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Villa Giorgina, Sitz der Nuntiatur in Italien Villa Giorgina, Sitz der Nuntiatur in Italien  (ANSA) Leitartikel

Fall Orlandi: Die Knochen unter dem Boden der Nuntiatur

Die Untersuchungen im Campo Santo Teutonico blieben ohne Erfolg. Bereits vor einem Jahr wurde bei der Entdeckung menschlicher Überreste im Keller des römischen Hauses der Nuntiatur in Italien über den Fall Orlandi spekuliert. Auch damals wurde ohne Begründung ein Zusammenhang mit dem Verschwinden von Emanuela Orlandi in Verbindung gebracht.

Andrea Tornielli und Mario GalganoVatikanstadt

Als die Knochen in der Nuntiatur gefunden wurdne, hatte dies ein beträchtliches Medienecho hervorgerufen und jener Fund wurde in irgendeiner Weise versucht, ohne jegliche Grundlage, mit dem Verschwinden von Emanuela Orlandi in Verbindung zu bringen. Es stellte sich bald heraus, dass die Entdeckung menschlicher Überreste von Individuen stammten, die in den ersten Jahrhunderten der christlichen Ära lebten. Das Besondere an dem Fund war, dass sie in einem Gebäudeteil der Apostolischen Nuntiatur in Italien gefunden wurden. Doch es war ein Zeichen des guten Willens des Heiligen Stuhls mit den italienischen Behörden zusammenzuarbeiten und für Transparenz zu sorgen.

Der Anruf

Am Nachmittag des 26. Oktober 2018 traf beim Gendarmeriekommando des Vatikans ein Antrag auf eine Intervention bei der Apostolischen Nuntiatur in Italien ein. Das Eingreifen der Gendarmen beantragte Mauro Villarini, Leiter der vatikanischen Güterverwaltung APSA, auf Ersuchen des Unterstaatssekretärs, Giuseppe Russo. In einem Raum im Keller der Portierresidenz, der Teil des Komplexes „Villa Giorgina“ (Sitz der Nuntiatur) ist, hatten einige Arbeiter während der Renovierungsarbeiten für den Wiederaufbau des Pflasters ein Skelett und andere Fragmente von Knochen gefunden. Der Kommandant der Gendarmen, Domenico Giani, hatte sofort seine Männer geschickt. Anwesend waren der apostolische Nuntius Paul Tscherrig, die beiden Nuntiaturenräte und die Architektin Annalisa Zilli, eine Mitarbeiterin der APSA, die die einer Firma anvertrauten Arbeiten überwachte.

„Villa Giorgina“

Der Komplex befindet sich in der Via Po 27 in Rom und bildet ein geschlossener Raum zwischen der Via Po, der Via Salaria, der Via Iacopo Peri und der Via Giulio Caccini. Das Gebäude wurde 1920 erbaut, der erste Besitzer war der Turiner Industrielle und Senator des Königreichs Isaia Levi, der die Villa nach seiner Tochter benennen wollte. Isaia Levi, der zum Katholizismus konvertierte, wollte seine römische Residenz 1949 Papst Pius XII. als Dank für die Hilfe überlassen, die er während der Jahre der Rassenverfolgung und der Besetzung der Hauptstadt durch die Nazis erhalten hatte. Zehn Jahre später, 1959, beschloss der neue Papst Johannes XXIII., an diesen Ort die Büros der Nuntiatur des Heiligen Stuhls in Italien zu verlegen, die von 1929 bis dahin in einer Villa in der Via Nomentana untergebracht waren.

Das Haus des Portiers

Das Gebäude des Torhauses der „Villa Giorgina“, das vom Hauptgebäude der Residenz des Apostolischen Nuntius und den Büros getrennt ist, besteht aus einer Wohnung, die sich im Erdgeschoss und im Untergeschoss befindet. Im ersten von zwei Kellerserviceräumen fanden die Arbeiter die menschlichen Überreste, die in die Wand am Fenster mit Blick auf die Via Po eingebettet waren.

Die Inspektion von Professor Arcudi

Im Einvernehmen mit den Vorgesetzten des Staatssekretariats ließ der Kommandant der Gendarmen am selben Nachmittag Giovanni Arcudi, einen der Experten für forensische Anthropologie, Professor für forensische Medizin an der Tor Vergata-Universität, ehemaliger Mitarbeiter des Gendarmerie-Korps des Vatikans, einschreiten. Nach einer ersten morphologischen Analyse glaubte Arcudi, dass es unmöglich sei, das Geschlecht der unter dem Boden gefundenen Überreste zu bestimmen, und wies darauf hin, dass für das in die Wand eingebettete Skelett spezielle Dissepulturtechniken angewendet werden müssten.

Die Intervention der italienischen Justiz

Die betroffenen Räumlichkeiten wurden beschlagnahmt und die gesamte Wohnung versiegelt. Es wurde auch um die Intervention der wissenschaftlichen Polizei und des mobilen Einsatzkommandos des römischen Polizeipräsidiums gebeten, die eine erste technische Inspektion durchführten. Sofort informierte auch der Generalstaatsanwalt von Rom, Giuseppe Pignatone, der die Ermittlungen führt, den stellvertretenden Staatsanwalt Francesco Dall'Olio. Der Staatsanwalt sorgte dafür, dass das gesamte geborgene Material – das Skelett und die Knochenfragmente – gesammelt und in der Untersuchungsdirektion der Staatspolizei aufbewahrt werden sollten.

Die Meinung des Archäologen

In der Zwischenzeit bat die Vatikanische Gendarmerie Professor Giandomenico Spinola, Leiter der Abteilung für griechische und römische Antiquitäten der Vatikanischen Museen, der in der Vergangenheit bereits Erhebungen in der Gegend der „Villa Giorgina“ durchgeführt hatte, um Stellungnahme. Spinola zeigte anhand zahlreicher Unterlagen, wie die „Villa Giorgina“ am Ende der republikanischen Ära und des frühen römischen Kaiserzeitalters im Bereich einer Nekropole aufstieg. Bereits in den 1920er Jahren wurden bei Ausgrabungsarbeiten für die Fundamente und für den Bau der Grenzmauer des Komplexes Materialien gefunden, die sich auf alte Bestattungen beziehen.

Kohlenstoffdatierung: Römische Überreste

Die von der Wissenschaftspolizei mit Kohlenstoffdatierung durchgeführten Untersuchungen führten dazu, dass die Knochenfunde auf eine Zeitspanne zwischen 90 und 230 der christlichen Ära zurückgingen. Angesichts des Ergebnisses der Ermittlungen stellte die Staatsanwaltschaft einen Antrag auf Abweisung des Verfahrens gegen unbekannte Personen mit der Hypothese des Mordes.

(vatican news)

28 Juli 2019, 16:29