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Der orthodoxe Metropolit Emmanuel von Chalzedon und Papst Franziskus Der orthodoxe Metropolit Emmanuel von Chalzedon und Papst Franziskus 

Papst an Orthodoxe: Lasst uns alte Vorurteile abbauen

Die „dramatische Covid-Krise“ ist „eine Geißel“, aber auch ein „Testfall“, um die Gestaltung der Zukunft zu überdenken. Daran erinnerte der Papst in einer Audienz für die orthodoxe Delegation aus Konstantinopel. Die Gäste aus dem Osten sind anlässlich des Peter-und-Pauls-Festes von diesem Dienstag im Vatikan zugegen.

Mario Galgano - Vatikanstadt

Die Pandemie hat Leid und Tod gebracht, aber auch ein Überdenken des Umgangs miteinander, sagte Papst Franziskus an diesem Montag den orthodoxen Gästen. Man sei nun „an einem Scheideweg in der Frage der vollen Gemeinschaft“ angelangt. Es gebe nun „zwei Wege“, so der Papst in seiner Ansprache an Vertreter des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel an. Die Gäste aus der Türkei wurden im Apostolischen Palast im Rahmen des traditionellen Austauschs von Delegationen zu den Festen der jeweiligen Schutzpatrone empfangen. Am 29. Juni findet die Feier in Rom zum Fest der Heiligen Petrus und Paulus statt, und am 30. November feiern die Orthodoxen in Istanbul das Fest des Heiligen Andreas.

Geschenkeaustausch während der Audienz im Vatikan
Geschenkeaustausch während der Audienz im Vatikan

Der Delegation aus dem Phanar sagte der Papst über die beiden Wege: „Der eine Weg ist der des Rückzugs in sich selbst, auf der Suche nach der eigenen Sicherheit und den eigenen Möglichkeiten, und dann ist auf der anderen Seite jener Weg der Offenheit für andere, mit den Risiken, die das mit sich bringt, aber vor allem mit den Früchten der Gnade, die Gott garantiert.“

Zum Nachhören - was der Papst an die orthodoxe Delegation sagte

Schlimmer als die gegenwärtige Krise wäre es deshalb, die Möglichkeit der Annäherung zu verpassen, betonte der Papst in seiner Ansprache und wiederholte damit eine Warnung, die er während dieses anderthalbjährigen Gesundheitsnotstands bei vielen Gelegenheiten wiederholt hatte. Die Lehren aus der Krise wären verschwendet, wenn man nicht daraus lernen würde, mit Demut die Fehler der Vergangenheit anzupacken. Man müsse also zunächst die Fehler der Vergangenheit vergegenwärtigen, so der Papst:

„Schon jetzt kann der große Wunsch, zur Normalität zurückzukehren, den sinnlosen Vorwand verdecken, wieder auf die falsche Sicherheit zu setzen, auf Gewohnheiten und Projekte, die ausschließlich auf Profit und die Verfolgung der eigenen Interessen abzielen, ohne sich um die Ungerechtigkeiten in der Welt, den Schrei der Armen und die prekäre Gesundheit unseres Planeten zu kümmern.“

Grüße vom Patriarchen aus Konstantinopel
Grüße vom Patriarchen aus Konstantinopel

Eine Unterscheidung zwischen dem, was bleibt und dem, was vergeht

Das gelte auch und vor allem für Christen, „die ernsthaft aufgerufen sind, sich zu fragen, ob wir alles so weitermachen wollen wie bisher, als ob nichts geschehen wäre, oder ob wir die Herausforderung dieser Krise annehmen wollen“, fuhr Franziskus fort. Die Krise zeige auf, dass man zwischen dem unterscheide müsse, „was gut und was schlecht ist“. Da müsse man sich ein Vorbild von den Bauern nehmen, die das gute Korn von der Spreu trennen, die weggeworfen werden soll. Papst Franziskus wörtlich:

„Die Krise fordert uns also auf, eine Auswahl zu treffen, eine Unterscheidung zu treffen, innezuhalten und zu prüfen, was von allem, was wir tun, bleibt und was vergeht.“

Für die Christen „auf dem Weg zur vollen Gemeinschaft“ gehe es also darum, von den Grundlagen auszugehen und zu fragen, „wie wir vorgehen wollen.“ Das heißt, nicht mehr mit den „alten Vorurteilen“ und „schädlichen Rivalitäten“ fortzufahren und stattdessen diese Mauern niederzureißen und „eine neue Phase der Beziehungen zwischen unseren Kirchen einzuleiten, die dadurch gekennzeichnet ist, dass wir mehr gemeinsam gehen, dass wir echte Schritte nach vorne machen wollen, dass wir uns wirklich füreinander mitverantwortlich fühlen“, erläuterte der Papst die konkreten Schritte.

Unterschiede, die mit Dialog und Nächstenliebe zu überwinden sind

Für Franziskus sei es heute entscheidend, diesen Weg zu gehen, auch wenn man den Blick auf die „Unterschiede“ nicht außer Acht lassen solle. Diese müssten aber, „im Dialog, in der Liebe und in der Wahrheit überwunden werden“, so der Papst.

Dann wiederholt er, was er seinen orthodoxen Geschwistern bereits im Brief vom 30. November 2020, dem Fest des Apostels Andreas, an Patriarch Bartholomaios bekräftigt hatte, in dem er auf die „Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft hofft, die durch die Teilnahme am selben eucharistischen Altar zum Ausdruck kommt“.

Orthodoxe und Katholiken im Dialog mit anderen Religionen

Der Papst sagte auch, er sei sicher, dass das Zeugnis der wachsenden Gemeinschaft unter den Christen „ein Zeichen der Hoffnung für viele Männer und Frauen sein wird, die sich ermutigt fühlen werden, eine universellere Geschwisterlichkeit und eine Versöhnung zu fördern, die fähig ist, das Unrecht der Vergangenheit zu beheben“: „Es ist der einzige Weg, eine Zukunft des Friedens zu eröffnen“, bekräftigte der Papst. Ein weiteres „prophetisches“ Zeichen, fügte der Papst hinzu, werde auch eine engere Zusammenarbeit zwischen Orthodoxen und Katholiken im Dialog mit anderen religiösen Traditionen sein.

Ehrerbietung des Papstes
Ehrerbietung des Papstes

Der Gruß an Patriarch Bartholomäus

Zum Abschluss der Audienz sandte Franziskus seine herzlichen Grüße an Patriarch Bartholomaios, der wegen Covid-Vorsichtsmaßnahmen diesmal nicht nach Rom reisen konnte. „Ich empfinde ihn als meinen wahren Bruder“, sagt Franziskus, der die tiefe Verbundenheit mit dem orthodoxen Primas nie verleugnet hat.

„Sagen Sie ihm, dass ich ihn mit Freude hier in Rom im nächsten Oktober erwarte. Das wird eine Gelegenheit sein, um Gott am 30. Jahrestag seiner Wahl zu danken.“

Nach der Audienz beim Papst traf die Delegation aus Konstantinopel mit dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen unter der Leitung von Kardinal Kurt Koch zusammen. An diesem Dienstag, dem 29. Juni, nimmt die orthodoxe Delegation an der vom Papst geleiteten feierlichen Zeremonie im Petersdom zum Fest der Heiligen Petrus und Paulus teil.

(vatican news)

28 Juni 2021, 12:18