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Clemens Blattert S.J. Clemens Blattert S.J. 

Der Synodenblog - Tag 9

Dreieinhalb Wochen debattieren Bischöfe, Fachleute und auch einige Jugendliche aus der ganzen Welt im Vatikan über Jugend, Glaube und Erkenntnis der Berufung. Mit dabei als eingeladener Experte aus Deutschland: Clemens Blattert SJ. Er schreibt für Vatikan News einen Blog. Heute: Tag 9.

Liebe Leserinnen und Leser,

synodos heißt gemeinsam vorangehen. Die Bischöfe haben sich gemeinsam auf den Weg gemacht. Sie gehen und gehen; und vereinzelt, aber im Verlauf der Synode doch häufiger werdend, stellen sie sich einander die Frage, wo die Reise eigentlich hingehen soll. Das kristallisiert sich besonders in zwei Frage heraus: Welcher Natur soll das Abschlussdokument sein und an wen richtet es sich?

Der heilige Ignatius lässt den Beter am Beginn einer jeden Gebetszeit eine Bitte formulieren. Es ist ein wenig so, als ob man vor dem Gebet angibt, in welche Richtung es gehen soll. Modern gesprochen könnte man auch von einer Zielvereinbarung sprechen. Wahrscheinlich würde es das Arbeiten hier auf der Synode vereinfachen, wenn das Ziel klarer wäre. Leider verhallen jedoch die Fragen nach dem für wen oder für was. Da war es für mich heute interessant einen Bischof in der deutschen Sprachgruppe zu erleben, der ganz gelassen gesagt hat: „Ach, Zeiten der Rat- und Orientierungslosigkeit sind normal bei solchen Treffen. Irgendwann zeigt sich die Richtung.“ Diese Gelassenheit gefällt mir! Mir gefällt aber ebenso, die Klarheit eines Ignatius. Und wer weiß, vielleicht würde mehr Kraft fließen, wenn wir jetzt schon ein Ziel und eine Richtung hätten.

Klar scheint wohl zu sein: Für die Ansprache an die Jugend braucht es kein lehramtliches Dokument, da bedarf es eher einer eingängigen Botschaft des Papstes oder der Synode. Aber für wen arbeiten wir dann hier eigentlich? Es scheint, dass das Dokument allein für die Kirche (Papst, Bischöfe, Seelsorger) erstellt werden soll, damit diese eine Quelle der Inspiration finden – und hoffentlich umsetzen, was sie gelernt haben durch die Auseinandersetzung mit der Lebenswirklichkeit der Jugend. Mal schauen, ob das klappt…

Wir haben nun wieder drei Tage den sogenannten Interventi zum 2. Teil des Arbeitsdokuments gelauscht. Dabei wurde deutlich, wie anspruchsvoll der gewünschte Weg der Unterscheidung ist. Der erste Schritt sollte das Wahrnehmen sein. Nun folgt der zweite Schritt: Interpretieren. Was kommt uns aus dem Wahrgenommenen an Anruf Gottes entgegen? Was zeigt sich an „Offenbarung und Einladung Gottes“ an uns Menschen? Aber genau darauf gab es kaum antworten. Es wurde zwar immer wieder gesagt, was wichtig ist, damit Leben gelingt. Aber es wurde eigentlich gar nicht darüber gesprochen, geschweige denn interpretiert, dass junge Menschen z.B. die digitale Welt sehr bewegt, die gemachten Erfahrungen dort aber sehr ambivalent sind. Was bedeutet das für die Kirche? Und was ist mit der Feststellung, dass junge Menschen unruhig und unzufrieden sind. Was hört man darin an Wirken des Geistes? Fragen, die Antworten bedürfen.

Ich muss sagen, das Zuhören im Auditorium war in den letzten Tagen ermüdend. Belebend war dann heute wieder der Beginn der Kleingruppen. Eine gewisse Unzufriedenheit ist auch bei den Bischöfen spürbar. Wir wollen hier jetzt einen substantiellen Beitrag für die Synode leisten und zum Anwalt der Hoffnungen und Erwartungen der jungen Leute werden. Mal sehen, ob die deutschsprachigen Bischöfe heraushören, was da an leisem Säuseln des Heiligen Geistes wahrnehmbar ist – und vielleicht wird dann, wenn man die Landkarte in der Hand hat und Gott der Kompass ist, auch klar, wo die Reise hingeht.

Noch ein persönlicher Abschluss: In der Aula hat ein 26-jähriger Zahnarzt aus dem Irak ein bewegendes Zeugnis abgelegt. Er erzählte, wie viele junge Menschen, vor allem Christen, durch die fanatische IS umgebracht worden sind. Jugendliche haben trotzdem den Mut und gehen am Sonntag zur Eucharistiefeier. Ihm sei noch lebendig vor Augen, wie sich Freunde von ihm ins Wochenende verabschiedet haben mit den Worten: „Wir sehen uns nächste Woche.“ Doch dazu kam es nicht. Sie haben sich nie mehr wiedergesehen, weil die Freunde bei ihrem Gottesdienstbesuch am Sonntag getötet wurden. Er bat um unser Gebet, weil es den jungen Menschen Kraft und Mut gibt, wenn wir ihnen unsere Solidarität zeigen und mit ihnen in Gemeinschaft sind. Und am Ende sagte er: Heiliger Vater, ich darf Ihnen eine besondere Botschaft der Jugend aus dem Irak überbringen: „See you one day in Iraq!“ Es brandete langanhaltender Applaus auf und ich muss sagen, in mir stiegen Tränen auf...

Bewegende Momente von lebendiger Kirche!

Clemens Blattert SJ

12 Oktober 2018, 17:20