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Die Audienz für das Päpstliche Komitee für Geschichtswissenschaften Die Audienz für das Päpstliche Komitee für Geschichtswissenschaften 

Franziskus: Historiker müssen an dokumentierter Realität festhalten

Der Historiker des Christentums sollte darauf bedacht sein, den Reichtum der verschiedenen Realitäten zu erfassen, in denen das Evangelium im Laufe der Jahrhunderte verkörpert wurde und weiterhin verkörpert wird. Daran erkenne man „das fruchtbare Wirken des Heiligen Geistes in der Geschichte“. Das hob Papst Franziskus an diesem Samstag bei einer Audienz für das Päpstliche Komitee für Geschichtswissenschaften hervor.

Mario Galgano - Vatikanstadt

Der Papst erinnerte die anwesenden Historiker während der Audienz im Vatikan an eine Anekdote eines seiner Vorgänger:

„Vor einhundert Jahren, am 6. Februar 1922, gab Papst Pius XI., ein Bibliothekar und Diplomat, der Kirche und der Zivilgesellschaft eine entscheidende Orientierung durch ein Zeichen, das damals sicherlich überraschend war. Unmittelbar nach seiner Wahl wollte Papst Pius XI. (Achille Ratti) sein Pontifikat mit einem Blick aus der Außenloggia der Vatikanbasilika einleiten, anstatt aus der Innenloggia, wie es seine drei Vorgänger getan hatten. 40 Minuten lang soll versucht worden sein, das Fenster zu öffnen, das im Laufe der Zeit verrostet war, weil es nie benutzt wurde. Mit dieser Geste lud Pius XI. uns ein, den Blick auf die Welt zu richten und uns in den Dienst der Gesellschaft unserer Zeit zu stellen.“

Die Audienz im Vatikan
Die Audienz im Vatikan

Die Geschichte der Kirche sei ein Ort der Begegnung und der Auseinandersetzung, an dem sich der Dialog zwischen Gott und den Menschen entwickele, fuhr Franziskus fort; der Glaube sei somit eine Verbindung des Denkens mit dem Konkreten. Das sei eine der Erkenntnisse, die Historikern nicht femd sei, so der Papst mit einem weiteren bildlichen Beispiel:

Zum Nachhören - was der Papst bei der Audienz sagte

„Ich denke dabei an den großen Historiker Cesare Baronio, der auf der Vorderseite einer Kaminhaube folgende Inschrift hinterlassen hat: Baronius coquus perpetuus. Als bewundernswerter Gelehrter und Mann großer Tugendhaftigkeit betrachtete er sich nicht als Historiker, sondern als ,Koch der Gemeinschaft'; ein Amt, das ihm in seiner Jugend vom heiligen Philipp Neri übertragen worden war. Nicht selten fanden berühmte Persönlichkeiten, die ihn um Rat fragten, ihn in seiner Küchenschürze bei der Arbeit und mit dem Waschen von Schüsseln beschäftigt. So führen sozusagen Theorie und Praxis vereint zur Wahrheit.“

Werkstatt des Friedens

Das päpstliche Komitee, das nach dem Willen des ehrwürdigen Pius XII. im Dienste der Päpste, des Heiligen Stuhls und der Ortskirchen stehen soll, sei verpflichtet, das Studium der Geschichte zu fördern, „das für die Werkstatt des Friedens unentbehrlich ist“, sagte Franziskus. Die Geschichtswissenschaft sei somit ein Mittel des Dialogs und der Suche nach konkreten und friedlichen Lösungen zur Beilegung von Meinungsverschiedenheiten. Auch gehe es darum, die Menschen und die Gesellschaften besser kennenzulernen. Weiter sagte Franziskus: „Ich wünsche mir, dass die Historiker mit ihren Forschungen, mit ihren Analysen der Dynamiken, die das menschliche Geschehen prägen, dazu beitragen,  mutig Prozesse eines konkreten Austausches in der Geschichte von Völkern und Staaten einzuleiten.“

„Ich wünsche mir, dass die Historiker mit ihren Forschungen, mit ihren Analysen der Dynamiken, die das menschliche Geschehen prägen, dazu beitragen, mutig Prozesse eines konkreten Austausches in der Geschichte von Völkern und Staaten einzuleiten.“

Austausch mit osteuropäischen Kollegen wieder aufnehmen

Die derzeitige Situation in Osteuropa erlaube es den Historikern des päpstlichen Komitees im Moment nicht, einige ihrer üblichen Gesprächspartner im Rahmen der Konferenzen zu treffen, bei denen sie seit Jahrzehnten sowohl mit der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau als auch mit den Historikern des orthodoxen Patriarchats von Moskau zusammenarbeiten würden. „Aber ich bin sicher, dass Sie die richtigen Gelegenheiten ergreifen können, um diese gemeinsame Arbeit wieder aufzunehmen und zu intensivieren, was ein wertvoller Beitrag zur Förderung des Friedens sein wird“, so Franziskus weiter. Während die Geschichte oft von Kriegsereignissen, von Konflikten durchdrungen sei, erinnere ihn das Studium der Geschichte an den Bau von Brücken, „die fruchtbaren Beziehungen zwischen Menschen, zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen, zwischen Christen verschiedener Konfessionen ermöglicht“.

Aus 14 Ländern

Derzeit besteht der vatikanische Ausschuss aus Mitgliedern aus 14 Ländern und von drei Kontinenten. „Ich freue mich, dass diese Vielfalt Ausdruck einer multikulturellen, internationalen und multidisziplinären Dynamik ist“, so der Papst. Ihre Teilnahme am XXIII. Kongress des Internationalen Komitees für Geschichtswissenschaften im kommenden August in Poznan mit einem Runden Tisch zum Thema „Der Heilige Stuhl und die Revolutionen des 19. und 20. Jahrhunderts“ werde dabei eine weitere Gelegenheit sein, die ihnen anvertraute Mission zu erfüllen, erinnerte der Papst.

Der Papst ermutigte seine Gäste abschließend zu einer Forschungs- und Lehrtätigkeit, die „offen für den heilsgeschichtlichen Horizont" sein solle, schloss der Papst seine Rede ab.

(vatican news)

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28. Mai 2022, 11:55