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Papstbrief an US-Bischöfe: Eine Einordnung Papst Franziskus 

Papstbrief an US-Bischöfe in Sachen Missbrauch: Eine Einordnung

Selbstkritik, Brüderlichkeit und Offenheit zum ganzen Volk Gottes hin: Das sind die Marksteine des Weges, den Papst Franziskus den US-amerikanischen Bischöfen aufzeigt, um aus der Missbrauchskrise herauszufinden. Ein Kollegengespräch.

Gudrun Sailer und Mario Galgano - Vatikanstadt

Vatican News: Franziskus hat den zu Besinnungstagen versammelten US-amerikanischen Bischöfen einen acht Seiten langen Brief geschrieben. Wie kann man dieses Schreiben einschätzen?

Gudrun Sailer: „Als klar, richtungsweisend und ziemlich kritisch. Wo es nichts zu beschönigen gibt, gibt es nichts zu beschönigen: Missbrauch hat die schwerste Krise der Geschichte der Kirche in den USA ausgelöst, und wir stehen mittendrin. Wie immer spannt Franziskus übrigens sexuellen Missbrauch zusammen mit Gewissensmissbrauch und Machtmissbrauch. Die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in den USA ist am Boden, schreibt er. Allerdings zeigt Franziskus eben auch Wege auf, die die amerikanischen Bischöfe jetzt beschreiten müssen, um sich selbst und in erster Linie ihr Volk aus dieser Krise herauszuführen.“

Hier das Kollegengespräch zum Nachhören

Vatican News: Kurz gefasst, wie sieht dieser Weg aus der Krise aus?

Gudrun Sailer: „Die Basis ist aufrichtige Gewissenserforschung und Selbstkritik. Einsehen, wo man falsch gehandelt hat, wo also ein Bischof sich möglicherweise der Vertuschung schuldig gemacht hat, oder wo er Täter einfach versetzt hat, wo er das Thema verdrängt hat, wo er andere Bischöfe vielleicht beflegelt und beschuldigt hat – auch das ist ja leider vorgekommen. Ein ganz wichtiger Punkt: Brüderlichkeit, das schärft der Papst auf diesen acht Seiten unermüdlich ein. Dieses „seht, wie sie einander lieben“, das schon die frühchristliche Gemeinde auszeichnen soll, und das jede christliche Gemeinschaft durch alle Zeiten immer neu verwirklichen muss gegen alle inneren und äußeren Widerstände. Also: Selbstkritik, Brüderlichkeit, und drittens Öffnung hin zur Gemeinschaft. Da klingt das Thema Klerikalismus an, also innerkatholisches Elitedenken, eine im Grund zutiefst unkirchliche Haltung. Franziskus schreibt den US-Bischöfen ins Gewissen: Alle sind Sünder und brauchen Vergebung, alle, nicht nur die Laienchristen, sondern auch jeder Bischof. Erst mit dieser Haltung wird wieder Vertrauen in den Episkopat wachsen können.“

Vatican News: Gibt es eigentlich Vorbilder für diesen Brief des Papstes an die US-Bischöfe?

Gudrun Sailer: „Gut, in der Missbrauchskrise haben mehrere Päpste mehrere Briefe geschrieben, schon Benedikt XVI. hat das getan, 2010 an die Kirche in Irland; ich erinnere mich, dass die Katholiken in Deutschland damals fast ein wenig aufgebracht waren, dass der Brief nicht auch an sie adressiert war, denn auch in Deutschland war wenige Monate zuvor ein großer Missbrauchsskandal ausgebrochen, rund um das Berliner Canisius-Kolleg. Von Franziskus gab es letzten Sommer zwei bemerkenswerte Briefe in der Missbrauchskrise. Einer betrifft den Rücktritt von Kardinal Donald Wuerl, der im Zug noch nicht ganz geklärter Verdachtsmomente den Papst um Entpflichtung bat. Ein persönlicher offener Brief des Papstes an den Kardinal, in dem Franziskus den Erzbischof von Washington für seine rechtschaffene Gewissenserforschung dankt. Das andere war ein langes Schreiben „an das Volk Gottes“, also an alle Getauften vom 20. August 2018. „Mit Scham und Reue geben wir als Gemeinschaft der Kirche zu, dass wir nicht dort gestanden haben, wo wir eigentlich hätten stehen sollen“, heißt es da unter anderem. Dieses Schreiben ist etwas wie der reflektive Hintergrund des Papstbriefes an die US-Bischöfe. Ansonsten erinnert der ganze Duktus ein wenig an die alljährliche Kurienansprache des Papstes vor Weihnachten. Das sind jeweils Exerzitien-orientierte Texte, Anstöße zur Gewissenserforschung und zur geistlichen Neuausrichtung. Die US-Bischöfe sind zu einer Woche der Besinnung zusammengekommen, da passte der Input des Papstes genau.“

Vatican News: Wäre es nicht besser gewesen, der Papst hätte persönlich zu den Bischöfen gesprochen?

Gudrun Sailer: „Offenbar hatte Papst Franziskus das tatsächlich vor. Er wäre gerne selber zu diesen Exerzitien nach Chicago gereist, schreibt er den Bischöfen. Das war aus logistischen Gründen nicht möglich. Aber er hat als Ersatz diesen Brief geschrieben, er war es ja auch, der den Bischöfen diese Besinnungstage sozusagen verordnete, und er hat ihnen dazu seinen eigenen päpstlichen Hausprediger schickt, Pater Raniero Cantalamessa, auf den Franziskus ganz offensichtlich große Stücke hält. Franziskus hatte ja die US-Bischöfe schon auch ein wenig vor den Kopf gestoßen, als sie bei ihrer Sonderkonferenz Ende letzten Jahres gemeinsame Maßnahmen zur Aufarbeitung und Vorbeugung von Missbrauch verabschieden wollen. Das hat der Papst gestoppt – und die Bischöfe stattdessen in Exerzitien geschickt. In dem Brief jetzt klingt an, Maßnahmen verabschieden reicht nicht aus, das droht nämlich diese ganze Krise auf ein organisatorisches Problem zu reduzieren. Aber Missbrauch und Umgang mit Missbrauch geht viel, viel tiefer. Es braucht einen wirklichen Gesinnungswandel auf persönlicher und institutioneller Ebene, nicht bloß organisatorische Kosmetik. Das ist es, worum es dem Papst geht. In der Frage des Missbrauchs und übrigens auch in der Frage der ganzen großen Kirchenreform.”

(vatican news)

04 Januar 2019, 15:29