Suche

Papst Franziskus (Archivbild) Papst Franziskus (Archivbild) 

Papst Franziskus: Kinderschutz ist Chefsache

Schutz und Fürsorge für missbrauchte Personen soll laut Franziskus „zur Norm in allen Bereichen des kirchlichen Lebens“ werden. In einer Ansprache an die Päpstliche Kinderschutzkommission erklärte Franziskus an diesem Freitag erstmals seit Veröffentlichung der neuen Kurienverfassung „Praedicate Evangelium“, wo er den Kinderschutz in der Kirche fortan verortet wissen will, nämlich an oberster Stelle.

Anne Preckel - Vatikanstadt

In seiner Ansprache an die Päpstliche Kinderschutzkommission, die der Papst selbst 2014 eingerichtet hat, ließ Franziskus keinen Zweifel daran, dass Kinderschutz und Missbrauchsprävention für ihn oberste Priorität haben. Ab Pfingsten 2022 ist das Gremium, das dem Papst direkt Bericht erstattet, als Teil der Kurie im neuen Dikasterium für die Glaubenslehre eingesetzt, wie es der Artikel 78 der neuen Kurienverfassung „Praedicate Evangelium“ festhält.

„in diesen Menschen das Zeugnis unseres leidenden Erlösers erkennen.“

„Missbrauch in all seinen Formen ist inakzeptabel“, unterstrich der Papst in seiner Rede an diesem Freitag. Sexueller Missbrauch von Kindern sei „besonders schwerwiegend, weil er das Leben in seiner Blütezeit verletzt. Anstatt aufzublühen, wird die missbrauchte Person verwundet, manchmal unauslöschlich“. Die Überlebenden von Missbrauch will Franziskus ins Zentrum stellen; so forderte er die Päpstliche Kinderschutzkommission dazu auf, „fleißig und mutig daran zu arbeiten, diese Wunden bekannt zu machen, diejenigen aufzusuchen, die darunter leiden, und in diesen Menschen das Zeugnis unseres leidenden Erlösers zu erkennen“.

Selbständiges Arbeiten unter dem Dach des Dikasteriums

„Das ist nicht meine Absicht und nicht meine Erwartung. Ich fordere Sie auf, wachsam zu sein, damit dies nicht geschieht.“

Franziskus erläuterte dann näher, was es mit der Ansiedlung der Päpstlichen Kinderschutzkommission im Dikasterium für die Glaubenslehre ab Juni auf sich hat. Noch bevor er zu den Aufgaben der Kommission kam, entkräftete er Bedenken, dass diese Umstrukturierung zu weniger Unabhängigkeit führen könne: „Vielleicht denken manche Menschen, dass diese Stellung Ihre Gedanken- und Handlungsfreiheit gefährdet oder vielleicht sogar die Bedeutung der Dinge, mit denen Sie sich beschäftigen, schmälert. Das ist nicht meine Absicht und nicht meine Erwartung. Ich fordere Sie auf, wachsam zu sein, damit dies nicht geschieht.“

Die Kommission sei im Dikasterium für die Glaubenslehre eingerichtet worden, um sich mit sexuellem Missbrauch durch Mitglieder des Klerus zu befassen, so Franziskus. Gleichwohl habe er zwischen der Organisationsebene und den eigentlichen Mitgliedern des Gremiums, das selbständig arbeiten soll, unterschieden, erklärte der Papst. Die Kommission sei im Dikasterium für die Glaubenslehre angesiedelt worden, „weil es nicht möglich war, eine ,Satellitenkommission' zu haben, die ohne Anbindung an das Organigramm unterwegs ist. Sie ist da, aber mit einem eigenen, vom Papst ernannten Präsidenten." Über diesen Präsidenten der Kommission, derzeit Kardinal Sean Patrick O’Malley, sei die Kinderschutzkommission weiter direkt ihm selbst unterstellt, so Franziskus.

Schutz und Fürsorge als Standard - überall

„Es ist Ihre Aufgabe, die Reichweite dieser Mission zu erweitern, damit der Schutz und die Fürsorge für missbrauchte Personen zur Norm in allen Bereichen des kirchlichen Lebens wird.“

„Die Apostolische Konstitution markiert einen Neuanfang“, ordnete der Papst vor dem Gremium die Umstrukturierung ein, mit der die Kinderschutzkommission unter das Dach des neuen Dikasteriums für die Glaubenslehre wandert. Und er bekräftigte, dass die Kinderschutzkommission „im Organigramm der Kurie in diesem Dikasterium" verordet sei, „aber unabhängig, mit einem vom Papst ernannten Präsidenten. Unabhängig". 

Wichtiges sei bereits erreicht worden, viel bleibe aber noch zu tun, so Franziskus. Ziel sei es, den Kampf gegen Missbrauch in der Kirche noch mehr voranzutreiben und neue Standards zu etablieren, und zwar im Sinne der Betroffenen: „Es ist Ihre Aufgabe, die Reichweite dieser Mission zu erweitern, damit der Schutz und die Fürsorge für missbrauchte Personen zur Norm in allen Bereichen des kirchlichen Lebens wird“, wandte sich Franziskus an die Mitglieder der Kinderschutzkommission.

Die Kinderschutzkommission solle etwa weltweit die Bischofskonferenzen weiter dabei unterstützen, Zentren der Begegnung und des Zuhörens für Missbrauchsüberlebende und deren Familien einzurichten, wie er sie selbst im Motu proprio „Vos estis lux mundi“ (vgl. Art. 2) angeregt habe, so der Papst. Damit habe man schon gute Erfahrungen gemacht, lobte er: „Ich habe mit Interesse verfolgt, wie die Kommission seit ihrer Gründung Orte geschaffen hat, um Opfern und Überlebenden zuzuhören und mit ihnen zusammenzukommen. Sie waren eine große Hilfe in meiner seelsorgerischen Mission für diejenigen, die mit ihren schmerzlichen Erfahrungen zu mir gekommen sind. (…) Dieses Engagement wird auch ein Ausdruck des synodalen Charakters der Kirche, der Gemeinschaft und der Subsidiarität sein.“ Franziskus erinnerte zudem an die internationale kirchliche Kinderschutzkonferenz 2019 im Vatikan, die wichtige Impulse in die Ortskirchen gebeben hat. 

„Best pratices“ und jährlicher Report

Die Kinderschutzkommission solle proaktiv und vorausschauend „best practices“ vorschlagen, „mit denen die Kirche Kinder und gefährdete Menschen schützen und den Überlebenden bei der Heilung helfen kann“, ging der Papst auf die Hauptaufgabe des Gremiums ein. Dabei sollten „Gerechtigkeit und Prävention einander ergänzen“, hielt er fest. „Sie müssen Kommissionen einrichten und alle Mittel zur Verfügung stellen, um sich um missbrauchte Menschen zu kümmern, mit allen Methoden, die Ihnen zur Verfügung stehen, und auch um die Täter, wie sie zu bestrafen sind. Und das müssen Sie beaufsichtigen. Ich bitte Sie. Ich bitte Sie."

Die enge Zusammenarbeit mit dem Dikasterium für die Glaubenslehre und anderen Dikasterien solle die Arbeit des Kinderschutz-Gremiums bereichern, so Franziskus, umgekehrt komme die Kinderschutzkommission der Kurie und den Ortskirchen zugute. So solle die Kinderschutzkommission die Bischofskonferenzen im Kampf gegen Missbruach unterstützen und diese „im Dialog beaufsichtigen", so der Papst.

„Das mag anfangs schwierig sein, aber ich bitte Sie, dort anzusetzen, wo es nötig ist...“

Die Zahl der Fälle von Kindesmissbrauch durch Geistliche sei weltweit dort, wo zuverlässige Daten und Ressourcen zur Verfügung stünden, seit mehreren Jahren rückläufig, referierte der Papst. Und er machte vor seinen Mitarbeitern deutlich, dass er die weitere Entwicklung weltweit sehr genau abgebildet wissen will und beauftragte damit die Kinderschutzkommission:

„Ich möchte, dass Sie für mich jährlich einen Bericht über die Bemühungen der Kirche zum Schutz von Kindern und schutzbedürftigen Erwachsenen erstellen. Das mag anfangs schwierig sein, aber ich bitte Sie, dort anzusetzen, wo es nötig ist, damit wir einen zuverlässigen Bericht darüber erstellen können, was passiert und was sich ändern muss, damit die zuständigen Behörden handeln können. Ein solcher Bericht wird ein Faktor für Transparenz und Rechenschaftspflicht sein und - so hoffe ich - einen klaren Hinweis auf unsere Fortschritte in diesem Bemühen geben.“

Der Vertrauensverlust gegenüber der Kirche sei mit der Missbrauchskrise verknüpft: „Wenn es keine Fortschritte gibt, werden die Gläubigen weiterhin das Vertrauen in ihre Pastoren verlieren, was es immer schwieriger macht, das Evangelium zu verkünden und zu bezeugen“, so Franziskus. Er erinnerte zugleich daran, dass alle Glieder der Kirche - Bischöfe, Ordensobere, Priester, Diakone, Geweihte, Katecheten, Laien – Missbrauch verhindern und sich für Gerechtigkeit und Heilung einsetzen müssen.

Hier zum Hören

(vatican news)

 

Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen.

29. April 2022, 13:04