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Vatikan: Glaube baut auf Vertrauen, Wissenschaft auf Misstrauen

Die Päpstliche Akademie der Wissenschaften widmet ihre diesjährige Vollversammlung einem Anliegen von Papst Franziskus: Wie können die Errungenschaften der Wissenschaften möglichst vielen Menschen helfen? Wir sprachen mit dem Akademiemitglied Theodor Hänsch, Nobelpreisträger für Physik.

Vatican News: Was ist denn das genaue Thema Ihrer Versammlung in diesem Jahr? Gibt es einen roten Faden bei den Gesprächen unter den anwesenden Wissenschaftlern?

Prof. Hänsch: Es geht um das Thema, wie die Wissenschaft dazu beitragen kann, die großen Probleme der Menschheit zu lösen. Auch wenn man das so nicht sagen kann. Es geht aber sicherlich darum, welche Beiträge wir dazu liefern können, um Probleme zu lindern: Klimawandel, Erziehung, Zugang zu digitaler Information. Gleichzeitig geht es auch darum, Entwicklungen in den verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen kompakt und verständlich vorzustellen.

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Für mich ist es eines der interessantesten Aspekte, dass ich von Gebieten etwas lerne, die normalerweise nicht in meinem Blickfeld sind. Beispielsweise denke ich an die Entwicklung der Stammzellforschung und wie man sie segensreich einsetzen kann, um Krankheiten zu heilen. Wir haben in unseren Gesprächen auch gehört, was Astronomen oder Biologen aus der Medizin zu berichten haben. Es sind viele Themen, bei denen ersichtlich ist, dass es rasche wissenschaftliche Entwicklungen gibt. Hier im Vatikan ist einer der wenigen Orten, wo man eine aktuelle Perspektive geboten bekommt.

Vatican News: Wie lange sind Sie schon Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften?

Prof. Hänsch: Es sind zwölf Jahre. Ich bin 2006 dazugestoßen.

Vatican News: Und für Sie persönlich, was bedeutet diese Mitgliedschaft? Sie haben ja schon gesagt, dass Sie aus anderen wissenschaftlichen Bereichen viel mitbekommen haben. Was hat das denn für eine Bedeutung, dass im Vatikan – also bei einer katholischen Institution – sich Wissenschaftler aus der ganze Welt treffen und gemeinsam sprechen?

Prof. Hänsch: Es gibt sicherlich verschiedene Aspekte. Die Wissenschaftler, die hier berufen worden sind, haben die Freiheit hier zu diskutieren und Themen vorzuschlagen, unabhängig von der Kirche oder Gesellschaft. Selbstverständlich beeinflusst diese Umgebung. Durch den Papst fühlt man sich motiviert, Themen zu wählen, die für die Gesellschaft eine besondere Bedeutung haben. Für die Kirche ist es sicher auch interessant, einen Blick auf die Wissenschaft zu werfen. Es ist sicher so, dass für die Kirche Glaube und Vertrauen wichtig ist. Für die Wissenschaft ist eigentlich Misstrauen wichtig. Denn nur durch das Misstrauen ist man gezwungen, bessere Beweise zu finden und so vielleicht seine Meinung zu revidieren. Dieses Wechselspiel ist in diesem Zusammenhang sehr reizvoll.

Vatican News: Papst Franziskus war ja selber ursprünglich auch einmal Chemietechniker. Sie selber kommen aus dem Bereich der Physik. Spürt man bei ihm diesen naturwissenschaftlichen Hintergrund und Vergangenheit?

Prof. Hänsch: Zumindest ist er offen für das, was die Wissenschaft beitragen kann. Sein Vorgänger Papst Benedikt XVI. war zwar kein Naturwissenschaftler, aber ein Gelehrter. Er war auch offen. Aber natürlich ist es hier auch ein Spannungsfeld, was wir hier spüren. In gewisser Weise ist es ein Wechsel. So kann vielleicht die Wissenschaft dem Weltbild der Kirche beitragen, aber andererseits kann die Kirche der Wissenschaft unserem Verständnis helfen, warum wir überhaupt Wissenschaften betreiben.

Das Gespräch führte Mario Galgano.

Der 77jährige Theodor Hänsch ist Direktor am Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching bei München. Er gilt als einer der Pioniere der Laserspektroskopie. Gemeinsam mit John Lewis Hall und Roy J. Glauber (beide USA) wurde er im Dezember 2005 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet.

(vatican news)

14 November 2018, 13:54