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Fakten zur Missbrauchsaufarbeitung in der katholischen Kirche Fakten zur Missbrauchsaufarbeitung in der katholischen Kirche 

Faktencheck: Missbrauchsaufarbeitung in der katholischen Kirche

Die Kinderschutzkonferenz rückt immer näher: Vom 21. bis 24. Februar sollen sich die Vorsitzenden aller nationalen Bischofskonferenzen sowie Vertreter katholischer Orden über mögliche Wege aus der Missbrauchskrise austauschen. Doch was ist bisher passiert? Hier einige Fakten zur Missbrauchsaufarbeitung in der katholischen Kirche!

Was versteht man unter dem Missbrauchskandal?

Unter sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche fällt jegliches sexuelles Vergehen an Minderjährigen durch kirchliche Amtsträger (vor allem Priester) seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Das heißt, es ist nicht nur von sexuellem Missbrauch durch Priester die Rede, sondern beispielweise auch durch Religionslehrern oder Diakone. Auch Sexualtaten in von der katholischen Kirche geführten Einrichtungen – wie etwas Schulen oder Heime -  fallen unter den Begriff.

Zum Nachhören

Wann sind die Fälle geschehen? 

Mitte der 80er Jahre kamen erste Fälle ans Tageslicht. Genauer gesagt im Jahr 1985: Zu diesem Zeitpunkt wurden in den USA erste Berichte von minderjährigen Opfern öffentlich. Ein Großteil der Fälle sind bisher in den USA, Australien und Westeuropa bekannt. Experten vermuten jedoch, dass der Skandal auch Länder der sogenannten Dritten Welt erfasst. 

Seit wann wird dagegen vorgegangen?

Erst deutlich später wurde innerhalb der katholischen Kirche ein Bewusstsein für das Problem entwickelt. Den Startschuss gaben damals Irland und die USA: Die dortigen Bischofskonferenzen führten im Jahr 1996 strengere Richtlinien für den Umgang mit Missbrauchsvorwürfen ein. In Europa wurden teilweise erst in den 2000er Jahren erste Maßnahmen ergriffen.

Welche sind die Hauptprobleme?

Der Hauptvorwurf bei der Missbrauchsaufarbeitung in der katholischen Kirche lautet Vertuschung. Insbesondere was die Strafanzeige und kirchenrechtliche Verfolgung der Täter angeht, wurden Fehler gemacht. Täter blieben häufig im Amt und hatten so weiterhin Zugang zu jungen Menschen und Kindern. Teilweise wurden die Beschuldigten aber auch versetzt. Die Opfer wurden hingegen dazu angehalten, mit ihrem Leid nicht an die Öffentlichkeit zu gehen und keine Strafanzeige gegen ihre Peiniger zu erstatten. Experten sprechen in diesem Zusammenhang auch von systematischer Verleumdung der Opfer und einem kollektiven Wegschauen.

Welche waren die ersten Maßnahmen?

Lange Zeit sah die Kirche den Missbrauchsskandal als eine Diözesen interne Angelegenheit. Papst Johannes Paul II. hat zumindest in den ersten Jahren das Ausmaß und die Schwere des Problems nicht erkannt.

Unter Kardinal Josef Ratziger (also dem späteren Papst Benedikt XVI.) leitete die Glaubenskongregation erste Schritte ein: Seit 2001 ist sie für die Durchführung kirchlicher Strafverfahren gegen Beschuldige Geistliche zuständig. So sollte vermieden werden, dass Missbrauchsfälle vertuscht werden.

Auch als Papst Benedikt XVI. schenkte er dem Thema deutlich mehr Aufmerksamkeit: Als erster Papst traf er im Jahr 2008 erstmals Opfer sexuellen Missbrauchs. In einem Hirtenbrief von 2010 brachte Benedikt XVI. sein Bedauern über die Missbrauchsfälle zum Ausdruck und bat um Verzeihung.

Auch Papst Franziskus machte den Missbrauchsskandal zu einem zentralen Thema: Er trifft sich regelmäßig mit Opfern und hat für Ende Februar eine Kongress im Vatikan einberufen. Geistliche sollen sich dort gemeinsam über den Umgang mit Missbrauchsfällen, Präventionsmaßnahmen und Kinderschutz austauschen.  

Wie sieht es mit Deutschland aus?

Der sogenannten MHG-Studie der Deutschen Bischofskonferenz zufolge wurden zwischen 1946 und 2014 insgesamt 3.677 minderjährige Opfer sexuellen Missbrauchs gezählt. Was die Präventionsmaßnahmen angeht, so besteht aus Sicht der stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Claudia Lücking-Michel, in den 27 Bistümern in Deutschland mehr Handlungsbedarf. Gegenüber dem BR sagte sie, die von der Deutschen Bischofskonferenz im Jahr 2013 vorgelegten Leitlinien, würden nicht flächendeckend umgesetzt.

Wer sind die Täter und die Opfer?

Studien zufolge wurden vier Prozent der Priester der untersuchten Zeiträume des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Nur ein kleiner Teil der Täter ist als pädophil diagnostizierbar. Es wurde hingegen ein deutlicher Zusammenhang zwischen Missbrauchshandlungen und Alkoholismus, Depression, Vereinsamung und sozialen Schwierigkeiten festgestellt. Es wurde zudem festgestellt, dass die Täter ihre erste Sexualität durchschnittlich mit Ende Dreißig begingen.

Ein Großteil der Opfer war männlich (circa Zweidrittel). Wie auch eine irische Studie aufzeigte, waren Erziehungsheime für Jungen besonders häufig betroffen, dort wurden Täter auch kaum strafrechtlich verfolgt.

Wie steht es mit dem Zölibat?

Über dieses Thema scheiden sich die Geister: Experten sind sich aber einig, dass das Zölibat kein Alleinauslöser ist. Einige sehen darin jedoch für bestimmte Personen einen Risikofaktor. Zum Beispiel für Menschen, die sich nicht richtig mit ihrer Sexualität auseinandergesetzt haben. Andere Wissenschaftler argumentieren hingegen, dass zölibatär lebende Männer statistisch gesehen deutlich seltener Täter pädosexuellen Missbrauchs werden als nicht zölibatär lebende Männer.

(kleine zeitung/br/spiegel online – rl)

16 Februar 2019, 12:35