus zugeschrieben wird, die Kapelle unter der Treppe und die Fresken mit der Darstellung des Martyriums, könne man doch annehmen, dass die antike „Passio“ wahre Begebenheiten überliefert habe.

Zeugen der Verehrung der Gläubigen seien auch die antiken Graffiti, die an den Wänden der Domus zu finden sind, so Giustini weiter: „Die Domus der Heiligen Johannes und Paulus war über die Jahrhunderte hinweg ein begehrtes Pilgerziel, wie wir an diesem Schiff hier sehen, das in die Wand eingeritzt wurde. Bereits seit der Errichtung der Basilika sind die Pilger hierher zu den Märtyrergräbern geströmt.“

Seit der Errichtung der Basilika auf dem Celio-Hügel hat man die beiden frühchristlichen Märtyrer also hier verehrt. Ihre Namen wurden auch in den Messkanon eingefügt. Priester aus aller Welt nennen bei der Eucharistiefeier die Heiligen Johannes und Paulus – und bitten Gott, uns um ihrer Verdienste willen seinen Schutz zu gewähren.

Hintergrund

Die römischen Häuser auf dem Celio-Hügel wurden Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt. Für Besucher geöffnet sind sie allerdings erst seit 2002. Wer die Case Romane besuchen möchte, kann sich auf der entsprechenden Homepage informieren.

(vatican news)

01 Oktober 2019, 11:47